Die Brutstätten des Terrors

Von Mali, über Libyen, über Syrien bis Irak – überall wüten islamistische Terrorgruppen. Das ist kein Zufall. Und: Um Religion geht es nicht.

SRF: Im Irak kämpfen die Sunniten gegen die Schiiten. Worin unterscheiden sie sich?

Michael Lüders: In der islamischen Frühgemeinde nach dem Tod des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert ging es um die Frage, wer berechtigt ist, die Führung zu übernehmen. Vereinfacht gesagt, erkennen die Schiiten nur die gewählten Nachfolger des Vetters und Schwiegersohns des Propheten Ali an, des vierten so genannten rechtgeleiteten Kalifen. Die Sunniten hingegen begründeten in Damaskus eine neue Dynastie, mit Führern, die mit dem ursprünglichen Propheten nichts zu tun hatten. Der Konflikt im Irak ist allerdings kein Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten.

Sondern?

Es ist ein politischer Kampf um die Macht, Verteilung und Ressourcen, der sich entlang ethnischer und religiöser Grenzen entzündet. Und das ist im Irak und auch anderswo in der Region deswegen eine so grosse Tragödie, weil es viele Mischehen zwischen Sunniten und Schiiten gibt.

Überall in der Welt terrorisieren radikale islamische Gruppen die Bevölkerung. Gibt es da einen Zusammenhang?

Diese Gruppen agieren fast alle ausschliesslich in Staaten, die zerfallen sind und in denen sich die staatliche Ordnung nicht durchsetzen kann. Gleichzeitig werden solche Staaten heimgesucht von westlichen Interventionen. Das Ergebnis ist viel Leid in der Zivilbevölkerung. Aus dieser Mixtur aus Wut und Armut wachsen dann die Terrorgruppen heraus. Das geschieht gegenwärtig in Afghanistan und Pakistan, in Syrien und Irak, in Libyen mit Folgen bis hinunter nach Mali und nach Nigeria, Stichwort Boko Haram.

Der Westen trägt an diesen Konflikten also eine Schuld.

Die Terrorgruppen sind nicht nur das Ergebnis militärischer Interventionen des Westens, sondern auch Ausdruck eines Armutszeugnisses der politischen Eliten in der arabischen Welt. Diese Eliten sind komplett unfähig, egal welches Land wir nehmen. Sie betreiben eine Politik, die über Clan- und Stammesinteressen nicht hinausreicht. Die Führungen dieser Länder haben es nicht verstanden, die Vision eines eigenen Nationalstaates zu schaffen, jenseits von Repression und Gewalt.

Haben alle diese Gruppen im Hintergrund einen Mastermind, einen neuen Osama Bin Laden?

Ob das nun in Nigeria, in Mali, in Syrien oder Irak passiert – es geschieht ohne eine Abstimmung, ohne einen gemeinsamen Kopf. Die islamistischen Terrorbewegungen werden alle von lokalen Führungsträgern getragen, denen es um Macht und um Einfluss geht. Wir haben hier eine besorgniserregende Entwicklung, die von Nordafrika bis nach Zentralasien reicht.

Zur Person

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Der Text ist die verkürzte Fassung des Interviews in der Sendung «Kontext» mit Nah- und Mittelost-Experte Michael Lüders. Lüders studierte zwei Semester arabische Literatur an der Universität Damaskus sowie Publizistik, Islam- und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er ist freiberuflicher Politik- und Wirtschaftsberater und Autor.

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