Der tiefe Graben in Nairobis Gesellschaft

Raubüberfälle, Einbrüche und Entführungen gehören in Kenias Hauptstadt Nairobi zum Alltag. Drei Viertel der Bevölkerung leben in Armut und ohne Perspektive. Die wohlhabende Minderheit lässt sich dagegen von privatem Sicherheitspersonal schützen. Ein Augenschein in einer gespaltenen Stadt.

Menschen stehen auf der Strasse eines Slums in Nairobi.

Bildlegende: In Nairobi leben drei Millionen Menschen in Slums. Reuters

In den noblen Quartieren Nairobis leben fast so viele Wachhunde wie Menschen. Sie bellen die ganze Nacht, egal ob ein Einbrecher kommt oder nicht. Es ist Mitternacht und Alfred friert. Der 54-jährige Kenianer ist einer von 400'000 privaten Nachtwächtern in Kenia, die dafür sorgen, dass denen, die alles haben, nichts gestohlen wird, von denen, die nichts haben.

«Das ist ein sehr harter Job. So ab Mitternacht wird man unendlich müde, hat Hunger und wenn man auf seinen Runden irgendwo absitzt, würde man am liebsten einschlafen», schildert Alfred seine Arbeit.

Von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens dauert seine Schicht. Dafür verdient er monatlich 110 Franken. In einem kleinen Dorf an der ugandischen Grenze leben seine neun Kinder, die er zwei Mal pro Jahr sieht. Jede Nacht friert er, damit sie zur Schule gehen können.

Der Boss weilt in den Rocky Mountains

Nairobi liegt auf 1800 Meter. Selbst auf dem Äquator fällt das Thermometer auf dieser Höhe nachts auf 10 Grad. Heissen Tee gibt ihm der kenianische Boss keinen. Er habe kein Geld dafür, habe der Boss gesagt. Zurzeit weilt er in den Rocky Mountains im Skiurlaub. Derweil hütet Alfred seinen Besitz und riskiert dabei sein Leben.

Vor fünf Jahren wurde Alfred gar entführt. Ein Auto stoppte und Männer zerrten ihn in einen Wagen. «Sie brachten mich in den Busch. Sie haben mich regelrecht gefoltert. Mir alles abgenommen: Das Telefon, mein Geld, meine Taschenlampe und selbst die Kleider.» Nackt sei er nachts in die Stadt zurückmarschiert. Als er bei der Polizei Anzeige erstatten wollte, wurde ihm von den Beamten gesagt, dass sie ohne Autonummer nichts machen könnten.

Die Polizei verlangt Benzingeld

Ohnehin kann die Polizei in Kenia selten etwas machen. Wenn man sie in der Not anruft, kann es vorkommen, dass ein Vorschuss verlangt wird, um Benzin zu tanken. Und wenn die Beamten dann kommen, erhält oft derjenige recht, der ihnen mehr bezahlt. Eine ungesunde Sache in einer Stadt, in der Raubüberfälle und Entführungen zum Alltag gehören und in der die Wahrscheinlichkeit nachts nicht zu Hause, sondern im Spital oder auf dem Friedhof zu landen, durchaus intakt ist.

«  Die reiche Mittel- und Oberklasse kann sich Sicherheit kaufen. »

Boniface Mongi
Kenianischer Bürgerrechtler

Weil die öffentliche Sicherheit durch den korrupten Polizeiapparat nicht garantiert ist, baue sich jeder, der es sich leisten könne, seine eigene private Festung, sagt der bekannte kenianische Bürgerrechtler Boniface Mongi: «Die reiche Mittel- und Oberklasse kann sich Sicherheit kaufen. Sie haben um ihre Häuser Wachhunde, Mauern mit Stacheldraht, elektrische Zäune, Wachmänner, Bodyguards.» Zudem würden sie Waffen tragen, um sich zu verteidigen, sagt Mongi. «Wer sich das nicht leisten kann, ist der Anarchie des öffentlichen Raumes ausgeliefert.»

Das Grundproblem sei aber damit nicht gelöst: «Unsicherheit durch Tausende von armen, arbeits- und hoffnungslosen Jugendlichen in diesem Land, die Hunger haben und kriminell werden.»

3 Millionen leben in Slums

Nairobi, das sind 4,5 Millionen Menschen. Mindestens 3 Millionen davon leben in Slums in Blechhütten. Das extreme Gefälle zwischen Reich und Arm auf engem Raum und die niedrige öffentliche Sicherheit sind kausal miteinander verkettet.

Das kann man in der Kriminalstatistik lesen oder im Alltag sehen. Selbst in armen Gegenden sind Fenster und Türen rund um die Uhr vergittert, verkettet und verschlossen. Wer im Auto unterwegs ist, verriegelt die Türen von innen und als Fussgänger sollte man vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Angst und Misstrauen prägten den Alltag, meint der Bürgerrechtler.

«  Wenn die Elite korrupt und kriminell ist, verkommt die ganze Gesellschaft. »

Boniface Mongi
Kenianischer Bürgerrechtler

«Der Fisch beginnt am Kopf zu faulen. Wenn die Elite korrupt und kriminell ist, verkommt die ganze Gesellschaft. Den Leuten werden nicht nur das Geld und die Wahlresultate gestohlen, sondern auch die Moral. Wenn die Regierung stiehlt, stehlen die Bürger auch. Kenia ist eine der korruptesten Gesellschaften der Welt.»

Es gibt keinen Glauben an Morgen. Weil niemand sicher ist, was morgen kommt, nimmt er heute, was er kriegen kann. Und damit auch das Vertrauen. Vertrauen ist jedoch der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält.

Man könne nicht in der gleichen Stadt ein komfortables Leben führen und daneben müssten Menschen leiden, erklärt Mongi: «Wenn die Türe offen ist, werden sie ihre Sachen stehlen. Wenn Sie ihren Wagen stehen lassen, wird er gestohlen. Wenn es nicht genug für alle hat, wird gestohlen. Es wird geraubt, getötet, entführt. Und wenn die Polizei korrupt ist und sich von den Kriminellen bezahlen lässt, damit sie wegschaut, dann ist es eben so.»

Der Philosoph Thomas Hobbes, war einer der Vordenker des Prinzips des Gesellschaftsvertrags. Dieser weist dem Staat die Aufgabe zu den anarchischen Naturzustand, indem jeder jedem misstraut, zu überwinden. Er bezeichnete das Leben in jenem «Naturzustand», in dem jeder in Angst vor jedem lebt, als «einsam, armselig, scheusslich, und tierisch.»