«Die Ausbreitung von Ebola ist absolut inakzeptabel»

Medizin und Pharmaindustrie haben sich bisher kaum für Ebola interessiert. Darum gibt es nur experimentelle Medikamente zur Bekämpfung der Krankheit. Jeremy Farrar, prominenter Arzt und Chef einer steinreichen Forschungsstiftung macht nun Millionen locker, um diese Medikamente zu testen.

Frau auf einem Balkon. Im Hinergrund auf der Strasse Hilfspersonal in Schutzkleidung

Bildlegende: Für Farrar sind die Tests nötig, damit wenigstens bei der nächsten Epidemie ein Gegenmittel bereit sein könnte. Reuters

Bei Viren und Epidemien kennt er sich aus wie kein zweiter: Jeremy Farrar. Der Arzt leitete 17 Jahre lang eine Aussenstelle der Universität von Oxford in Vietnam. Er war beteiligt am Kampf gegen die Sars-Seuche und gegen die Vogel- und Schweine-Grippe. Zurzeit ist er Direktor des Wellcome Trust, der weltweit zweitreichsten Stiftung zur Förderung von medizinischer Forschung.

Farrar findet, dass die Behandlung von Epidemien wie der Ebola nur schwer vorankommt. Die Gesundheitsorganisationen könnten mittlerweile Seuchen schnell erkennen, aber wenn es um die Bekämpfung gehe, stehe seine Zunft weniger gut da. «Die Ebola-Krise weitet sich auch nach zehn Monaten immer noch aus. Das ist absolut inakzeptabel», findet der Arzt.

10 Millionen für die Forschung

Darum hatte er früh gefordert, Ebola-Erkankte mit Medikamenten zu behandeln, die bereits erfolgreich an Tieren getestet wurden. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO diesen Plan abgesegnet hat, öffnet Farrars Stiftung nun ihre Kasse. Als ersten Schritt stellt sie 10 Millionen Franken für die Forschung zur Verfügung – und das ungewöhnlich rasch, sagt der Arzt: «Interessierte Forscher können innerhalb von Tagen oder Wochen mit Geld rechnen, nicht erst in Monaten oder Jahren.»

Aber Farrar ist sich sehr wohl bewusst, welche Schwierigkeiten sich der Forschung stellen. In Liberia, Sierra Leone und Guinea herrschten teils chaotische Zustände. Spitäler seien schlecht ausgestattet, überlastet oder es gäbe gar keine. Trotzdem müssen unter diesen Bedingungen klinische Studien organisiert werden.

Studien unter schwierigen Bedingungen

Ausserdem werde es in den nächsten Monaten viel zu wenige experimentelle Medikamente geben für all die verzweifelten Kranken – wer soll sie bekommen? Laut Farrar wird das Forschungsgeld auch dafür eingesetzt, solche Fragen zu klären. «Zusätzlich gibt es auch Geld für Untersuchungen über eine bessere Zusammenarbeit der Behörden und ihren Bürgern.» Diese seien oft misstrauisch und lehnten notwendige Gesundheits-Massnahmen ab.

Farrar ist sich bewusst, dass die umstrittenen Medikamenten-Tests für diese Epidemie höchstens am Rande hilfreich sein werden. Resultate gebe es frühestens in sechs bis neun Monaten – wenn überhaupt. Gemäss dem Arzt sind sie trotzdem nötig. Medikamente gegen eine solch tödliche Krankheit wie Ebola könnten nur während einer Epidemie getestet werden.

Keine Alternative

«Verpassen wir diese Gelegenheit, wird es weitere Epidemien mit hunderten Toten geben – und stets werden wir uns fragen: Wie wäre es, wenn wir ein Medikament gegen das Virus hätten?» Es scheint, dass es keine Alternative zu diesen schwierigen klinischen Studien gibt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Thomas Kratz. Bild: Barbara Sigge.

    Thomas Kratz, Arzt im Einsatz gegen die Ebola-Epidemie

    Aus Rendez-vous vom 20.8.2014

    Schon mehr als 1000 Todesopfer hat die Ebola-Epidemie in Westafrika gefordert, hauptsächlich in den Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone. Manchenorts eskaliert die Lage. Thomas Kratz ist Arzt in Berlin und stand schon mehrmals für die Organisation Médecins sans frontières im Einsatz.

    Er ist Gast von Iwan Lieberherr.

    Iwan Lieberherr