Kommentar: Keine Partei hat Grund sich zu freuen

Sechs Monate lang wurde in Deutschland gemeckert: Der Wahlkampf sei langweilig, es bleibe eh alles beim Alten. Und jetzt das: Deutschland sieht heute politisch wesentlich anders aus als gestern.

Der deutsche Bundestag in Berlin von oben gesehen.

Bildlegende: Der neue deutsche Bundestag hat nur noch vier Parteien. Keystone

Es war nicht einmal die überraschend starke Partei Alternative für Deutschland, die für den Umbruch sorgte. Den Euro-Kritikern fehlten mickrige zwei Zehntel zum Einzug in den Bundestag. Sondern es waren die Liberalen. Die FDP ist nach 64 Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden. Auch ihr fehlten nur wenige Zehntel.

CDU verliert Koalitionspartner

Jetzt sind nicht wie erwartet mehr, sondern nur noch vier statt der bisherigen fünf Parteien im Bundestag. Vor allem aber steht jetzt Angela Merkel mit ihrer CDU ohne ihren Koalitionspartner FDP da. Jetzt muss sie sich mit der SPD oder den Grünen zusammenraufen, um auf die Mehrheit zu kommen, die sie um ein Haar allein geschafft hätte, aber eben nicht ganz.

Mit alledem hat Angela Merkel offensichtlich nicht gerechnet. Noch selten hat eine grosse Siegerin in ihrem Triumph so baff gewirkt wie sie am Sonntagabend. Damit war Merkel nicht allein.

SPD verfehlt das Ziel

Die SPD hat ihr Ziel einer rot-grüne Regierung weit verfehlt. Jetzt wird sie von der Linken, mit der sie nicht zusammenspannen will, wohl unablässig mit der Frage gepiesackt, weshalb sie eine rot-rot-grüne Linksregierung sausen lasse, wo sie doch jetzt eigentlich möglich wäre. Das wird der SPD noch schwer zu schaffen machen.

Grüne schwächer als die Linke

Auch die Grünen sind ernüchtert, weil sie ihre komfortable Position mit rund 15 Prozent Wähleranteil wegen einem überladenen Wahlprogramm verspielt haben. Die etwas über acht Prozent, die sie erreicht haben, sind ein Fiasko. Damit sind sie jetzt sogar schwächer als die Linkspartei. Aber auch die hat nicht viel Grund zur Freude. Die jetzt bestehende Möglichkeit einer linken Regierung wird ungenutzt verstreichen, weil weder SPD noch Grüne mit der Linken zusammenspannen wollen. Nur noch vier Parteien sind im Bundestag, und keine hat wirklich Grund zur Freude.

Casper Selg

Casper Selg

casperselg.ch

Seit mehr als 35 Jahren ist Casper Selg Journalist. Er leitete das «Echo der Zeit» und war Radio-Korrespondent in den USA und nach 2010 in Berlin. Seit seiner Pensionierung im Sommer 2015 arbeitet er als freier Journalist und Ausbildner. Er ist Mitglied des Schweizer Presserates.