Deutschlands Infrastruktur spaltet das Land

Kaputte Autobahnen, marode Brücken und ein völlig überlastetes Schienennetz: Deutschlands Infrastruktur zerfällt. Doch während sich im Westen immer mehr Baustellen auftun, verbinden im Osten modern ausgebaute Strassen bisweilen Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern.

«Brückenschäden – Für Lastkraftwagen gesperrt» Diese Schilder sind auf Deutschlands Autobahnen derzeit häufig anzutreffen. Hunderte von Brücken, vor allem in Westdeutschland, sind weit über 40 Jahre alt und dem heutigen Schwertransport-Verkehr nicht mehr gewachsen. «Es wurde in der Vergangenheit viel zu wenig in die Sanierung von Brücken und Strassen gesteckt.

Während im Westen auf Verschleiss gefahren wurde, hat man sich vor allem auf den Neubau im Osten konzentriert», sagt Professor Martin Mertens, Ingenieur und Brückenbau-Experte der Universität Bochum. 20 Prozent aller Autobahnen und fast die Hälfte aller Bundesstrassen müssen dringend erneuert werden.

Die Mängelliste ist lang

Mit einem Sanierungsstau kämpft auch das Zugpferd des Landes, die deutsche Bahn. Die Mängel-Liste ist lang: Verspätungen, veraltete Züge, überlastetes Schienennetz. Über eine Milliarde Euro müsste die Bahn jährlich investieren, um sich wieder nach vorne zu bringen, rechnet Klaus Peter Naumann von Pro Bahn vor. Seine Organisation vertritt die Interessen der Bahnnutzer. «Unsere Politiker haben lieber in Grossbauprojekte investiert, statt sich um die Sanierung des Schienennetzes zu kümmern. Das rächt sich nun», meint Naumann.

«Für die Schule eine Katastrophe»

Der Kampf um den Wohlstand ist in vollem Gange. Das weiss auch Christof Heller. Der Oberbürgermeister von Hüttenberg in Hessen braucht dringend eine neue Sporthalle. Die Alte musste wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Statiker haben Risse in der Dachkonstruktion festgestellt. Für einen Neubau fehlt der Gemeinde jedoch das Geld.

«Für unsere Grund- und Hauptschule ist das eine Katastrophe. Die Schüler müssen jetzt für den Sportunterricht mit dem Bus in andere Gemeinden fahren», berichtet Heller. Seit der Schliessung verfällt die marode Halle. Heller hat zwar einen Antrag auf Unterstützung beim Land gestellt, doch bisher noch keine Antwort bekommen.

Jeder dritte Einwohner über 65 Jahre

An Geld für die Infrastruktur fehlte es in den neuen Bundesländern nicht – im Gegenteil. Hier flossen Milliarden für den sogenannten Aufbau Ost. So verbindet heute ein grosszügiges Strassennetz die Städte. Doch diese leiden zunehmend unter Bevölkerungsschwund.

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Deutschland vor den Wahlen

6:07 min, aus 10vor10 vom 19.9.2013

Etwa Dessau-Rosslau in Sachsen-Anhalt. Jeder dritte Einwohner ist hier mittlerweile über 65 Jahre alt. Bis 2030 verliert die Region nach neusten Prognosen 20 Prozent ihrer Einwohner. Die erwerbstätige Bevölkerung schrumpft, die Steuereinnahmen auch. Für Oberbürgermeister Klemens Koschig von Dessau-Rosslau ist deshalb Zeit zum Umdenken: «Der Aufbau der während des Sozialismus vernachlässigten Infrastruktur war notwendig. Aber jetzt haben wir das Problem einer teuren Infrastruktur für eine schrumpfende Bevölkerung», befürchtet Koschig.

Deutschland ist ein Sanierungsfall. Um den Zerfall zu stoppen, müsste jährlich ein zweistelliger Milliardenbetrag in die deutsche Infrastruktur fliessen, schätzen Experten

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