Zerstörter Lebensraum Die hässliche Seite des Palmöl-Booms

  • Von der Hautcreme über den Nussaufstrich bis zum Schokoladenriegel und Shampoo – in vielen Produkten steckt Palmöl.
  • Weil das Pflanzenöl sehr gefragt ist, werden in den Ländern des Südens immer mehr Palmölplantagen angelegt.
  • Die Projekte stehen in der Kritik, weil Palmölfirmen oft Landrechte verletzen oder Regenwald abbrennen, um neue Plantagen anlegen zu können.
  • In Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos, bedrohen Palmölplantagen den Lebensraum jener Tiere, die am nächsten mit uns verwandt sind: Die Orang-Utans.

«Wenn die Orang-Utan-Babies zu uns kommen, sind sie traumatisiert. Ihre Mütter wurden umgebracht, weil sie sich auf Palmölplantagen verirrt hatten», sagt Sri Rayahu Wiyanti.

Die Indonesierin ist Orang-Utan-Babysitterin der «Borneo Orang-Utan Survival Foundation», kurz BOS, der weltweit grössten Aufnahme- und Auswilderungsstation von Orang-Utans.

Wiyanti sitzt in einem kleinen Stück Wald, auf dem Arm trägt sie das dreijährige Orang-Utan-Baby Valentino, das aus einer Plantage gerettet wurde. Ein weiteres Baby habe eine Kugel im Körper gehabt, ein anderes Brandwunden, sagt Wiyanti:

«  Wir müssen ihnen viel Liebe geben, damit sie sich wieder sicher und wohl fühlen. »

Die Orang-Utan-Babies würden sich im ersten Jahr kaum von Menschen unterscheiden, meint Wiyanti: «Einzig, dass sie nicht nur Milch trinken, sondern auch Früchte essen. Wenn sie älter werden, hängen wir die Früchte in Körben in die Höhe, damit sie lernen zu klettern.»

Auf dem Waldboden tummeln sich weitere kleine Menschenaffen. Sie spielen, sie umarmen sich, sie streiten.

Orang-Utans beim spielen.

Bildlegende: So unbeschwert ist das Leben von Borneos Orang-Utans meist nicht: zahllose Artgenossen in freier Wildbahn leiden. SRF/Karin Wenger

Mehr als 400 Orang-Utans haben bei BOS in Kalimantan eine Bleibe gefunden, beinahe ein Viertel sind Jungtiere. Hier absolvieren sie eine Art Kindergarten und lernen in der Waldschule Nester zu bauen und Früchte zu suchen.

Hilfswerke kritisieren Palmölgeschäft von Schweizer Banken

Weil Palmöl als billiger Rohstoff sehr gefragt ist, werden in tropischen Ländern immer mehr Palmölplantagen angelegt. In Indonesien, dem grössten Produzenten der Welt, stehen diese Projekte immer wieder in der Kritik: Denn oft würden Palmölfirmen Landrechte verletzen oder Regenwald abbrennen, um neue Plantagen anzulegen. Schweizer Banken sollen Palmölfirmen, mit denen sie Geschäfte machen, besser auf die Finger schauen, fordern nun christlichen Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle in ihrer Ökumenischen Kampagne.

Das Ziel ist, sie später in einem Nationalpark wieder auszuwildern. Doch der Lebensraum für die Orang-Utans sei knapp geworden auf Kalimantan, zu knapp, sagt Denny Kurniawan, der Manager von BOS. Denn die Menschenaffen würden auf einem Gebiet zwischen Null und 500 Meter über Meer leben, und genau für diese Gebiete erteile die Regierung seit 2005 Palmölkonzernen Landkonzessionen.

Die Folgen für die Orang-Utans waren verheerend, sagt Kurniawan:

«  Die Firmen roden den Regenwald für ihre Plantagen, oft durch Brandrodungen, die sich dann zu gigantischen Buschfeuern ausweiten. Die Orang-Utans müssen fliehen. »

Heute ist nur noch die Hälfte des einstigen Regenwalds auf Borneo, das in einen malaysischen und indonesischen Teil aufgeteilt ist, übrig. Die Zerstörung begann bereits Mitte des letzten Jahrhunderts, als Holzfäller den Regenwald als lukratives Geschäft entdeckten.

Orang-Utan-Baby

Bildlegende: Die Palmölindustrie ist eine wichtige wirtschaftliche Stütze Indonesiens – mit gewaltigen «Kollateralschäden.» SRF/Karin Wenger

Danach verwandelte die Regierung Wald in Reisfelder und dann wurden die Palmölplantagen angelegt, die sich heute über Millionen von Hektaren Land ausdehnen. Für sie wurden Moore trocken gelegt und Wälder brandgerodet.

Jedes Jahr werden bei wochenlangen Waldbränden mehr Treibhausgase in die Luft geschleudert, als die Schweiz in einem ganzen Jahr ausstösst. 2011 zog die indonesische Regierung deshalb die Notbremse und erliess ein Moratorium für Abholzungsgenehmigungen von Primärwäldern.

Korruption lässt Gegenmassnahmen verpuffen

Genützt habe es wenig, sagt Sapariah Saturi, eine renommierte indonesische Umweltaktivistin:

«  Die Regierung hat zwar ein Moratorium erlassen, aber die Realität sieht anders aus. Immer noch schlagen Palmölfirmen Primärwald für ihre Plantagen.  »
Orang-Utan-Baby in den Armen seiner Mutter.

Bildlegende: Sehen wir unsere nächsten Verwandten bald nur noch, wie hier, im Zoo? Keystone

Denn die Zentralregierung ist weit weg, Korruption weit verbreitet. Auch die Wälder auf der weiter südlich liegenden Insel Papua werden nun bereits angetastet. Das Palmöl ist ein boomendes Geschäft. Laut der Umweltschutzorganisation WWF wird sich die Nachfrage alleine im Nahrungsmittelbereich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln.

Indonesien plant in den kommenden zwei Jahren weitere Palmölplantagen auf einer Fläche, die sechsmal so gross wie die Schweiz ist. Heute hätten die Orang-Utans von Kalimantan nur zwei kleine Gebiete übrig, in denen sie frei leben könnten; der Kampf für ihren Lebensraum sei mühsam, sagt Kurniawan von der Orang-Utan-Station:

«  Die Orang-Utans gehören nicht uns, sondern sie gehören zu unserem Land. Deshalb drängen wir die Regierung, Schutzgebiete zu schaffen. Doch das tut sie bislang kaum.  »

Für die Regierung steht die wirtschaftliche Entwicklung an erster Stelle, erst danach kommt der Schutz der Tiere und der Umwelt. Deshalb hat die Borneo-Orang-Utan Survival-Foundation nun selbst Wald auf Kalimantan gekauft. Die Babies der Menschenaffen sollen dort später eine neue Heimat finden.