Die Hamas im Gaza – Feind und Sicherheitsgarant

Israels Premier Benjamin Netanjahu will den «palästinensischen Terrorismus» bekämpfen. Er meint damit nicht nur die Hamas oder die Palästinenserbehörde. Terroristische Splittergruppen gibt es in den besetzten Gebieten zu Hauf, wie ein Kenner der Lage sagt.

SRF News: Was weiss man Gesichertes über die Omar-Hadid-Brigaden, die sich am Sonntag dazu bekannt haben, eine Rakete nach Israel abgefeuert zu haben?

Ulrich Schmid: Die Omar-Hadid-Brigaden sind eine von sehr vielen Gruppen, die im Gazastreifen, aber auch im Westjordanland operieren. Die Geheimdienste der westlichen Welt wissen vermutlich sehr viel über diese Gruppen, auch über ihre Stärke, ihre Zusammensetzung, Finanzierung. Viele von ihnen werden von Iran unterstützt. Doch wie viele Raketen sie haben und was genau sie planen, ist im Allgemeinen nicht bekannt. Bekannt ist aber ihre Propaganda, denn alle diese Gruppen sind sehr internetaffin. Allerdings ist die Selbstdarstellung nicht unbedingt das Gleiche wie die Realität. Man weiss aber, dass diese Gruppen sehr viel schwächer sind als die Hamas.

Wie stark sind sie in Palästina in der Bevölkerung verankert?

Sie scheinen in Gaza erstaunlich gut verankert zu sein. Im Westjordanland sind sie meines Erachtens nicht besonders tief verankert. Dort ist der Islamische Dschihad, den es schon viel länger gibt, sehr viel prominenter. Es ist interessant, wenn man die Entstehung dieser Gruppe betrachtet. Der Islamische Dschihad ist zunächst aus der Bewegung der Muslimbrüder hervorgegangen, genau wie die Hamas. Im Zuge der iranischen Revolution hat sich der Islamische Dschihad abgespalten und quasi einen ideologischen Gegenentwurf geliefert. Er ist im Westjordanland sehr gut verankert, weit besser als diese anderen Gruppen, die heute dem IS beigetreten sind.

Wie erklären sie sich, dass diese radikalen Splittergruppen ausgerechnet jetzt auftauchen?

Diese Splittergruppen gibt es zum Teil schon über zehn Jahre lang. Das Neue jetzt ist, dass sie sich im Laufe der letzten zwei Jahre dem IS angeschlossen haben. Personell bestehen sie aus frustrierten Hamas-Kämpfern, denen die Hamas nicht radikal genug war und die deshalb zu diesen Gruppen übergetreten sind.

«  Hätte man die Hamas im Gazastreifen nicht, würde dort ein Machtkampf ausbrechen. »

Ulrich Schmid

In Israel gilt die Hamas gar als Sicherheitsgarant im Gazastreifen, man spricht im Geheimen mit der Organisation.

Ja, es gibt durchaus eine Art von Dualität im Umgang mit der Hamas. Auf der einen Seite ist die Hamas in der israelischen Darstellung ein Ableger Irans, dann wird von einer Terrororganisation gesprochen. Auf der anderen Seite sagen israelische Politiker und Militärs ziemlich offen, dass, wenn man die Hamas im Gazastreifen nicht hätte, dort ein Machtkampf ausbrechen würde. Die Hamas ist zumindest eine Macht, die den Gazastreifen klar beherrscht und strukturiert. In diesem Sinn setzt sich Israel mit der Hamas auseinander. Das hat zu diesen Waffenstillstandsgesprächen geführt. Man versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, der irgendwann so aussehen würde, dass die Hamas für eine definierte Zeit keine Raketen mehr nach Israel schiesst und Israel die Blockade partiell aufhebt.

Sind diese Splittergruppen eine Bedrohung für die Hamas?

Diese Gruppen sind eine latente Bedrohung für die Hamas. Ich war vor einem Monat im Gaza und habe mit den Hamas-Vertretern gesprochen. Eine wirklich ernstzunehmende Herausforderung sind diese Gruppen im Moment nicht. Die Hamas hat den Gazastreifen nach wie vor klar unter Kontrolle. Diese Einschätzung wird im Übrigen auch von Israel geteilt. Diese Gruppen warten darauf, dass die Hamas Fehler begeht oder ihre Reputation abnimmt. Aber im Moment können sie die Hamas nicht stürzen.

Sehen die israelischen Sicherheitsexperten eine Bedrohung für Israel von diesen Gruppen?

Für Israel geht insofern eine Bedrohung durch diese Gruppen aus, als dass sie immer wieder Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel abschiessen. Das ist eine konkrete reale Bedrohung. Israel antwortet im Allgemeinen auf diese Angriffe mit Bombardements von Hamas-Stellungen, ganz einfach deshalb, weil Israel die Hamas verantwortlich macht für alles, was im Gazastreifen geschieht. Diese Gruppen zielen ganz genau auf diesen Effekt ab. Sie sehen die pragmatische Annäherung zwischen Israel und der Hamas in Katar und genau diese wollen sie hintertreiben.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Ulrich Schmid

Ulrich Schmid ist Journalist der «NZZ» und lebt zurzeit in Jerusalem. Er studierte Englische Literatur, Geschichte und Politikwissenschaften an der Uni Zürich und ist seit 1987 für die NZZ tätig. Er war als Korrespondent schon in Moskau, Washington, Peking, Prag und Berlin stationiert.