«Der Konflikt wird weitergehen»

Seit drei Wochen herrscht im Gazastreifen Krieg. Israel hatte einen zwölfstündigen Waffenstillstand gestern einseitig verlängert, seine Offensive heute aber nach Raketenangriffen der Hamas fortgesetzt. Der israelische Sicherheitsexperte Yossi Alpher erklärt, wie es dazu kommen konnte.

SRF: Wieso ist Israel gegen einen längeren Waffenstillstand, wie ihn US-Aussenminister John Kerry vorschlägt?

Yossi Alpher: Die israelische Regierung ist nicht gegen einen dauerhaften Waffenstillstand. Und sie hätte auch die öffentliche Unterstützung dafür. Aber ein Waffenstillstand, welcher der Hamas erlaubt, ihr Raketenarsenal wieder aufzustocken, ist nicht akzeptabel. Wir wären in ein, zwei Jahren einfach wieder am gleichen Punkt. Vergessen sie nicht: Wir erleben jetzt die dritte Offensive in sechs Jahren. Die Israeli haben es satt, sich alle paar Jahre wieder vor Raketen in Deckung bringen zu müssen. Und daher hat die Regierung die Unterstützung der Bevölkerung, dieses Mal weiter zu gehen als bei den letzten beiden Offensiven.

Glauben Sie, diese Unterstützung ist stabil oder wird sie in sich zusammenfallen, wenn die israelische Opferzahl steigt?

Die Unterstüzung ist stabil, ausser irgendeine tödliche Katastrophe passiert – hier in Israel oder im Gazastreifen. Die Bevölkerung hat begriffen, dass die ägyptische Regierung von General al-Sisi mehr oder weniger auf ihrer Seite steht und dass es einen breiten Widerwillen in den arabischen Staaten gegen Islamisten gibt, ob sie sich nun Hisbollah oder Isis oder eben Hamas nennen. Das ist eine aussergewöhnliche Situation und für Israel eine Chance, die Hamas dazu zu bringen, seine Bedingungen für einen Waffenstillstand zu akzeptieren. Aber bei aller Entschlossenheit auch in der israelischen Öffentlichkeit: Sobald die Hamas aufhört Israel zu beschiessen, hört Israel auf, den Gazastreifen zu beschiessen.

Es sind bisher über 1000 Palästinenser getötet worden in diesem Krieg, die meisten davon Zivilisten. Ist da wirklich keine israelische Absicht dahinter?

Nein. Das ist nicht unsere Absicht. Die Hamas zielt auf Zivilisten. Die Hamas versucht zwei, drei Mal am Tag mich zu töten, hier im Norden von Tel Aviv. Wir nehmen militärische Ziele ins Visier. Aber die sind von der Hamas mitten in Wohngebieten installiert worden. Die Hamas benutzt die Menschen in Gaza als Schutzschilder. Und deshalb machen wir die Hamas für diese Toten verantwortlich.

Eines der Hauptziele der israelischen Armee ist die Zerstörung der Tunnels der Hamas. Es heisst, Israel sei von der Grösse dieses Tunnel-Netzwerks überrascht gewesen. Sie als früherer Mossad-Agent: Wie erklären Sie sich, dass die israelischen Geheimdienste nichts davon wussten?

Das ist ein klassischer Fall, in dem Geheimdienste von militärischen Entwicklungen des Feindes zwar wissen, aber die strategischen Implikationen nicht verstehen. Wir haben lange nicht verstanden, wie bedrohlich diese Tunnels nach Israel hinein sind. Wir hatten einfach Glück, dass die Hamas dies auch nicht begriffen hat. Sie hätte uns einen verheerenden Schlag versetzen können – zu Zeiten als alles ruhig war. Jetzt müssen wir diese Tunnels zerstören und verhindern, dass neue gegraben werden. Diese Tunnels sind in den Händen der Hamas eine Waffe, um israelische Zivilisten anzugreifen und zu töten.

Israel will den Gazastreifen langfristig ja nicht besetzen und wird sich irgendwann wieder zurückziehen. Was hat Israel dann längerfristig gewonnen? Die Hamas wird dann immer noch da sein.

Die Geschichte der letzten Jahrzehnte hat uns gelehrt, dass es ein Fehler ist, feindliches Territorium zu besetzen. Besonders wenn es wie der Gazastreifen dicht besiedelt ist. Daher gibt es in Israel nur eine kleine Minderheit, die eine Bestzung fordern. Militärisch wären wir in der Lage, den Gazastreifen zu besetzen und die Hamas auszulöschen. Aber was tun wir dann mit dem Gebiet?

Andererseits: Wenn sich Israel zurückzieht und die Blockade aufrecht erhält, bleibt der Gazastreifen ein Gebiet, in dem sich die Hamas und ihre radikale Ideologie ausbreiten können.

Sie beschreiben genau unser Dilemma. Wie verhindern wir eine Besetzung des Gazastreifens und bringen die Hamas militärisch dazu, sich anders zu verhalten? Aus diesem Grund fordern wir und – ganz wichtig – Ägypten, dass der Gazastreifen entmilitarisiert wird. Wenn das der Fall wäre, dann könnte sich der Gazastreifen wirtschaftlich entwickeln. Dann würde Israel auch seine Grenzen öffnen.

Aber: Israel kann die Hamas nicht auswechseln. Es wäre ein Fehler, das zu versuchen. Möglicherweise würden wir dann plötzlich einem noch extremeren Feind gegenüber stehen als der Hamas. Dieses Dilemma ist der Grund, weshalb wir bei dieser Offensive relativ langsam, vorsichtig und methodisch vorgehen.

Alles in allem habe ich den Eindruck, Sie sind wenig optimistisch, dass die Chance auf Frieden nach diesem Krieg grösser ist.

Ich bin nicht optimistisch. Ich betrachte die Hamas als ein Zeichen eines stärker werdenden Islamismus in der arabischen Welt. Hisbollah im Südlibanon, der Isis oder al-Kaida verfolgen den Gazakrieg sehr genau und warten auf Zeichen israelischer Schwäche. Wenn es Israel schafft, die Hamas abzuschrecken, wird es auch diese Organisationen abschrecken. Aber der Konflikt wird weitergehen. Nicht nur zwischen den Islamisten und uns, sondern auch zwischen den Islamisten und unseren Nachbarn – den palästinensischen Autonomiebehörden zum Beispiel. Oder Ägypten. Oder Jordanien. Sogar die Saudis kämpfen denselben Kampf wie wir. Unsere grösste Herausforderung ist es, eine brauchbare Strategie gegen die Hamas zu entwickeln. Darum geht es in diesem Krieg.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Zur Person

Porträt von Yossi Alpher

Yossi Alpher war während zwölf Jahren Agent im israelischen Auslandgeheimdienst Mossad und in dieser Zeit zuständig für die Beobachtung des Iran. Anschliessend arbeitete er als Direktor des Jaffee Centre for Strategic Studies an der Universität von Tel Aviv.