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International «Die Ägypten-Route wird nie eine grosse Rolle spielen»

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz plädiert für ein Flüchtlingsabkommen mit Ägypten – ähnlich dem mit der Türkei. Doch Ägypten-Kennerin Astrid Frefel winkt ab: Ein solches Abkommen wäre allenfalls mit einem Nachbarland wichtig.

Ein überfüllte Flüchtlingsboot auf hoher See, Menschen mit orangen Rettungswesten springen ins und schwimmen im Wasser.
Legende: Diese Flüchtlinge haben es geschafft. Sie werden vor Libyen von einem europäischen Schiff gerettet. Keystone

Man müsse mit Ägypten den gleichen Weg einschlagen wie mit der Türkei, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der «Süddeutschen Zeitung»: «Der Schutz der Flüchtlinge und die Bekämpfung des Schlepperwesens müssen im Vordergrund stehen.»

Nach Angaben der europäischen Grenzschutzagentur Frontex entwickelt sich Ägypten zu einem immer wichtigeren Startpunkt für Schlepperboote nach Europa. Stimmt diese Einschätzung? Astrid Frefel in Kairo gibt Auskunft.

SRF News: Ist die Angst der EU berechtigt, Ägypten könnte sich zum Startpunkt für Zehntausende Flüchtlinge in Richtung Europa entwickeln?

Astrid Frefel: Nur zu einem gewissen Teil. Denn die Route von Ägypten nach Europa wird nie eine grössere Rolle spielen. Diese Route gibt es schon sehr lange, im Durchschnitt kamen jeweils rund zehnmal weniger Menschen aus Ägypten nach Europa als von Libyen aus. In den letzten Monaten ist die Zahl der Flüchtlinge über die Ägypten-Route zwar etwas gestiegen, aber das gab es schon früher – je nach dem, welche Faktoren die Gesamtsituation beeinflussen.

Wieso wird die Route ab Ägypten Ihrer Ansicht nach nie so wichtig werden wie jene aus Libyen oder aus der Türkei?

Die Ägypten-Route übers Meer ist sehr lang und gefährlich, was sie auch sehr teuer macht. Auch der Landweg, der auf dieser Route zurückgelegt werden muss – etwa für die Flüchtlinge aus Zentralafrika – ist sehr lang.

Wie viele Flüchtlinge gibt es derzeit in Ägypten?

Es gibt hier sehr viele Flüchtlinge. Das heisst aber nicht, dass sie alle nach Europa wollen. Das Land ist kein derartiges «Sprungbrett» nach Europa, wie das Libyen ist. In Ägypten sind rund 200'000 Flüchtlinge registriert, allerdings sind sehr viel mehr hier. Präsident Abdel Fattah al-Sisi nannte sogar die Zahl von fünf Millionen. So leben allein aus Sudan mehr als eine Million Menschen im Land. Allerdings hat das eine lange Tradition.

Wie gross ist Sisis Interesse, einen wie von Schulz vorgeschlagenen Deal mit der EU einzugehen?

In seinem Interesse wäre sicher die finanzielle Unterstützung aus der EU, damit man etwa die Armee und die Marine besser ausrüsten könnte. Er weiss aber auch, dass er dadurch punkten könnte, denn das Thema Flüchtlinge ist in Europa ja in aller Munde. Sisi könnte also sein Image aufbessern, das angesichts der schlechten Menschenrechtslage in Ägypten angeschlagen ist.

Könnte es nicht auch sein, dass die EU nun versucht, ihr eigenes in der Flüchtlingskrise angeschlagene Image aufzubessern, indem man nun auf Ägypten zugeht und zeigt, dass man etwas tut?

Man versucht es wohl zuerst in Ägypten, weil man hier einen Ansprechpartner hat – im Gegensatz zu Libyen, wo das wirklich grosse Problem mit Hunderttausenden Flüchtlingen liegt, deren Ziel Europa ist. So hofft man wohl in Brüssel, mit Kairo ins Gespräch zu kommen. Allerdings sind das nicht mehr als Ideen, etwas Konkretes ist bislang nicht vorhanden.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Astrid Frefel

Portrait von Astrid Frefel

Die Journalistin lebt und arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre in Kairo. Davor war die Ökonomin aus Basel Wirtschaftsjournalistin für verschiedene Zeitungen und berichtete als Korrespondentin für den «Tages-Anzeiger» aus Wien und Istanbul.

Schiffstragödie vor Ägypten

Nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes vor Ägyptens Mittelmeerküste am Mittwoch ist die Zahl der Toten weiter gestiegen – auf inzwischen 112. Helfer hätten Dutzende weitere Leichen geborgen, sagte ein Sprecher des ägyptischen Gesundheitsministeriums. Viele Menschen würden noch vermisst, die Zahl der Toten werde deshalb wohl weiter steigen.

12 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Bis 2011 hätte es in Lybien einen Ansprechpartner gegeben, wohl eine sehr eigenwillige, auch mir nicht sonderlich sympathische Person. Dummerweise hatte er ein paar Ideen, die dem US-Regime gar nicht passten, worauf er Besuch erhielt aus den USA und Frankreich. Jetzt gibt es keine Ansprechperson mehr in Lybien, dafür breitet sich der IS aus, wie üblich, nach unerwünschten US-Besuchen zur Verbreitung von "Demokratie", "Menschenrechten" und anderen "Westlichen Werten".
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Sie meinen einen Ansprechpartner für BR Merz?
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    2. Antwort von Philipp Etter (Philipp Etter)
      @A.P. Nein, ich meine einen Ansprechpartner der EU. Gaddafi war die Schweiz egal, was sind 8Mio. potentielle Kunden im Verhältnis zu 500Mio.? Auch beim Theater rund um die Ausfälle seines Sohnes in Genf hat die Schweiz den Schwanz eingezogen, war auch gut so, lohnte sich nicht, sich mit diesem Typen anzulegen. Er hatte über Jahre ein feines Gespür dafür, wie weit er bei wem gehen kann, ohne dass es knallt und weh tut. 2011 hatte er die Lage falsch eingeschätzt.
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    3. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Gadafi war der Schweiz egal? Warum sagte er dann mehrmals, die Schweiz müsse ausgelöscht werden und auf die angrenzenden Länder verteilt werden?
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  • Kommentar von Willy Gruen (wgruen)
    Gerade wird wieder von dem gekenterten ägyptischen Fischerboot berichtet, bei dem vorerst 108 Tote gefunden wurden, es könnten mehrere Hundert gewesen sein. 10.000 Menschen sind beim Versuch das Mittelmeer zu überwinden in den letzten zwei Jahren gestorben. Wie lange noch will Europa und die Schweiz beim Massensterben zuschauen bis die todbringenden Grenzen endlich geöffnet werden? Migration muss Menschenrecht sein!
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Gruen, solange man diese Fluechtlinge aufnimmt kommen immer mehr und mehr. Schlepper & Schleuser wollen verdienen. Erst wenn man diese Bootsfluechtlinge umgehend und sofort zurück bringen kann, zerstört man diesen Anreiz wirklich. Ergo, falsche Anreize, führt die Leute ins Verderben. Offene Grenzen helfen da nicht.
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    2. Antwort von paul waber (sandokan)
      Allein durch die Tatsache, dass die Grenzen Europas faktisch kaum existieren und Migration erzwungen werden kann, führt dazu, dass sich tausende auf den Weg machen, auch mit dem Risiko unterwegs zu sterben...
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    3. Antwort von Willy Gruen (wgruen)
      Herr Haller, fragen Sie einmal Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea warum sie ihr Land verlassen. Ich wünsche Ihnen nicht, in deren Haut zu stecken, damit Sie aufhören das zu schreiben, was Sie schreiben...
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    4. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Naja, sogar die SVP sagt, an Leib und Leben gefährdete dürfen in der Schweiz aufgenommen werden. Nur gibt es gemäß Strategiechef Dr. Blocher praktisch keine solche. Syrien und Eritrea hin oder her.
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Der Flüchtlings-Deal der EU mit R. Erdogan entpuppt sich bei genauer Betrachtung als lupenreiner Menschenhandel-Deal. Die EU zahlt Milliarden damit die Menschen je nach Belieben, Situation und Bedarf über das Mittelmeer hin und her geschoben werden können, respektive der EU vom Hals gehalten werden, damit die ausgerufene "Willkommenskultur" nicht doch noch vollständig kollabiert. Und nun dasselbe mit Ägypten?
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