«Die Hamas hat an Popularität gewonnen»

Die jüngste Feuerpause im Gaza-Krieg ist bereits wieder Geschichte, eine dauerhafte Waffenruhe ist in weite Ferne gerückt. Dem Ansehen der Hamas hat der Krieg offenbar nicht geschadet – im Gegenteil. Ihr Ansehen in der Bevölkerung sei durch den Konflikt gestiegen, sagt ein Experte in Ramallah.

Bild von dem Erdboden gleichgemachten Gebäuden.

Bildlegende: Massive Zerstörung im Gazastreifen: Resultat zynischen Verhaltens der Hamas und Israel. Keystone

SRF: Wie sehr ist das Ansehen der Hamas aufgrund des Gaza-Kriegs in der Bevölkerung beschädigt oder vielleicht sogar zerstört?

René Wildangel: Es gilt eher zu fragen, wieviel die Hamas an Ansehen in der Bevölkerung gewonnen hat. Natürlich ist der Gazastreifen weitgehend zerstört. Das wird aber von den meisten Menschen hier vor Ort nicht in erster Linie der Hamas angekreidet, sondern Israel. Die Hamas hat viel an Popularität gewonnen. Sie hat mit dem Schlagwort «Widerstand» gepunktet. Natürlich sind die Folgen dieses Widerstandes katastrophal.

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas ist mit seinem Ansatz, durch Verhandlungen eine Zweistaaten-Lösung zu erreichen, komplett gescheitert. Auch deshalb wird der Hamas nun ein gewisser Sieg zugestanden.

Sie selbst sind in Ramallah. Dort gab es Solidaritätskundgebungen für die Menschen im Gazastreifen. Wie sehr schweisst der Gaza-Krieg die verschiedenen palästinensischen Fraktionen zusammen?

Vor dem Gaza-Krieg bildeten die Palästinenser anfangs Juni eine Einheitsregierung, nachdem die Hamas und die Fatah zuvor jahrelang zerstritten waren. Dann kam es zu der Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen, worauf Israel Hunderte Aktivisten der Hamas verhaftete.

Von israelischer Seite hat man versucht, diese neue Einheit zu torpedieren. Das gelang aber nicht. Der Krieg schweisste die Menschen in gewisser Weise zusammen, es herrscht grosse Solidarität. Andererseits bestehen weiterhin politisch durchaus unterschiedliche Interessen.

Wie sind die Meldungen zu werten, die der israelische Inlandsgeheimdienst verbreitet hat, wonach eine Art Revolte gegen Abbas geplant worden und es zur Verhaftung von Hamas-Aktivisten gekommen sei?

Ich stehe diesen Meldungen eher skeptisch gegenüber. Ein Umsturz im Westjordanland wäre schwierig. Man muss sich die Lage der Hamas hier vergegenwärtigen: Präsident Abbas und die Fatah kooperieren in Sicherheitsfragen eng mit Israel. In den vergangenen Jahren wurden Hamas-Aktivisten im Westjordanland immer wieder ins Gefängnis gesteckt und unterdrückt. Die Infrastruktur der Hamas in der Westbank ist also relativ schwach.

«  Angesichts der massiven Zerstörung, unter welcher der Gazastreifen noch viele Jahre leiden wird, sind die Friedensaussichten sehr düster.  »

René Wildangel
Heinrich-Böll-Stiftung, Ramallah

Wie zynisch ist die Hamas? Oder anders gefragt: Die Waffenruhen werden immer wieder durch Hamas-Raketen unterbrochen. Geht es der Hamas nur um sich selbst?

Das ist bestimmt ein Kalkül. Es gibt viele Dinge, die man mit Blick auf die Hamas nicht beschönigen kann und auch nicht sollte.

Andererseits ist es absolut schockierend, wie viele der palästinensischen Opfer unter den fast 2000 Toten und über 10'000 Verletzten Zivilisten sind. Es gibt zahlreiche Fälle, wo ganze Familien in Häusern gestorben sind. Das kann nicht nur auf eine zynische Hamas zurückgeführt werden, sondern auch auf ein zynisches Kalkül der israelischen Regierung, die diesen Krieg bewusst so geführt hat.

Das ist kontraproduktiv – nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für israelische Sicherheitsinteressen. Denn mit so einer massiven Zerstörung, unter welcher der Gazastreifen noch viele Jahre leiden wird, sind die Friedensaussichten sehr düster.

Das Gespräch führte Peter Vögeli.

Zur Person

Zur Person

René Wildangel leitet seit Anfang 2012 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah im Westjordanland. Er studierte Geschichte in Köln und Jerusalem und Arabisch in Syrien. Wildangel publizierte zahlreiche Texte zum Nahen Osten.