«Die irakische Armee existiert de facto nicht mehr»

Die Terrormiliz IS hat sich in Irak und anliegenden Gebieten bereits so stark ausgebreitet, dass eine Vertreibung illusorisch erscheint. Zu diesem Schluss kommt die Journalistin Birgit Svensson in Bagdad. Die irakische Armee habe sich nach der Niederlage von Mosul vor einem Jahr nicht mehr erholt.

Genau vor einem Jahr stürmte die Terrormiliz IS Mosul, die zweitgrösste Stadt in Irak. Jetzt wurde die versprochene Grossoffensive zur raschen Rückeroberung kurzerhand verschoben. Begründung: Die Befreiung der grössten irakischen Provinz Anbar vor den Toren Bagdads gehe vor. Der IS schaffe zusehends harte Fakten, sagt die Journalistin Birgit Svensson im Interview mit SRF News.

SRF News: Mosul bleibt unter dem Stiefel des IS. Was geht zurzeit in der Stadt vor?

Mosul im Juni 2014.

Bildlegende: Juni 2014: Parade von IS-Kämpfern durch Mosul auf einem Fahrzeug der irakischen Sicherheitskräfte. Keystone/Archiv

Ich habe gestern mit Einwohnern von Mosul gesprochen. Nach ihren Worten ist ein Grossreinemachen im Gang. Die IS-Kämpfer haben einen so genannten Statthalter bestellt. Er lässt Müll beseitigen, Löcher in den Strassen reparieren und organisiert alles Mögliche wie Strassenschilder und Ampeln. Wie einen Sieg feiert der IS zudem, dass nach fünfmonatigem Unterbruch die Stromversorgung wieder funktioniert. Damit soll die Bevölkerung gewonnen werden.

Wie ist der Strategiewechsel zu erklären, Mosul erst nach der Provinz Anbar zu befreien?

Das hat uns alle verblüfft und für mich ist es die gravierendste Fehlentscheidung, welche die irakische Regierung treffen konnte. Aus dem militärischen Oberkommando in Bagdad habe ich erfahren, dass die Entscheidung rein politischer Natur war und die Militärs gar nicht oder nur halbwegs konsultiert wurden.

Der Entscheid wird damit gerechtfertigt, dass der Schutz von Bagdad höher eingeschätzt werde als die Rückeroberung von Mosul. Von der Provinz Anbar ist nur noch die Stadt Abu Ghreib in irakischer Hand, acht Kilometer von den Stadtgrenzen Bagdads entfernt. 90 Prozent von Anbar sind in IS-Gewalt.

Die USA hatten sich einst aus Irak zurückgezogen. Was können die angekündigten 500 Militärberater in der aktuellen Lage bringen?

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Wir haben unzählige Berater hier, unter anderem aus Deutschland, Australien und Frankreich. Wir brauchen aber nicht Berater, sondern Soldaten, die kämpfen, Strategien entwickeln und koordinierte Befehle geben können.

Der Zustand der irakischen Armee macht also grosse Sorgen?

Die irakische Armee existiert de facto nicht mehr. Sie hat sich von der Schlappe von Mosul vor einem Jahr und dem anschliessenden Siegeszug des IS durchs Land nicht wieder erholt.

Lässt sich der IS ohne ausländische Bodentruppen überhaupt zurückschlagen?

Wenn man sieht, was der IS in den letzten Wochen erobert hat, so kristallisiert sich ein Staat heraus. Dieser reicht von der Stadtgrenze von Bagdad bis über die syrische Grenze hinaus mit Palmyra und weiteren Territorien. Die Terrormiliz hat ein Riesengebilde geschaffen. Ich halte es für illusorisch, dass es wieder rückgängig gemacht werden kann.

Das Interview führte Ivana Pribakovic.