Zum Inhalt springen

International Deutschland entdeckt Flüchtlinge als Wirtschaftsfaktor

Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, wecken Angst und nun auch Interesse. Denn die deutsche Wirtschaft sieht in ihnen wertvolle Arbeitskräfte.

Flüchtlinge laufen an einer deutschen Flagge vorbei.
Legende: Plötzlich gefragt: Deutschlands Wirtschaft sieht ein grosses Potenzial in Flüchtlingen und Asylanten. Keystone

Alfred Hederer, geboren 1948 in Bayern, ist zwar Deutscher, lebte Zeit seines Lebens in der Bundesrepublik und ist dennoch noch immer nicht ganz einer von uns, wie die Ortsansässigen sagen.

Denn seine Eltern flohen nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland in die Bundesrepublik, so wie insgesamt zwölf Millionen Deutsche. Und so heisst es noch heute bei den alten Leuten auf dem Land: «Das sind ja Flüchtlinge», erzählt Hederer.

Deutschland hat schon grössere Migrations- und Integrationswellen erlebt.
Autor: Enzo WeberForschungsstelle der Bundesagentur für Arbeit

Die Flüchtlinge wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen, es waren ja Landsleute, aber es gab schon Reibereien, sagt Hederer. «Unsere Eltern sind bei bestehenden Familien zwangseingewiesen worden. Dann hat man sich die Küche oder das Bad geteilt. Das mussten die Leute halt einfach hinnehmen.»

Entsprechend relativiert Enzo Weber von der Forschungsstelle der Bundesagentur für Arbeit, also jener gigantischen Behörde mit über 100'000 Mitarbeitern, die früher Arbeitsamt hiess, den heutigen Flüchtlingsstrom. «Deutschland hat schon grössere Migrations- und Integrationswellen erlebt.»

Wirtschaft sieht Flüchtlingsstrom positiv

Die deutsche Wirtschaft und viele Forschungsinstitute sehen den Flüchtlingsstrom volkswirtschaftlich positiv. Einzig das Münchner ifo-Institut rechnet für 2015 mit gigantischen Kosten von insgesamt 21 Milliarden Euro für Betreuung, Unterbringung und zusätzliche Beamte.

Unsere Simulationen zeigen, dass der Nutzen für den Staat nach fünf Jahren grösser sein könnte als die Kosten.
Autor: Marcel FratscherPräsident des Deutschen Instituts für Wirtschaft

Aber selbst Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut räumt ein, dass es unter dem Strich auch positive Effekte für die Wirtschaft gebe. Positive Effekte, die der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaft DIW, Marcel Fratscher, so formuliert. «Unsere Simulationen zeigen, dass der Nutzen nach fünf Jahren grösser sein könnte als die Kosten für den Staat.»

Konkret rechnet man mit mehreren zehntausend neuen Jobs in Deutschland im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise für nächstes Jahr: für die Polizei, die Arbeitsämter, das Bundesamt für Migration. Dazu kommt, dass eine Million Stellen in Deutschland offen sind. Wirtschaftlich geht es Deutschland, vor allem wegen des Exportüberschusses, kurzfristig sehr gut. Langfristig braucht Deutschland, wegen der Überalterung, Zuwanderung von aussen. Vor allem Jobs im Pflegebereich sind gesucht.

Obergrenze für Flüchtlinge gibt es nicht

Enzo Weber ergänzt: «Eine wirklich ökonomische Obergrenze für eine verkraftbare Einwanderung gibt es nicht. Die Grenzen der Einwanderung liegen in der Umsetzung und sind da erreicht, wo ein Land nicht mehr reaktionsfähig ist.»

Gemeint ist die Integration, wie gut und wie rasch die Bundesagentur für Arbeit die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren kann. Pressesprecher Paul Ebson sagt: «Wir gehen mit unseren Mitarbeitern in die Erstaufnahmelager, um dort die Kompetenzen der Flüchtlinge abzuklären. Wir merken uns schon vor, wer für welche Tätigkeiten in Frage kommt.»

Vielzahl ohne berufliche Qualifikation

Das heisst, schon während des Asylverfahrens wird parallel versucht, Arbeitsplätze für die Flüchtlinge mit einer guten Bleibeperspektive gesucht. Über die Qualifikation der Flüchtlinge sagt Paul Ebson. «Wir wissen derzeit nur aus Stichprobenerhebungen, dass eine Vielzahl der Flüchtlinge und Asylbewerber ohne berufliche Qualifikation kommen. Wir sprechen von 70 - 80 Prozent.»

Aber auch für diese Flüchtlinge habe es Platz, sagt Paul Ebson. «Im Moment ist der Arbeitsmarkt sehr stabil. Die Zahl der Erwerbstätigen wächst. Wir haben genügend offene Stellen. Wir hätten auch genügend Potenzial für Vermittlungen.» Entscheidend sind die Integrationsleistung und die Geschwindigkeit der Integration.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

18 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Es ist völlig egal was Deutschland, Australien, die USA oder sonst ein Land in Sachen Einwanderung/Asyl macht. Es gibt nunmal viele, die wollen keine Millionen von muslimischen Migranten in Europa haben. Und wenn die Regierungen sich nicht um dieses Problem kümmern, werden sich in Zukunft Parteien finden die das tun werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Ja, es gibt diese Leute, auch wenn sie eine Minderheit sind. In der Schweiz kümmert sich die SVP schon um diese Wähler, aber nicht um die Probleme.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz Huber (Raffi)
    Eben genau 70-80% haben keine Qualikfikationen. Viel Spass beim integrieren in den Arbeitsmarkt. Und klar freut es die Wirtschaft. Einerseits mehr Konsumenten, die Wirtschaft kümmert es nicht woher das Geld stammt das ausgegeben wird. Andererseits bedeuten mehr Leute die um die Jobs kämpfen müssen, dass die Arbeitgeber immer schön am Drücker bleiben und die Angestellten zunehmend froh sein müssen überhaupt einen Job zu haben. Nach dem Motto: Lieber einen mies bezahlten Job als gar keinen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Klaus Waldeck (kdwbz)
    Eine Sache ist es kulturnahe Menschen, wie Personen aus angrenzenden Staaten mit ähnlicher Kultur aufzunehmen, eine andere wenn die Immigranten einer total anderen Kultur (Sprache - Religion - Rechtsempfinden - Bildung - Verhaltensmuster) angehören. Dieser Punkt darf bei aller Integrationsstudien nicht unter den Tisch gewischt werden, ansonsten sind erhebliche Probleme mit der eigenen Bevölkerung bereits vorprogrammiert.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen