Der Kandidat und die Nashörner

Der Spitzenkandidat der SPD gilt als kenntnisreicher, scharfzüngiger, entschlussfreudiger Politiker. Und trotzdem scheint er in der Auseinandersetzung gegen Angela Merkel und deren CDU keine Chance zu haben. Wer ist dieser Mann?

Peer Steinbrück

Bildlegende: Peer Steinbrück Reuters

Er habe von der Kavallerie nur geredet, sagt Peer Steinbrück. Die Amerikaner hätten sie losgeschickt. Eine Zusammenfassung dessen, was sich mit dem Schweizer Bankgeheimnis in den letzten Jahren so alles zugetragen hat. Steinbrück formuliert häufig spitz, meist kurz und bisweilen provokativ.

Und einige dieser provokativen Formulierungen begleiten ihn dann häufig etwas länger als ihm lieb ist. Das mit der Kavallerie mochte er selber manchmal nicht mehr hören. Das hindert ihn aber nicht daran, immer wieder mal spitz weiter zu formulieren – etwa wenn er von Angela Merkel spricht. Sie habe keinen Plan, sagt der Herausforderer über die Kanzlerin. Sie sei eine glänzende Machtpolitikerin, liege gern in der Furche und hebe den Finger. «Aber nicht, um eine Richtung vorzugeben, sondern um den Wind zu messen.»

«Scharfer, analytischer Verstand»

Die Kanzlerin richte sich nach dem Wind, habe keinen Plan, sagt Steinbrück also. Starker Tobak. Eine seiner früheren Vorgesetzten, der seinerzeitige Minister für Technologie, Volker Hauff, sagte gegenüber dem ZDF, wie er Steinbrücks Art Stellung zu nehmen, seinerzeit eingeschätzt habe. «Er kann richtig gut argumentieren», sagt Hauff. «Er hat einen scharfen und analytischen Verstand – nur gelegentlich musste man manche Dinge rausstreichen.» Steinbrück habe, so sagt der frühere Weggefährte, einen Hang zur inhaltlichen Provokation.

Peer Steinbrück ist einer, der Dinge bewegen, verändern will. Aber er ist definitiv kein Revolutionär. Viele sagen, er sei auch kein Linker. Wenn er Dinge verändern will, dann fährt er verbal ruppig ein. Oder er schafft gleich Fakten. Oder beides. Wie bei seiner Sternstunde, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Gefahr des wirtschaftlichen Kollaps drohte. Als zu befürchten war, dass die Deutschen in Massen zur Bank laufen und ihre Guthaben abheben, bevor es zu spät ist.

Angela Merkel und Peer Steinbrück am 5.10.2008

Bildlegende: Angela Merkel und Peer Steinbrück am 5.10.2008. «Einer der Momente, in denen man Verantwortung übernehmen muss». Keystone

Finanzminister Steinbrück trat damals mit Kanzlerin Angela Merkel vor die Kameras und behauptete, die Regierung garantiere für alle Spareinlagen der Bürger. Das war ziemlich unverfroren, gibt er heute zu. «Wir hatten ja weder ein Mandat des Bundestages, so weitreichende Risiken einzugehen. Wir hatten auch keine Rechtsgrundlage dafür», sagt Steinbrück über die Zeit damals. «Nur gibt es bestimmte Momente im Leben eines Politikers, wo er Verwantwortung übernehmen muss.»

Bürgerliches Elternhaus

Peer Steinbrück, Sohn eines Architekten aus Pommern und einer Hausfrau mit dänischen Wurzeln wuchs gutbürgerlich in Hamburg auf. Er war zunächst ein bemerkenswert schlechter Schüler, holte dann aber auf, ging zur Bundeswehr. Dort habe er begriffen, was er später bisweilen praktiziert habe. Nämlich dass einer vorne stehen und Verantwortung für den ganzen Laden übernehmen müsse. Und dort habe ihn ein Offizier dazu überredet, in die SPD einzutreten. Nicht die sozialdemokratische Ideologie habe ihn überzeugt seinerzeit, sondern die Figur des Willy Brandt.

So ist es geblieben, auch nach seiner Zeit als Beamter in Bonn, Finanzminister in Schleswig-Holstein, Ministerpräsident in Nordrhein Westfalen und als Finanzminister in der grossen Koalition in Berlin unter Angela Merkel. Spätestens dort, in der grossen Krise, hat er den Ruf bekommen, ein ausgewiesener Fachmann im Bereich von Wirtschafts- und Finanzpolitik zu sein. Steinbrück ist in seinen Auffassungen konservativer als seine Partei und deren Wahlprogramm. Er sieht sich als pragmatischer Macher.

«Und dann sind sie nicht mehr aufzuhalten»

Das Nashorn ist sein Lieblingstier. Überall in seinem Büro stehen Nashörner herum. «Man muss ein dickes Fell haben oder sich dicke Panzerplatten auf den Leib legen», zieht er Parallelen zwischen den Tieren und seiner politischen Arbeit. Und noch etwas gefalle an Nashörnern, erzählte er im ZDF: «Die fangen ganz langsam an zu laufen – wie eine Maschine, die ganz langsam in Gang kommt. Und nachher nehmen die immer mehr Geschwindigkeit auf und können auf kurzen Strecken 40 bis 50 Kilometer pro Stunde schnell werden. Und dann sind sie nicht mehr aufzuhalten.»

So sähe er sich selber gern in diesem Wahlkampf. Sehr langsam begonnen hat er. Jetzt muss er nur noch schneller werden. «Kommt schon», sagt Steinbrück, 30 Prozent der Wähler entschieden sich erst im letzten Moment. Auf die konzentriere er sich. Das ganze Gelaber vorher interessiere ihn nicht, gibt er zu verstehen, aber das sagt er nicht. Er hat in diesem Wahlkampf unter Schmerzen gelernt, sich mindestens ein bisschen zurückzunehmen.

Ergebnisse auf einen Blick

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Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Steinbrück vor seiner grossen Chance

    Vor der letzten Chance

    Aus Echo der Zeit vom 31.8.2013

    Am Sonntag wird das grosse Fernsehduell zwischen den beiden deutschen Kanzlerkandidaten inszeniert: Merkel gegen Steinbrück. SPD-Spitzenkandidat Steinbrück gilt als scharfzüngiger und entschlussfreudiger als die Kanzlerin. Aber eben auch als chancenlos. Ein Portrait.

    Casper Selg