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International «Die beste Antwort an die Terroristen ist Normalität»

Grossveranstaltungen werden nach den Anschlägen von Paris mit mulmigem Gefühl durchgeführt oder gar abgesagt. Auslandredaktor Fredy Gsteiger erklärt, was auf dem Spiel steht, wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird.

Französische Fans mit Schalfs und Trikots vor dem Wembley Stadion in London.
Legende: Dem Terror zum Trotz: Französische Fussballfans vor dem Spiel zwischen England und Frankreich. Keystone

Nach den Anschlägen von Paris stehen Regierungen vor schwierigen Entscheidungen: Sollen Grossveranstaltungen angesichts von Terrorgefahr durchgeführt werden? Aktuellstes Beispiel ist das abgesagte Fussballländerspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover. SRF-Auslandredaktor Fredy Gsteiger unterstreicht, dass die Regierungen momentan unter enormem Druck stehen würden, Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit zu zeigen. Dies könne auch oft zu Überreaktionen führen.

SRF News: Für die Sicherheitsbehörden ist es eine vertrackte Lage. Reagieren sie auf Anschlagsdrohungen, tun sie genau das, was die Terroristen wollen. Reagieren sie nicht und es passiert etwas, sind sie auch Schuld.

Fredy Gsteiger: Genau. Die Abwägung, die sie machen müssen, ist enorm schwierig. Die Behörden müssen sich fragen: ‹Wo sind die Hinweise auf Bedrohungen konkret genug, dass man handeln muss?› Dabei muss man immer zwischen Sicherheit und Freiheit abwägen. Natürlich ist Sicherheit ein hohes Gut und sie wird auch von der Gesellschaft eingefordert. Aber in einer westlich-freiheitlichen Gesellschaft sollte auch die Freiheit nicht ohne Not eingeschränkt werden.

Müssen wir in der nächsten Zeit damit rechnen, dass noch mehr Grossanlässe abgesagt werden?

Ja. Damit müssen wir rechnen. In Betracht kommen etwa Fussballspiele, grosse Festanlässe und viele Flüge. Zurzeit führen die französischen Behörden eine intensive und sehr brisante Diskussion darüber, ob all die Grosskundgebungen zum Klimagipfel untersagt werden sollen. In diesem Zusammenhang werden weltweit Millionen von Menschen zu Demonstrationen erwartet. Allein in Paris sind es möglicherweise Hunderttausende. Wenn man weiss, wie wichtig die Rolle der Gesellschaft in der Klimapolitik ist, wäre es eine beträchtliche Einschränkung, diese Kundgebungen zu verbieten. Die demokratischen Ausdrucksmöglichkeiten würden begrenzt und dies wäre indirekt ein Sieg für die Terroristen.

Wenn der eine oder andere Grossanlass wegen einer Drohung abgesagt wird, kann dies die Gesellschaft verkraften. Aber ab wann ist es zu viel?

Ich würde sagen, sobald unsere Lebensweise erheblich eingeschränkt wird. Zu unserer Lebenswiese in einem demokratischen Land gehört die Reisefreiheit ohne enorme Schikanen an Flughäfen und Bahnhöfen. Dazu gehören auch die Demonstrationsfreiheit und die Meinungsäusserungsfreiheit inklusive Karikaturen zu religiösen Themen. In Europa sind aber auch die offenen Grenzen und eine gewisse Freiheit von staatlicher Überwachung wichtige Bestandteile. Normalerweise müsste man sagen, dass die beste Antwort an die Adresse der Terroristen die Normalität ist – wenn wir uns also nicht beirren liessen normal und frei weiterzuleben.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Christa lohmann (Saleve2)
    Wie soll unter diesem Druck mit Normalität geantwortet werden.? Sollen wir jetzt einfach ganz normal weiterleben.? Das ist doch eine Utopie. Ausserdem ist das den Terroristen völlig egal, sie verfolgen ihr Ziel, sie wissen doch, dass sie bereits Angst und Panik verbreitet haben. Natürlich ist es richtig, sich nicht zurückzuziehen und Abwarten. Aber die Last müssen wir tragen, wer kann noch unbeschwert eine Veranstaltung besuchen oder in ein Flugzeug steigen. Die Angst ist immer im Gepäck.
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  • Kommentar von Roger Stahn (jazz)
    «...wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird.» Umgekehrt wird ein Schuh draus. Es ist ja wohl klar, dass jeder zivilisierte Artgenosse bis ins Mark getroffen ist, bei dem was in Paris passiert & möglich ist. Ein spontaner Konzertbesuch, ein Abendessen mit der Verehrten auf der Terrasse, ein Einkauf im Shop, ein Grossanlass kann gedanklich zur Zerreisprobe werden und das schränkt die Freiheit drastisch ein. Es zu ignorieren oder schön zu färben, macht wenig Sinn, denn der Preis ist zu hoch.
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  • Kommentar von Hans König (Hans König)
    Normalität im Alltag ist sicher wichtig, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und der normale Lebensablauf weiterführen ist eine der Antworten auf Anschläge und Verbrechen. Es ist jedoch falsch im Hintergrund keine Vorkehrungen zu treffen, um den Druck auf diese Terroristen nicht zu erhöhen. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit verhafteten Personen, da gibt es keine Nachsicht und die Strafen müssen hart sein. Mit Geld kann man auch viele Nachrichten aus den Terroristenreihen holen.
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