Dauerkrise in Italien «Der Tourismus hat uns gerettet»

Zu wenig Jobs, zu wenig Lohn, zu teure Wohnungen – die Krise in Italien ist längst auch im Mittelstand angekommen.

Sara und Bruno wohnen mitten in Rom, nahe beim Vatikan. Es ist eine Zweizimmerwohnung mit einem kleinen Balkon in einem bürgerliches Quartier.

Wer hier wohnt, gehört zur gehobenen italienischen Mittelschicht. Sara und Bruno sind seit knapp einem Jahr verheiratet, verbrachten die Flitterwochen auf Kuba, unter Palmen, wie sie gern erzählen. Alles stimmt, zumindest auf den ersten Blick. Doch die lange und zähe italienische Wirtschaftskrise hat auch im Leben dieses jungen Paars Spuren hinterlassen.

Weniger Gäste im Restaurant

Bruno arbeitete vor zwei Jahren in einem Restaurant, das er zusammen mit einem Partner eröffnet hatte. Es war ein Quartierrestaurant mit vor allem italienischer Kundschaft. «Die Krise führte dazu, dass unsere Gäste immer mehr ausblieben. Selbst ein Teller Spaghetti war für manche einfach zu teuer. Schliesslich musste ich das Restaurant schweren Herzens schliessen», sagt der 30-jährige Bruno.

«  Ein Teller Spaghetti war für manche einfach zu teuer. »

Bruno

Auch Sara hat in der Krise ihren Job verloren: «Ich arbeitete als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei. Vor einem Jahr sagte mir mein Chef, er könne mir nur noch die Hälfte des Lohnes bezahlen. Ich müsse aber trotzdem weiterhin fünf Tage in der Woche für ihn tätig sein.» Sara entschied sich, die Stelle aufzugeben. Beide erzählen, dass Ähnliches auch ihren Bekannten und Freunden zugestossen sei.

Neue Jobs im Tourismus

Trotzdem haben beide heute wieder eine Arbeit. «Der Tourismus hat uns gerettet», sagt Bruno. Hier in Rom hat es immer Touristen, trotz der Krise. «Das ist das einzige, was in Italien immer funktioniert», sagt Sara.

Vor knapp einem Jahr mieteten die beiden mit Hilfe ihrer Eltern zwei Wohnungen, ebenfalls im Quartier, nahe der Vatikanischen Museen. Sie richteten Gästezimmer ein. «Wir leben ganz gut davon», sagen beide. «Aber das Kochen im eigenen Restaurant fehlt mir schon», ergänzt Bruno.

«  Wenn Du voll arbeitest, verdienst Du vielleicht 1200 Euro im Monat. »

Sara

Die Krise bleibt präsent. Obwohl sie beide arbeiten, verdienen sie nicht genug, um sich hier im Zentrum Roms eine Wohnung leisten zu können. Sara erklärt es mit den nackten Zahlen: «Wenn Du voll arbeitest, verdienst Du vielleicht 1200 Euro im Monat. Eine Wohnung nahe beim Vatikan kostet aber mindestens 1500.».

Dass das junge Paar trotzdem hier leben kann, verdankt es einzig und allein Saras Eltern. Die hatten diese Zweizimmerwohnung schon vor Jahren gekauft, als Investition. Und Saras Eltern haben ihnen diese Wohnung nun gratis überlassen.

Bis 40 im Hotel Mama

«Wir sind die erste Nachkriegsgeneration, der es schlechter geht als den Eltern», sagt Bruno. Viele seiner Kollegen brauchen die Unterstützung der Eltern nicht nur für die Wohnung, sondern auch für den Lebensunterhalt. Viele leben darum, auch als 40-Jährige, noch immer zu Hause. Unter solchen Umständen bleiben viele italienische Paare kinderlos.

«  Wir sind die erste Nachkriegsgeneration, der es schlechter geht als den Eltern. »

Bruno

Sara und Bruno haben sich noch nicht entschieden. Die Zweizimmerwohnung wäre für Kinder sicher zu klein. Und eine grössere könnten sie sich hier im Zentrum nicht leisten. «Kinder zu haben, würde für uns heissen, an den Stadtrand, in eine günstige Wohnung zu ziehen. Wir überlegen uns das», sagen Sara und Bruno. Sie haben sich vorerst einen Kleinhund zugelegt.