Renaissance eines Klimakillers

Der Atomausstieg ist auch in Deutschland beschlossene Sache. Die Energiewende ist eines der grossen Themen vor der Wahl im September. Vielerorts boomen nun grüne Energien. Nicht so in Sachsen: Dort reden wieder alle von der Braunkohle.

Alles ist gewaltig am Kraftwerk Boxberg: die dampfenden Kühltürme, die riesigen Kesselgebäude, die schiere Menge Kohle. 60'000 Tonnen werden hier verfeuert – jeden Tag.

Früher war alles noch gigantischer

Wolfgang Beyer ist Direktor des Kraftwerks Boxberg in der sächsischen Oberlausitz. Er ist ein Braunkohleveteran, der schon zu DDR-Zeiten in der Branche gearbeitet hat. Damals war alles noch gigantischer: Boxberg produzierte gleich viel Strom wie alle Schweizer Atomkraftwerke zusammen und blies Schwefel, Stickoxyd und Feinstaub in solchen Mengen in die Luft, dass die Menschen weitherum husteten und im Erzgebirge die Wälder starben.

Sauren Regen und schmutzigen Schnee – das gebe es heute nicht mehr, erzählt Beyer. Heute werde das Rauchgas, das bei der Verbrennung der Kohle entsteht, in einer eigenen Anlage gereinigt. «Die Rauchgasentschwefelung ist die grösste Modernisierung», so Beyer. Die Anlage dafür ist fast so gross wie das eigentliche Kraftwerk. Das gereinigte Rauchgas verlässt schliesslich über den Kühlturm das Kraftwerk.

15 Millionen Tonnen CO2 im Jahr

Zehn Kraftwerkblöcke wurden inzwischen stillgelegt, zwei nachgerüstet und zwei ganz neu gebaut. Heute gilt Boxberg als sauberstes Kohlekraftwerk Europas – kein Vergleich mehr zur Dreckschleuder von früher.

Dies anerkennt auch Julius Schröder von Greenpeace. Doch auch die modernsten Braunkohlekraftwerke seien immer noch Klimakiller. Es sei schlimm, dass Deutschland im Zuge des Atomausstiegs sogar wieder vermehrt auf die schmutzigste aller Energieformen setzen. «Wir finden das katastrophal für die Klimaentwicklung», sagt Schröder klar.

Vor allem wegen des enormen CO2-Ausstosses. Alleine Boxberg bläst jedes Jahr rund 15 Millionen Tonnen des Treibhausgases in die Luft und heizt damit die Atmosphäre an.

Ganze Dörfer müssen der Kohle weichen

Das ist der gewichtigste, aber längst nicht der einzige Nachteil von Braunkohle, wie ein Besuch bei Familie Badendick zeigt. Vier Generationen leben hier unter einem Dach in Rohne. Das ist ein hübsches Dorf mit 1600 Einwohnern – eine sorbische Siedlung mit langer Geschichte, aber stark gefährdeter Zukunft. Rohne und seine Nachbardörfer sind dem Untergang geweiht.

Rohne liegt am Rand des Tagebaus Nochten. Eine Kohlengrube, fast doppelt so gross wie der Kanton Basel-Stadt, die aber noch einmal erweitert werden soll. Dann wird Rohne das gleiche Schicksal teilen wie Dutzende Lausitzer Dörfer zuvor. Fast zwei Minuten braucht Elke Badendick, um die Liste mit den Orten vorzulesen, die ein Opfer der Kohle wurden. Rohne soll nicht auch noch dazu kommen. «Wir setzen alles dran, dass wir hierbleiben können», sagt Elke Badendick. Grossmutter Anna Badendick fügt hinzu: «Ich bin von Geburt an hier und ich möchte auch nicht weg. Ich will auch hier sterben.»

Doch die Stimmung im Dorf ist geteilt. Wer umsiedeln muss, wird recht grosszügig entschädigt, und die Kohleindustrie ist der mit Abstand grösste Arbeitgeber in der strukturschwachen Lausitz. Der Kohleabbau sei wichtig für die Menschen hier, sagt eine Frau in Rohne. «Weil das für uns viele Arbeitsplätze sind.» Und sonst gebe es nun mal keine andere Industrie in der Gegend. Schade sei es für die Menschen, die wegziehen müssten, räumt ein Mann ein. Ansonsten aber sei das doch eine gute Sache. Ein anderer arbeitet für Vattenfall. «Und insofern habe ich da keine Einwände.»

Vattenfall ist der Betreiber des Kraftwerks Boxberg. Ein schwedischer Energiemulti, der ganz gross ins deutsche Stromgeschäft eingestiegen ist. Vattenfalls deutsches Braunkohle-Engagement ist allerdings im umweltbewussten und kohlefreien Schweden höchst umstritten. Deshalb ist es gut möglich, dass Vattenfall bald schon seine Kohlemeiler in Deutschland abstösst.

Boxberg-Direktor Wolfgang Beyer sieht das gelassen. Mögliche Käufer liessen sich leicht finden, denn gerade jetzt sei Braunkohle unverzichtbar. Immerhin habe Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen. Deshalb könne man nicht fast gleichzeitig aus zwei wichtigen Energieformen aussteigen, sagt Beyer. «Sie haben ja keine Alternativen.»

Eine Aussage, die Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen vehement bestreiten. In Sachsen aber haben sie es schwer. Der heimische Rohstoff Braunkohle ist sogar gefragter als noch vor zehn Jahren.

Kohlestrom für mindestens zwei weitere Generationen

Die Kohle macht inzwischen wieder fast die Hälfte des sächsischen Energiemixes aus. Und es wäre ja auch Wahnsinn, diese neuen Anlagen nicht mehr zu benutzen, sagt Kraftwerksdirektor Beyer. Die Blöcke, auf die er zeigt, haben noch lange Laufzeiten: einer bis 2040, ein anderer bis 2058, der dritte gar bis 2064. Strom aus Braunkohle also für mindestens zwei weitere Generationen. Schlechte Nachrichten für Badendicks und wohl auch für die Luftqualität.

Unterwegs in Deutschland

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«Rendez-vous» und «Echo der Zeit» berichten in den kommenden Wochen für Sie aus Deutschland. Welche Themen bewegen die Menschen in unserem Nachbarland? Was beeinflusst ihren Wahlentscheid? Unsere Reporter sind für Sie unterwegs – in Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Und am Abend des 22. September natürlich in Berlin.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Braunkohle-Kraftwerk Boxberg, Sachsen; im Hintergrund der Tagebau Nochten. Tag für Tag werden hier 60'000 Tonnen Kohle verfeuert. Zu DDR-Zeiten war Boxberg das grösste Kohlekraftwerk Europas und eine berüchtigte Dreckschleuder - und gilt auch heute noch als Klimakiller.

    In Sachsen wächst die Bedeutung der Braunkohle - wieder

    Aus Rendez-vous vom 26.8.2013

    Die Energiewende ist eines der grossen Themen im deutschen Wahlkampf. Im Bundesland Sachsen hat die AKW-freie Zukunft nicht zum Boom der grünen Energie geführt, sondern zur Renaissance der Braunkohle. Lange wurde diese als Auslaufmodell betrachtet. Eine Reportage.

    Max Akermann