Die Kaschmiri haben genug von der Gewalt

Seit Tagen kommt es an der indisch-pakistanischen Grenze in Kaschmir zu anhaltenden Schusswechseln. Auf beiden Seiten wurden unbeteiligte Zivilisten getötet, Dutzende Menschen wurden verletzt. Die beiden Atommächte machen sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich.

Frauen und Kinder auf einem Anhänger, fotografiert von hinten.

Bildlegende: Kaschmiri fliehen vor dem Beschuss der beiden Armeen. Reuters

Seit Jahrzehnten beanspruchen sowohl Indien als auch Pakistan die Kaschmir-Region für sich. Bereits führten die beiden Atommächte mehrere Kriege um das Gebiet am Fusse des Himalaya-Gebirges. Nun beschiessen sich die auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie stationierten Truppen einmal mehr gegenseitig: Zivilisten werden getötet, die Bevölkerung ist zu Tausenden auf der Flucht.

Bislang fast 20 Todesopfer

Seit Beginn der Kämpfe am Montag sind nach Angaben aus dem Verteidigungsministerium in Islamabad elf Menschen auf pakistanischer Seite getötet worden, darunter drei Frauen und ein Kind. Indien sprach offiziell von sieben toten Zivilisten auf seiner Seite. Mehr als 130 Menschen wurden demnach auf beiden Seiten verletzt.

Mehrere tausend Menschen haben aus Angst vor einer weiteren Eskalation der Lage ihre Dörfer verlassen. «Die Bevölkerung ist entsetzt und müde – sie hat genug von diesen gewaltsamen Spielchen an der Grenze», sagt SRF-Korrespondentin Karin Wenger in Delhi. Denn schliesslich sei das Land, die Häuser, die Existenzen der Kaschmiri von den wiederkehrenden militärischen Auseinandersetzungen der beiden Seiten betroffen.

Keine Seite traut der anderen

Wieso aber bricht der Konflikt gerade jetzt wieder mit einer solchen Heftigkeit aus? «Darüber kann ich nur spekulieren», sagt Wenger. Laut indischen Medien soll Pakistan 2000 militante Separatisten an der Grenze bereithalten. Diese sollen den Angaben zufolge nach Indien geschleust werden und bei den anstehenden Diwali-FesttagenTerroranschläge verüben.

Allerdings seien diese Angaben mit Vorsicht zu geniessen, betont die Korrespondentin. «In Indien wird Pakistan für alles Übel verantwortlich gemacht – und in Pakistan ist Indien schuld an allem Übel.»

Armee und Extremisten wollen keinen Frieden

Die Korrespondentin führt die aufgeheizte Stimmung eher auf innenpolitische Probleme zurück: In Pakistan herrsche eine Krise, ausgelöst von Premierminister Sharif, der sich um eine Annäherung an Indien bemühte, was wiederum den Militärs nicht passte. «Es ist genau diese Armee, die nun profitiert, weil sie sagen kann, man könne mit Indien keinen Frieden schliessen», analysiert Wenger.

Ähnliche Probleme habe Indiens neuer, hindunationalistischer Premier Modi. Dieser habe gegenüber Pakistan eher moderate Töne angestimmt, was wiederum den Hardlinern in seiner Partei nicht passe. Die Korrespondentin folgert: «Der neue Frühling, den die beiden Regierungschefs in den letzten Monaten angestossen hatten, ist vorerst sicher zu Ende.»

Wenger glaubt jedoch nicht, dass es jetzt zu einer Eskalation, zu einem neuen Krieg zwischen den beiden Atommächten kommt. So scheine der indische Premier kein Interesse an einer Eskalation der Lage zu haben. Und auf pakistanischer Seite sei die Armee vollauf mit einer anhaltenden Offensive gegen islamistische Extremisten in Nord-Waziristan an der Grenze zu Afghanistan beschäftigt.

Umstrittenes Kaschmir

Der Streit um Kaschmir war seit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans 1947 bereits Auslöser von drei Kriegen. 1989 begann in dem mehrheitlich muslimischen Gebirgstal auf indischer mit Unterstützung Pakistans ein blutiger, separatistischer Aufstand. Seither hat sich die Situation etwas beruhigt, doch auf beiden Seiten stehen Truppen bereit.