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International «Der neue Präsident übernimmt ein zutiefst gespaltenes Land»

Argentinien wählt am Sonntag den Nachfolger von Präsidentin Christina Kirchner. Es kommt zu einer Stichwahl zwischen Daniel Scioli, Protegé von Kirchner, und dem Oppositionspolitiker Mauricio Macri. Der neue Präsident müsse vor allem ein Brückenbauer sein, sagt eine Journalistin vor Ort.

Zwei Männer
Legende: Daniel Scioli (links) und Mauricio Macri wollen beide der neue Präsident Argentiniens werden. Keystone

SRF News: Scioli hat im ersten Wahlgang zwar am meisten Stimmen geholt, Macri liegt laut aktuellen Umfragen jedoch in Führung. Wie zuverlässig ist diese Prognose?

Karen Naundorf: Prognosen sind in Argentinien äusserst unzuverlässig. Das hat sich bei den Wahlergebnissen im Oktober gezeigt. Damals gingen viele davon aus, dass Daniel Scioli, der Wunschkandidat von Präsidentin Christina Kirchner, im ersten Wahlgang mit mehr als zehn Prozent Vorsprung gewinnen würde. Im Endeffekt waren es nur drei Prozent und deshalb gibt es jetzt am Sonntag eine Stichwahl.

Der Ausgang der Stichwahl ist also offen. Was waren die wichtigsten Themen im Wahlkampf?

Die Frage ist, wollen die Argentinier einen Wechsel, dann müssten sie Mauricio Macri wählen, oder wollen sie weiter machen wie bisher, dann müssten sie Daniel Scioli wählen. Der Grund für viele, Macri zu wählen, war, dass sie Kirchner leid sind.

Die Wahlkampfthemen waren wirtschaftlicher Natur. Eine zentrale Frage waren vor allem die Devisenkontrollen, die die Kirchner Regierung eingeführt hatte, um den Peso zu stützen. Macri spricht sich dafür aus, diese Kontrollen innerhalb von 24 Stunden abzuschaffen. Darüber freut sich etwa die Landwirtschaft, welche Güter exportiert. Aber es existiert auch die Angst, dass eine Marktöffnung eine Abwertung der Löhne bedeuten würde und sich die Bevölkerung dann zum Beispiel keine Reisen ins Ausland mehr leisten könnte. Sciolis Kampagne zielt darauf ab, ihm Profil zu verleihen und sich von Präsidentin Kirchner abzusetzen. Denn viele fragen sich, wenn Scioli Präsident wäre, würde er wirklich selber regieren, oder wäre da nicht immer noch Kirchner, die das Schicksal Argentiniens aus dem Hintergrund lenken würde.

Gelingt es Scioli denn, sich von seiner Mentorin abzugrenzen?

In der Fernsehdebatte letzten Sonntag hat er das ganz klar versucht. Alle Fragen, die sich auf die Regierungszeit von Präsidentin Kirchner bezogen haben, hat er nicht beantwortet. Er sagte immerzu, dafür sei er nicht verantwortlich. Sollte er am 10. Dezember in die Casa Rosada einziehen, regiere er und nicht Kirchner. Das klang zwar überzeugend, aber man darf sich natürlich fragen, ob das so stimmt. Denn sein Vizepräsident würde aus dem Kirchner-Lager stammen. Ob sich Scioli also wirklich von ihr abgrenzen kann, ist fraglich.

Die beiden Kandidaten unterscheiden sich in ihrer Strategie. Was für Wählerschichten sprechen die beiden an?

Die Argentinier wählen am Sonntag nicht nur zwischen zwei Kandidaten. Sie wählen ein Modell für Argentinien. Macri ist ein Unternehmer. Er steht für einen starken Markt und hat Anhänger bei den Unternehmern aber auch unter der Bevölkerung in den Armenvierteln, die die Korruption leid sind. Scioli dagegen verspricht, dass er die Umverteilungspolitik von Kirchner fortsetzen möchte. Das befürworten natürlich auch viele und die kommen nicht nur aus den Armenvierteln, sondern auch aus der Ecke der Intellektuellen, der Künstler oder auch Wissenschaftler.

Macri ist ein Oppositionspolitiker. Er ist mit dem System Kirchner nicht verhängt. Ist er der Saubermann, als den er sich ausgibt?

Das wird wahrscheinlich erst langfristig beantwortet werden können. Er ist zurzeit zumindest schon mal angeklagt, weil er den staatlichen Geheimdienst missbraucht haben soll. Er muss sich gerade gegen den Vorwurf wehren, seinen Schwager abgehört zu haben. Dieses Verfahren zieht sich schon seit Jahren hin. Als Angeklagter darf er das Land auch nicht verlassen. Zudem gab es in seiner Zeit als Bürgermeister vor kurzem einen Korruptionsskandal. Fernando Niembro, ein Sportreporter, der auch Kandidat von Macris konservativ-liberaler Propuesta Republicana Partei war, hat ein Unternehmen gegründet, das keinen einzigen Mitarbeiter hat und trotzdem von der Stadtregierung von Buenos Aires in den letzten Jahren Aufträge im Wert von mehr als zwei Millionen Dollar bekommen hat.

Was glauben Sie, wer der nächste Präsident von Argentinien wird?

Ich glaube, Macri hat gute Chancen, die Wahlen für sich zu entscheiden. Wobei die peronistische Partei immer gut für Überraschungen ist. Und Scioli hat in den letzten Tagen, wenn man den Umfragen glaubt, ein paar Punkte aufgeholt. Wer auch immer die Wahl gewinnt, er übernimmt ein zutiefst gespaltenes Land. Ich hoffe für Argentinien, dass er wirklich Brücken bauen kann und Präsident aller Argentinier sein wird.

Das Gespräch führte Erich Wyss.

Karen Naundorf

Karen Naundorf

Die freie Journalistin ist 1975 geboren und lebt seit über zehn Jahren in Südamerika. Für zahlreiche deutschsprachige Magazine, Radio- und TV-Sender berichtet sie regelmässig aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

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