Der rätselhafte Tod des Sonderstaatsanwalts

Sonderstaatsanwalt Alberto Nisman sollte den grössten Terroranschlag in Argentiniens Geschichte aufklären. Letzte Woche legte er einen Untersuchungsbericht vor und belastete die Regierung von Christina Kirchner schwer. Gestern nun wurde Nisman tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Nisman sitzt mit verschränkten Armen an einem Tisch

Bildlegende: Sollte heute seinen Untersuchungsbericht erläutern, der für hohe politische Kreise gefährlich sein kann: Alberto Nisman. Keystone

Die Obduktion hat erst vor wenigen Stunden begonnen, aber in Buenos Aires kennt man deren Ergebnis, bevor der Chirurg das Skalpell aus den Händen legt: Nisman muss ermordet worden sein.

Er hatte zu viele Feinde, er war der Regierung zu nahe gekommen. Er war gefährlich. Auch die prominenten Radio-Kommentatoren, die jeden Morgen dem neuen Tag ihren Stempel aufdrücken, waren sich heute einig. Das kann kein Selbstmord sein.

Kirchner und Timmermann im Visier

Alberto Nisman war einst ein Freund des Ehepaars Kirchner. Nestor Kirchner hatte ihm 2004 persönlich den Auftrag gegeben, den Fall Amia zu untersuchen, den Bombenanschlag auf ein jüdisches Zentrum, der auch 20 Jahre nach der Tat nicht aufgeklärt ist. 85 Tote und über 300 Verletzte. Und es gibt keine Verurteilungen, nicht einmal Anklagen.

Seit vergangener Woche aber gibt es Verdächtige, mit denen niemand gerechnet hatte: Präsidentin Cristina Kirchner und deren Aussenminister Héctor Timmerman. Sonderstaatsanwalt Nisman macht sie nicht verantwortlich für den Anschlag, aber für die Verschleierung und Behinderung der Aufklärung.

Tauschgeschäft mit dem Iran?

Vor zwei Jahren gab Cristina Kirchner ein Abkommen mit Iran bekannt: Man werde den Fall AMIA gemeinsam aufklären lassen. Historisch nannte sie ihren diplomatischen Wurf auf Twitter.

Die Reaktion auf ihr mediales Zwitschern war lautes Gebrüll. Denn Irans Agenten gehören zu den Hauptverdächtigen des Amia-Anschlags und ausgerechnet mit diesem Staat macht Präsidentin Kirchner gemeinsame Sache. Das war schwer zu vermitteln. Aber die Präsidentin liess sich nicht aus dem Tritt bringen.

Alberto Nisman, der Sonderstaatsanwalt, hatte nichts gewusst von den Plänen der Regierung und wurde misstrauisch. Die Freundschaft mit der Kirchner-Familie war zu Ende. Nisman begann auch in diese Richtung zu ermitteln und behauptete letzte Woche, in seinem Untersuchungsbericht Beweise dafür zu haben, dass Präsidentin Kirchner in die Untersuchung des Attentats eingreifen wollte.

Sie soll Irans Regierung versprochen haben, deren Agenten von der Liste der Verdächtigen streichen zu lassen. Als Gegenleistung wollte sie Oel. Argentiniens Devisenmangel machte Einkäufe auf dem offenen Markt unmöglich. Argentinien geriet in eine Energiekrise, die Kirchner arg in Bedrängnis brachte. Sie bot dem Iran darum angeblich ein Tauschgeschäft an: Öl gegen argentinisches Getreide und – einen völlig unzulässigen Übergriff auf die Justiz.

Aussage Nismans für heute geplant

Alberto Nisman hätte heute vor einer Kommission des Parlaments aussagen und seine Behauptungen erklären sollen. Er wollte sie erklären, mit allen Details. Aber es kam nicht dazu. Die Annahme, dass er ermordet wurde, mag zunächst plausibel sein. Aber wahr ist sie deswegen noch nicht. Dazu müssen erst die Ergebnisse der Obduktion und der Spurensicherung vorliegen.

Selbst wenn die Behörden einen Selbstmord zweifelsfrei nachweisen könnten, wäre Argentiniens Regierung nicht entlastet. Der Untersuchungsbericht, den Alberto Nisman hinterlässt, liegt auf dem Tisch. Es wäre nicht erstaunlich, wenn er bald auch auf Redaktionstischen läge. Auch Tote können gefährlich sein.