«Der Mythos der Unbesiegbarkeit des IS ist gebrochen»

Monatelang tobte die Schlacht um die syrisch-türkische Grenzstadt Kobane. Jetzt scheinen die kurdischen Kämpfer die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) entscheidend zurückgeschlagen haben. Der Journalist Thomas Seibert erklärt, warum der vorläufige Sieg Symbolkraft hat.

Kobane von der syrisch-türkischen Grenze betrachtet / November 2014

Bildlegende: Der Himmel über Kobane klart auf, der Rauch verzieht sich – ein Bild mit Symbolwert? Reuters

SRF News: Kurdensprecher Idris Nassan sprach von einem Sieg für alle Kurden. Für heute planen die kurdischen Kämpfer eine Feier in Kobane. Haben sie nun tatsächlich die volle Kontrolle über die Stadt?

Thomas Seibert: Zumindest im Stadtzentrum lässt sich das ohne weiteres sagen. Etwas anders ist die Lage in den Aussenbezirken und den Dörfern rund um die Stadt herum. Dort sitzen offenbar noch Truppen der Dschihadisten. Die USA, die die Verteidigung von Kobane unterstützt haben, sprechen davon, dass die Kurden zu 90 Prozent die Kontrolle haben. Der IS selber bestreitet alles und sagt, die Schlacht sei noch im Gange.

Im Umland lauert also immer noch der IS – er wird sich wohl nicht einfach zurückziehen?

Das ist nicht zu erwarten. Zunächst gibt es die Gefahr von Minen. Die Kurden sprechen davon, dass der IS bei seinem Rückzug weite Gebiete vermint hat. Deswegen komme man nur langsam voran bei der Befreiung der Aussenbezirke. Zudem weiss man aus anderen Gebieten, wo die Extremisten zurückgedrängt wurden, dass sie auch Kämpfer zurücklassen, um Terroranschläge zu verüben oder Geiseln zu nehmen. Zwar hat die Miliz die Haupttruppen und die schweren Waffen abgezogen. Davon, dass sich der IS einfach geschlagen gibt, kann man aber nicht ausgehen. Bis zu einer vollständigen Befriedung des Gebietes wird noch einige Zeit vergehen.

Werden sie versuchen, den Status quo zu konsolidieren oder ihren Feldzug fortzusetzen?

Sie werden versuchen, den IS aus dem Gebiet, das sie beanspruchen, zu vertreiben. Sie haben entlang der türkischen Grenzen in Syrien ein autonomes Gebiet ausgerufen. Bis zu diesen Bereichen einige Kilometer südlich von Kobane dürften sie weiterkämpfen. Ausserhalb ihres Autonomiegebiets werden sie den IS aber wohl nicht mehr weiter verfolgen.

Die Kurden profitierten bei ihrem mutmasslichen Erfolg gegen den IS auch von den Luftschlägen amerikanischer und arabischer Verbündeter, auch irakische Kurden sendeten Hilfe. Werden diese Verbündeten Kobane weiter absichern?

Die Stadt hat in den letzten Monaten eine solche Symbolwirkung entwickelt, dass sich diese Verbündeten nicht leisten können, Kobane jetzt seinem Schicksal zu überlassen. Sollte sich der IS neu formieren und einen neuen Generalangriff starten, werden auch die Luftangriffe weitergehen, die nordirakischen Kurden ihre Truppen nicht abziehen. Auch wenn die militärische Bedeutung von Kobane weit hinter der symbolischen liegt.

Das östliche Stadtviertel von Kobane im November 2014

Bildlegende: Die Zerstörung in Kobane ist nach monatelangen Häuserkämpfen und Luftangriffen allgegenwärtig. Reuters

Weiss man etwas über den Zustand der Stadt?

Weite Teile von Kobane liegen in Schutt und Asche, eine kurdische Quelle sprach von 50 Prozent, die zerstört seien. Der Wiederaufbau wird langwierig und teuer. Die Stadt ist auch ziemlich verlassen, die Zivilbevölkerung ist fast vollständig geflohen.

Kehrt diese nun zurück?

Die ersten werden wohl relativ bald zurückkehren. Allerdings gibt es die angesprochene Gefahr mit den Minen, die muss zuerst gebannt werden. Sobald der Wiederaufbau vollzogen ist, dürften Menschen zumindest ins Stadtzentrum zurückkehren. Das wird allerdings einige Wochen oder Monate dauern.

«  Die Zerstörung des Unbesiegbarkeitsmythos des IS wird dazu führen, dass seine Attraktivität sinkt.  »

Ist der Rückschlag von Kobane eine Art Trend und ist der IS, auch im Irak, auf breiter Front geschwächt?


Journalist Thomas Seibert zur Lage in Kobane

7:03 min, aus SRF 4 News aktuell vom 27.01.2015

Ob Kobane eine Wende war, wird man erst im Nachhinein sehen können. Im Moment ist es tatsächlich so, dass der IS im Irak und auch in Syrien Rückschlage hinnehmen muss. Eigentlich hatte die Terrormiliz geplant, sich nach Kobane der Wirtschaftsmetropole Aleppo im Süden zu «widmen».

Jetzt gibt es eine Serie von Rückschlagen. Der IS wird wohl nicht ohne weiteres aufgeben und einfach zerfallen. Allerdings wird die Zerstörung des Unbesiegbarkeitsmythos des IS dazu führen, dass seine Attraktivität sinkt. Die scheinbare Unbesiegbarkeit der Miliz hat bislang sehr viele Freiwillige aus dem Ausland angezogen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.