Der Maidan-Platz in Kiew brennt

Die ukrainische Polizei ist in der Hauptstadt Kiew gegen die Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz vorgerückt. Der seit Monaten besetzte Platz steht in Flammen. Auch das Hauptquartier der Demonstranten, das Gewerkschaftshaus, brennt. Mindestens 25 Menschen kamen bisher ums Leben.

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Protestcamp in Kiew in Flammen (unkomm.)

0:50 min, vom 18.2.2014

In der Ukraine ist die Lage ausser Kontrolle geraten. Nach Wochen angespannter Ruhe schlugen die Proteste in schwere Gewalt um. Im Zentrum von Kiew stand der Maidan in Flammen. Über dem Unabhängigkeitsplatz stieg Rauch auf, Explosionen von Feuerwerkskörpern waren zu hören, mehrere Zelte brannten. Auch im Hauptquartier der Opposition, einem Gebäude neben dem Platz, sei ein Feuer ausgebrochen, meldet die russische Nachrichtenagentur Interfax.

Polizisten und Demonstranten hatten sich seit dem späten Dienstagnachmittag Strassenschlachten geliefert: Die Polizei rückte auf das Gelände vor, die Protestierenden versuchten die Sicherheitskräfte zurückzudrängen. Sie griffen mit Brandsätzen, Feuerwerkskörpern und Steinen an.

Regierung spricht von «Anti-Terror-Operation»

Nach offiziellen Angaben kamen bei den Auseinandersetzungen bisher 25 Menschen ums Leben. Wie das Gesundheitsministerium mitteilte, wurden ausserdem 241 Menschen mit Verletzungen in Spitäler gebracht. Unter den Verletzten waren 79 Polizisten und 5 Journalisten. Nach Angaben von Nachrichtenagenturen wiesen die meisten Opfer Schusswunden auf.

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Kein Innehalten trotz Erschöpfung (unkomm.)

2:12 min, vom 19.2.2014

Das Innenministerium hatte kurz vor Beginn des Einsatzes die noch zu Tausenden versammelten Regierungsgegner zum Verlassen des Platzes aufgefordert. Es folge eine «Anti-Terror-Operation», hiess es. Die Oppositionsführung rief Frauen und Kinder in ihren Reihen auf, den Platz zu verlassen.

Proteste weiten sich aus

Am späten Abend weiteten sich die Unruhen auf andere Städte im Westen des Landes aus. In Stanislau und Lemberg besetzten Demonstranten nach Angaben der Polizei mehrere Verwaltungsgebäude der Regionalregierung. In Ternopil wurde das Polizeihauptquartier in Brand gesetzt, wie Medien berichteten. Nach Angaben eines Oppositionspolitikers besetzten Demonstranten zudem das Gebäude der Staatsanwaltschaft.

SRF-Russland-Korrespondent Christoph Franzen spricht von einer sehr besorgniserregenden Situation. «Das Blutvergiessen kann noch weitergehen.» Auf Internet-Foren würden die Leute immer wieder aufgerufen, auf den Maidan-Platz zu kommen.

Hinzu komme, dass in der Westukraine Regierungsgegner nicht nur – wie früher – Bürgermeister-Ämter besetzen, sondern neu auch Polizeiposten. «Das ist sehr gefährlich», so Franzen.

Trotz der internationalen Aufrufe zum Gewaltverzicht habe man derzeit den Eindruck, «dass Präsident Janukowitsch ein bisschen den weissrussischen Weg geht – also den Weg des autoritär herrschenden Präsidenten Lukaschenko.» Das könne in der Ukraine aber zur Spaltung des Landes führen.

Gegenseitige Schuldzuweisung

Regierung und Opposition machten sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich. Oppositionspolitiker Vitali Klitschko rief Präsident Viktor Janukowitsch auf, vorgezogene Präsidenten- und Parlamentswahlen auszurufen. «Das wird ein Ausweg sein», sagte Klitschko.

Erst am Montag war eine Massenamnestie für mehr als 260 Menschen in Kraft getreten, die bei blutigen Strassenschlachten im Januar festgenommen worden waren. Im Gegenzug gaben die Regierungsgegner besetzte Gebäude wie die Stadtverwaltung frei.

Seit Monaten lähmt ein Machtkampf das Land. Die Opposition protestiert gegen Präsident Janukowitsch. Auslöser der Demonstrationen war, dass Janukowitsch auf Druck Russlands ein weitreichendes Assoziierungsabkommen mit der EU auf Eis gelegt hatte.

Angesichts der eskalierenden Gewalt hat sich das ukrainische Parlament zu einer Sondersitzung getroffen. Oppositionspolitiker Vitali Klitschko fuhr zu einem Krisentreffen mit Präsident Viktor Janukowitsch. Lesen Sie hier.

Im Rahmen der OSZE-Präsidentschaft der Schweiz äusserte Bundespräsident Didier Burkhalter tiefe Besorgnis über die Gewalt in Kiew. Er rief dazu auf, dass die Gewalt mit allen Mitteln gestoppt werden müsse und bot dem ukrainischen Aussenminister die Unterstützung und Expertise der OSZE an.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Einer der pro-europäischen Protestierenden attackiert in Kiew die Polizei.

    Ukrainische Regierung droht mit «schwerwiegenden Massnahmen»

    Aus Echo der Zeit vom 18.2.2014

    In Kiew spitzt sich die Lage wieder zu. Bei schweren Strassenschlachten sollen fünf Personen getötet worden sein. Die ukrainische Regierung hat den Protestierenden ein Ultimatum gestellt: Sie hätten zwei Stunden Zeit, die gewaltsamen Proteste zu beenden.

    Peter Gysling