«Der IS konnte marokkanische Kleinkriminelle rekrutieren»

Einige der Terroristen von Brüssel und Paris stammen aus Marokko. Pierre Vermeren, Professor für maghrebinische Geschichte an der Pariser Sorbonne, sieht enge Verbindungen zwischen dem dschihadistischen Terrorismus und den Netzwerken für den Haschisch-Handel im marokkanischen Rif-Gebirge.

Blick auf dei Stadt Chefchaouen im Rif-Gebirge im Norden Marokkos in der Abenddämmerung.

Bildlegende: Die Stadt Chefchaouen im Rif-Gebirge im Norden Marokkos, südlich von Tanger und Ceuta am Mittelmeer bei Gibraltar. imago

Mehrere der Terroristen, die in Brüssel und im November in Paris Terroranschläge durchgeführt haben, stammen aus Familien, die ursprünglich aus Marokko nach Belgien und Frankreich eingewandert sind. Pierre Vermeren, Professor für Geschichte des Maghreb an der Universität Paris Sorbonne, überrascht das wenig. Er ist überzeugt, dass die dschihadistische Ideologie der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) bei den Kindern gewisser marokkanischer Zuwanderer auf besonders fruchtbaren Boden fällt, wie Vermeren im «Echo der Zeit» sagt:

«Der IS und andere dschihadistische Gruppen suchen ihre Kämpfer in Europa. Dabei sind sie auf ein grosses Reservoir junger Marokkaner gestossen, die ihre Wurzeln vor allem im Rif-Gebirge im Norden Marokkos haben. Die Region erlebte im 20. Jahrhundert leidvolle Kriege. Die Leute dort sind spezialisiert auf den Export von Haschisch. Darum gibt es gut eingespielte kriminelle Netzwerke. Und in diesen Netzwerken ist es den Ideologen des IS gelungen, vor allem Kleinkriminelle zu rekrutieren.»

SRF News: Sie haben die Geschichte der Berber im marokkanischen Rif-Gebirge erwähnt. Was hat denn ihren Hass auf den Westen gefördert?

Pierre Vermeren: Die Berber haben im 20. Jahrhundert eine extrem gewaltreiche und leidvolle Geschichte erlebt, die von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Zu den Tragödien dieser Gegend gehört der Rif-Krieg Anfang der 1920-er Jahre in Marokko gegen Spanien. Damals kamen bei Angriffen mit Senfgas tausende Menschen ums Leben.

Die spanischen Generäle Felipe Navarro und Frederico Berenguer 1924.

Bildlegende: 1921 eröffnete Spanien den Rif-Krieg (2. Marokkanischer Krieg) von der besetzten Küste aus ins nord-östliche Marokko. Imago

Dann folgte die Invasion des Rif-Gebirges durch französische Truppen. Als Marokko später unabhängig wurde, kämpften die Berber für ihre Unabhängigkeit und wurden erneut bombardiert – mit tausenden Todesopfern.

Auch spätere Aufstände, zuletzt 2011, wurden brutal niedergeschlagen. Das heisst, die Berber sind ein Volk mit einer äusserst brutalen Geschichte, in der viele dem Staat – egal welchem – ablehnend gegenüber stehen. Ich denke, das begünstigt den Extremismus. Umso mehr als diese Region religiös eher konservativ ist.

Und wieso sind diese marokkanischen Kleinkriminellen für die islamistische Ideologie besonders empfänglich?

Zunächst haben diese jungen Männer Schuldgefühle. Sie leben ja in den Augen der Religion ihrer Väter in grosser Sünde. Sie trinken, sie tun eine ganze Reihe von Dingen, die in den Augen des Islam nicht zu entschuldigen sind. Gleichzeitig hegen viele Hassgefühle gegen Marokko und Spanien und gegen Frankreich und Belgien.

Wenn es den Predigern des IS dann gelingt, sie zu überzeugen, stellen die jungen Männer ihre gesamten kriminellen Fähigkeiten in den Dienst der Terrormiliz. Es zeigt sich, dass es ein paar Imame und Personen sind, die dieses Netz seit Jahren kontrollieren. Und aus diesem Kreis junger Marokkaner rekrutieren sie in Europa ihren Nachwuchs.

Haben denn diese jungen Terroristen in der Regel die Unterstützung ihrer Familie?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich glaube, die meisten sagen sich los von ihren Familien. Aber klar, sie kommen aus einer Gesellschaft, in der die familiäre Loyalität sehr weit geht. Nur so ist zu erklären, dass sich etwa einer der mutmasslichen Drahtzieher der Attentate in Paris, Salah Abdeslam, so lange verstecken konnte. In diesen Gesellschaften gilt, dass man den Clan schützt und dass man sich nicht einmischt, in das, was ausserhalb dieser Gruppe passiert. Das heisst aber nicht, dass man kriminelle Machenschaften billigt.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Gesellschaften dieser marokkanischen Zuwanderer in Frankreich und in Belgien?

Es gibt keine grossen Unterschiede. Aber in den Niederlanden sind diese Zuwanderer besser integriert und die meisten sind Händler. In Frankreich und Belgien hingegen haben viele in der Stahlindustrie und in Minen gearbeitet. Dort wurden in den letzten Jahren Hunderttausende entlassen, ohne dass man sich um sie gekümmert hätte. Ein weiterer Unterschied ist, dass diese Gruppen in Frankreich von der Polizei strenger überwacht werden. In Belgien konnten sich die extremen Imame mehr oder weniger organisieren, wie sie wollten.

Was müsste getan werden, um näher an diese ziemlich isolierten Gesellschaften heranzukommen?

Ich glaube, jetzt wird man viel enger mit den religiösen Führern, mit der Polizei in Frankreich und Marokko sowie mit den Geheimdiensten zusammenarbeiten. Man weiss, dass tausend oder mehr dieser jungen Europäer mit Wurzeln im marokkanischen Rif-Gebirge heute im Nahen Osten kämpfen. Sie werden irgendwann zurückkommen. Und dann muss man sie extrem gut überwachen, um zu verhindern, dass es zu neuen Gewalttaten kommt. Und dann muss man sich um die Jugend in den urbanen Gettos kümmern. Diese Kinder und Jugendlichen hat man in Frankreich zum Teil und in Belgien völlig vernachlässigt.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Pierre Vermeren

Porträt von Pierre Vermeren.

Wikimedia (AimeeBla)

Der Historiker Pierre Vermeren (1966) ist Professor an der Universität Paris Panthéon-Sorbonne. Sein Spezialgebiet ist die zeitgenössische Geschichte des Maghreb (Nordwestafrika) und der Arabo-Berber.