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International Die brutale Herrschaft der Roten Khmer

Der letzte Prozesstag am Roten-Khmer-Tribunal in Kambodscha: Sieben Jahre lang versuchte das Sondertribunal das blutige Regime der maoistischen Bewegung juristisch aufzuarbeiten. Ob dies dem Gericht auch gelang, erklärt SRF-Korrespondentin Ruth Bossart im Interview.

Schädel und Knochen
Legende: Zwei Millionen Tote: Die blutige Herrschaft der Roten Khmer zählt zu den grössten Massenmorden der Neuzeit. Keystone

Als die Roten Khmer im April 1975 die Hauptstadt Phnom Penh einnahmen, freute sich die kambodschanische Bevölkerung zunächst. Nach der jahrzehntelangen Herrschaft von König Sihanouk und der anschliessenden Machtübernahme durch General Lon Nol waren die Hoffnungen auf Verbesserungen gross. Doch die Erwartungen wurden innerhalb kürzester Zeit zunichte gemacht.

Die maoistisch-nationalistische Guerilla-Bewegung wollte die Gesellschaft radikal umkrempeln und das Land in einen utopischen Agrarstaat umbauen. Schätzungen zufolge starben während ihrer Schreckensherrschaft bis Januar 1979 gegen zwei Millionen Menschen. Jeder vierte Kambodschaner wurde in weniger als vier Jahren exekutiert, zu Tode gefoltert oder starb an Hunger, Krankheit oder Erschöpfung.

Opfer und Flüchtlinge forderten die Aufarbeitung des Massakers. Doch ihr Ruf nach einem internationalen Tribunal wurde von westlichen Ländern lange nicht beachtet. Sogar ihren UNO-Sitz durften die Roten Khmer noch bis zum Pariser Friedensabkommen von 1991 behalten.

Erst im Jahr 2006 begann ein Sondergerichtshof in Phnom Penh mit der juristischen Aufarbeitung des Regimes der Roten Khmer.

SRF News Online: Kambodscha hat erst ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Khmer-Herrschaft begonnen, die Vergangenheit zum Thema zu machen. Wieso so spät?

Ruth Bossart, SRF-Korrespondentin in Südostasien: Das hat damit zu tun, dass die politische Elite des heutigen Kambodscha, inklusive Premierminister Hun Sen, zum mittleren Kader der Roten Khmer gehörte. Die Regierungsvertreter haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie kein grosses Interesse daran haben, die damalige Führungsriege zur Verantwortung zu ziehen.

Kaing Guek Eav alias Duch, der Chef des berüchtigten Foltergefängnisses Tuol Sleng, wurde 2012 zu lebenslanger Haft verurteilt. Er ist der bislang einzige rechtskräftig Verurteilte. Warum gab es in sieben Jahren Gerichtsarbeit nur ein einziges Urteil?

Rote-Khmer-Chefideologe Nuon Chea und Ex-Staatschef Khieu Samphan.
Legende: Schuldig? Die Führungsriege der Roten Khmer: Chefideologe Nuon Chea (l.) und Ex-Staatschef Khieu Samphan. Reuters

Die Schuld von Duch liess sich einfach nachweisen. Denn er hatte Todesurteile unterschrieben. Als Gefängnisdirektor gehörte er nicht zur Führungsriege der Roten Khmer. Schwieriger wird es sein, die Schuld der letzten beiden Angeklagten, Chefideologe Nuon Chea (87) und Ex-Staatschef Khieu Samphan (82), nachzuweisen.

Beide sind wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Missachtung der Genfer Konventionen angeklagt. Als vorläufig letzter Akt wird das Sondertribunal im Frühjahr 2014 über die beiden urteilen.

Das Gericht kämpft an vielen Fronten. Eine schlechte Zahlungsmoral Kambodschas und streikende Gerichtsmitarbeiter führten immer wieder zu Verzögerungen. Zudem sind alle Funktionen am Gericht, wie Richter, Untersuchungsrichter oder Pressesprecher doppelt besetzt – mit kambodschanischen und internationalen Mitarbeitenden. Kambodscha forderte dies so. Dies kostete das Gericht noch mehr Zeit.

«Die Alten wollen sich nicht an die Schreckensherrschaft erinnern, die Jungen kennen sie gar nicht.»
Autor: Ruth BossartSRF-Südostasien-Korrespondentin

Und die Unabhängigkeit des Gerichts?

Ein Beispiel: 2012 demissionierte der Schweizer Untersuchungsrichter Laurent Kasper-Ansermet. Er sagte, Es sei ihm nicht mehr möglich, unabhängig zu arbeiten. Trotz heftigen Widerstands seines kambodschanischen Amtskollegen hatte er gegen die mittlere Führungsriege der Roten Khmer ermittelt. Beschwerden über politische Einflussnahme sind aber auch auf der anderen Seite zu hören. Victor Koppe, Anwalt des Angeklagten Nuon Chea, sagte mir, er das Gefühl habe, dass die Meinung beim Gericht bereits gemacht sei.

Zum Schluss: Hat das Gericht überhaupt etwas gebracht?

Ja. Es ist gut, dass der Prozess in Kambodscha stattfand. Die Bevölkerung konnte so daran teilnehmen. Schulklassen und ganze Dörfer waren vor Ort. Mein Kameraassistent erzählte mir, dass seine Kinder ihm nicht glauben würden, wenn er von den Massenmorden der Roten Khmer berichte.

Es gibt bisher auch keine Schulbücher über diese Schreckenszeit. Es ist unglaublich: Die Alten wollen sich nicht an die Schreckensherrschaft erinnern, die Jungen kennen sie gar nicht. Dennoch: Für Kambodscha ist das Sondergericht eine Chance, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die Roten Khmer

Die Roten Khmer
Legende: SRF

Sie terrorisierten die Bevölkerung, errichteten Foltergefängnisse im Dschungel und bestraften Unschuldige auf bestialische Art: Die Roten Khmer in Kambodscha herrschten von 1975 bis 1979. Hier sehen Sie die schrecklichen Ereignisse im Zeitraffer.

3 Kommentare

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  • Kommentar von kari huber, surin
    Dass die Verbecher auch heute noch am Ruder sind, gibt offenbar immer noch niemandem zu denken. Hun Sen ist einer der brutalsten und rechtlosesten Despoten in Regierungsfunktion. Das wird aber von internationalen Organisationen, besonders der UNO, einfach negiert. Es scheint sich erneut zu zeigen: Was einmal dazu gedacht war, unverbesserliche Verbrecher in Regierungsfunktion zu Beweglichekti zu bringen, festigt nur das Staatsverbrechen.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Was ich hier im Forum schon mehrmals geschrieben habe, schreibe ich jetzt wieder: Mitschuldig sind auch die westeuropäischen Linken, die trotz vieler Berichte über Gräueltaten und KZs bewusst weggeschaut und stets von einer "Dem. Volksrepublik Kamputschea" geredet haben - bei uns nicht nur die Linksextremen, sondern sogar Teile der SPS. Ich war noch sehr jung, als ich am 1. Mai 1975 auf dem Helvetiaplatz eine Demo miterlebte, bei der über die "Befreiung" Kambodschas gejubelt wurde.
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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Die maoistisch-nationalistische Bewegung wollte die Gesellschaft radikal umkrempeln und das Land in einen utopischen Agrarstaat umbauen - jetzt endlich ist mir klar geworden, zu welcher Kategorie die Schweizer Grünen am Besten passen, sie 'standen' und 'sassen' zwar immer schon links der Linken, das nationalistische Element habe ich aber bislang zu wenig in Betracht gezogen. Nein zu Neuen Strassen, Back to Nature, Time-Slot-Traffic, es passt alles, wir haben sie nur 'noch' nicht ganz tun lassen.
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