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International «Die Jesiden stehen völlig alleine da»

In den vergangenen Tagen sollen hunderte Jesiden im Nordirak von den IS-Terroristen umgebracht worden sein. Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze erklärt, was es mit den Jesiden auf sich hat, die weder Moslems noch Christen sind.

SRF: Warum sind die Jesiden derart in den Fokus der Terroristen vom Islamischen Staat (IS) geraten?

Reinhard Schulze: Das Gebiet von Sindschar, wo die Jesiden leben, ist für die Terrormiliz des IS strategisch wichtig. Es bildet die Brücke zwischen den von ihnen kontrollierten Gebieten in Syrien und der Stadt Mossul im Nordirak. Vom Sindschar-Hügelzug aus kann man die Strasse und die Höhenzüge sehr gut kontrollieren. Daneben gelten die Jesiden, welche seit Jahrhunderten in diesem Gebiet leben, als primäres Feindbild der IS-Terroristen. Für sie sind die Jesiden Teufelsanbeter. Allerdings sehen die Terrormilizen alle als ihre Feinde an, die nicht nach ihrem traditionellen, sunnitischen Glauben leben.

Der breiten Öffentlichkeit waren die Jesiden bisher weitgehend unbekannt: Was ist das für eine Glaubensgemeinschaft?

Die Religion der Jesiden gilt heute als eigenständig, sie beruft sich auf persische Traditionen. Historisch muss man sie allerdings etwas differenzierter betrachten: Die Religionsgemeinschaft entstand etwa im 12. Jahrhundert in den kurdischen Gebieten nördlich von Mossul. Die Jesiden verflochten verschiedene islamisch-mystische, christliche, jüdische und iranische Traditionen miteinander. So entstand ein eigenes mystisches Religionsbild, das immer stärkere Unterschiede zu den Offenbarungsreligionen wie dem Christentum, Judentum und Islam entwickelte.

Die Jesiden sind schon früher immer wieder verfolgt worden. Weshalb?

Die Jesiden sitzen zwischen Stuhl und Bank: Von den Sunniten werden sie als radikale Schiiten interpretiert, von den Schiiten als radikale Sunniten. Beide passen die Jesiden in ihre Religions-Feindbilder ein. Deshalb stehen die rund 350'000 Jesiden im Nordirak vollkommen alleine da, sie haben keine Partner. Sie stehen ausserhalb des Ordnungssystems der Religionen im Nordirak. Hinzu kommt, dass sie als soziale Gemeinschaft sehr abgeschlossen leben. So ist eine Heirat nur innerhalb der Stammesgemeinschaften möglich. Auch haben die Jesiden viele soziale Tabus, die sie befolgen und die sie von den anderen Religionsgruppen in der Bevölkerung abheben. So können sie von den anderen Religionsgemeinschaften sehr schnell als Feinde etabliert werden.

Das Interview führte Tina Herren.

Reinhard Schulze

Reinhard Schulze

Der gebürtige Berliner Reinhard Schulze leitet seit rund 20 Jahren das Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli, Reinach BL
    Es zeigt einmal mehr, dass die UNO eine Versagerorganisation ist. Bis Weltweit endlich gemeinsam gegen Terroristenorganisationen vorgegangen wird ist es viel zu spät. Wir in Europa werden noch gewaltig darunter zu leiden haben.
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Der 10vor10 Beitrag über die Gräueltatenn der IS Terroristen an den "Ungeziefern" (so werden die Ungläubigen von ihnen angesehen), macht sehr betroffen, Dass wir es heute noch mit einer Kultur, die um 2000 Jahre zurückgeblieben ist und ihre Anhänger Lust und Freude am Töten haben, harmlose Menschen sich zu Bestien umwandeln lassen, ist einfach nur entsetzlich und in Worte kaum zu fassen. .
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  • Kommentar von Daniel Briner, Neerach
    "NZZ 18. Dezember 2011 / Letzte US-Kampftruppen verlassen den Irak. Die letzten 500 Soldaten werden nach Kuwait abgezogen. Mit dem Abzug erfüllte Obama auch ein Wahlversprechen. Im kommenden November will er wiedergewählt werden." War es damals schon absehbar, dass die Islamischen Schlächterbanden 3 Jahre später ganz Irak & Syrien mit solch bestialischer Brutalität versklaven? Nach den Erfahrungen beim überstürzten Truppenabzug in Mousul 2008, ich denke ja!
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