«Der Kommandant war kein Ukrainer, sondern Russe»

In der Ostukraine wird die Stimmung zusehends aggressiver. Dies berichtet ARD-Korrespondent Bernd Musch-Borowska. Er wurde am Freitag während eines Interviews mit SRF von maskierten Männern abgeführt. Er erzählt nun, was vorgefallen ist, und was er als nächstes befürchtet.

Pro-russische Aktivisten besetzen das regionale Polizeigebäude in Donetzk.

Bildlegende: Pro-russische Aktivisten besetzen das Polizeigebäude in Donezk. Keystone

Plötzlich tauchten sie auf. Immer mehr bewaffnete Demonstranten. So berichtete ARD-Korrespondent Bernd Musch-Borowska aus Donezk am Freitag kurz vor der Sendung «Echo der Zeit». Aus Sicherheitsgründen wurde das Gespräch abrupt abgebrochen. Was war geschehen?

«  Die Anführer, alle schwer bewaffnet, machten an einem Tisch Lagebesprechung. »

Bernd Musch-Borowska
Korrespondent ARD

Bernd Musch-Borowska: Als wir telefonierten rannte eine Gruppe Männer auf mich zu mit Masken auf dem Gesicht und Baseballschlägern in der Hand. Das war natürlich unheimlich, denn ich konnte nicht wissen, was sie von mir wollten. Sie sahen gefährlich aus. Sie haben mich bedrängt, wollten wissen, was ich hier will. Sie haben mich dann gezwungen, mit in das Gebäude zu gehen. Ich bin von einem Anführer zum nächsten weitergereicht worden bis ich am Ende tatsächlich in der Kommandozentrale stand. Da standen die Anführer – alle schwer bewaffnet – an einem Tisch und haben Lagebesprechung gemacht. Und ich wurde in einem Hinterzimmer befragt. Ich habe mich dann unterhalten mit dem Kommandanten. Die Situation entspannte sich und zum Schluss konnte ich dann das Gebäude wieder frei verlassen.

SRF: Wer sind die Männer, die das Gebäude besetzen und Journalisten bedrängen?

Unter den Aktivisten sind auch Leute, die militärische Erfahrung haben. Und der eine Kommandeur, mit dem ich gesprochen habe, hat mir gesagt, er sei kein Ukrainer, sondern Russe und extra aus Moskau gekommen, um hier seinen ukrainischen Freunden zu helfen. Das wirft ein anderes Licht auf diese ganze Situation. Denn der russische Aussenminister Lawrow hat gerade gestern noch betont, es gebe keine Russen in diesen Gebäuden, das sei alles westliche Propaganda. Vielleicht ist Herr Lawrow da nicht richtig informiert. Es sind sehr radikale Aktivisten, die entschlossen sind, gegen die eigene Regierung in Kiew zu kämpfen, um ein Referendum durchzuführen, um sich – und das hört man immer wieder in der Bevölkerung – von der Ukraine abzutrennen.

«  Er sagte, er sei kein Ukrainer, sondern Russe und extra aus Moskau gekommen. »

Bereits gestern erzählten Sie von einer zunehmend aggressiven Stimmung. Hält das an?

Ja, besonders in Donezk ist die Stimmung bei den besetzten Gebäuden aggressiver geworden. Es sind heute viel mehr Menschen dort. Es kommen sehr viele Sympathisanten, Leute aus der Bevölkerung. Und man erwartet nun, dass die Sicherheitskräfte kommen. Denn das Ultimatum ist abgelaufen. Und heute sind in der Nähe der Stadt Donezk zwei weitere Gebäude gestürmt und besetzt worden. Da wurden sehr viele Waffen erbeutet. Wenn die Polizei vor einschreitet, dann befürchte ich, würde es auch Opfer geben.

Hunderte Demonstranten vor einem besetzten Gebäude in Lugansk, an vorderster Front drei Frauen.

Bildlegende: Grosse Unterstützung aus der Bevölkerung – Demonstrantinnen vor einem besetzten Gebäude in Lugansk. Keystone

Inzwischen hat der ukrainische Übergangspräsident ein Angebot für mehr Autonomie gemacht. Wie wird das aufgenommen?

Die Aktivisten lassen sich auf die Kompromisse, die aus Kiew kommen überhaupt nicht ein. Diese gehen den Aktivisten nicht weit genug. Sie wollen auf jeden Fall ein Referendum.

Das Gespräch führte Simone Fatzer

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Offensive gegen pro-russische Separatisten

    Aus Tagesschau vom 13.4.2014

    Ukrainische Sicherheitskräfte haben einen «Anti-Terror-Einsatz» gegen pro-russische Separatisten im Osten des Landes gestartet. Sie sollen die Stadt Slawjansk aus der Hand der Separatisten befreien, wie Innenminister Arsen Awakow mitteilte. Dabei wurden mehrere Personen getötet.