«Die Auswertung der Blackbox kann Wochen dauern»

Weiterhin wird über die Ursache des Flugzeugabsturzes in Südfrankreich gerätselt. Matthias Schmid, Experte für Flugsicherheit und ehemaliger Pilot, erklärt im Interview, wieso es Wochen dauern könnte, bis die Unglücksursache feststeht.

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Einschätzungen des Aviatik-Experten Matthias Schmid

0:58 min, vom 24.3.2015

SRF News: Gibt es erste Hinweise auf die Ursache des Absturzes?

Matthias Schmid: Die Tatsache, dass sich die Piloten nicht gemeldet haben, ist für mich sehr rätselhaft. Das Flugzeug flog nach Beginn des raschen Sinkflugs ja noch minutenlang weiter.

Worauf könnte das hindeuten?

Entweder war die Besatzung aus physischen Gründen – weil sie ausgeschaltet war – nicht mehr dazu imstande, sich zu äussern und zu kommunizieren. Oder aber technische Gründe – wie der Ausfall der Funkübermittlung – machten eine Kommunikation mit der Flugüberwachung unmöglich.

Eine Explosion an Bord schliessen Sie aus?

Eine solche ist sehr unwahrscheinlich. Eine Explosion, bei der das Flugzeug in der Luft nicht völlig zerstört wird, ist äusserst undenkbar. Doch ausgeschlossen ist gar nichts.

Helikopter fliegt vor gebirgigem Gelände.

Bildlegende: Die Suche nach dem zweiten Flugdatenschreiber geht in unwegsamem Gebiet weiter. Keystone

Bei der Unglücksmaschine soll es einen Tag vor dem Absturz Probleme mit der sogenannten Nose Landing Door im Bugbereich gegeben haben. Kann ein solches Problem die Maschine zum Absturz bringen?

Ein Problem mit einer Klappe, welche den Schacht abdeckt, in dem das Bug-Fahrwerk verstaut ist, kann nicht per se ein Flugzeug zum Absturz bringen. Wenn es Probleme mit einer solchen Klappe gibt, treten etwa Geräusche oder Vibrationen während des Flugs auf. Selbst wenn diese Klappe mitten im Flug abgerissen würde, würde dies noch lange nicht bedeuten, dass das Flugzeug abstürzen müsste.

Könnte ein Herstellerfehler von Airbus am Absturz schuld sein, so dass möglicherweise auch andere Flugzeuge desselben Typs gefährdet sein könnten?

Ein Herstellerfehler ist bei einer Maschine, die in tausenden Exemplaren gebaut wurde und seit über 25 Jahren erfolgreich im Einsatz ist, nicht sehr wahrscheinlich. Es ist aber möglich, dass die Wartungsprogramme für alternde Flugzeuge vielleicht revidiert werden müssen. Dies etwa, weil man die Überwachung auf andere Bauteile setzen muss oder weil man die Kontrollen vertieft ansetzen muss.

Der abgestürzte Airbus A320 war 24jährig. Ist das alt für ein Flugzeug in Europa?

Für ein Flugzeug, das viel geflogen ist, ist dies sicher ein stolzes Alter. Doch Flugzeuge werden dafür gebaut, dass sie dieses Alter und diese Anzahl Flugzyklen erreichen. Wenn das Flugzeug normal gewartet wurde – und davon ist sicher auszugehen – ist dies nichts Aussergewöhnliches und es gibt viele andere Flugzeuge, die ähnlich alt und absolut sicher sind.

Eine der Blackboxen wurde schon am Dienstag gefunden. Rechnen Sie mit einer raschen Auswertung der darauf enthaltenen Daten?

Wir wissen nicht, welche Blackbox gefunden worden ist, ob es die mit den Flugdaten oder jene mit den Gesprächsaufzeichnungen aus dem Cockpit ist, wobei jene mit den Flugdaten wichtiger ist. Das Vorhandensein dieser Daten würde die Unfalluntersuchung natürlich voranbringen, weil die Abläufe nachgestellt werden können und man ein sehr klares Bild darüber erhält, wie der Flug abgelaufen ist und was sich an Bord abgespielt hat.

Wie lange wird es dauern, bis die Daten ausgewertet sind?

Die Analyse eines Flugdatenschreibers wird wohl mehrere Wochen dauern. Das beginnt bei der technischen Auswertung der Daten, die nicht immer lesbar sind. Sind sie es, müssen sie auf darstellbare Formen umgeschrieben werden. Sodann müssen die Daten daraufhin analysiert werden, ob sie wirklich zusammengehören und ob sie plausibel sind.

Matthias Schmid

Matthias Schmid ist Flugsicherheits-Experte mit eigener Beratungsfirma für Flugsicherheit. Früher war er selber Linienpilot.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Flugzeugabsturz in Südfrankreich

    Aus Tagesschau vom 24.3.2015

    In Südfrankreich ist eine Maschine der deutschen Fluggesellschaft Germanwings abgestürzt. An Bord der A320 waren 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder. Die Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf. Zur Absturzursache sind noch viele Fragen offen. Informationen und Einschätzungen aus Barcelona, Paris und Düsseldorf.