Zum Inhalt springen
Inhalt

International «Die Krim könnte nur die Vorspeise sein»

Der Westen verhängt Sanktionen – vorerst nur zögerlich. Denn man will weiter mit Wladimir Putin verhandeln. Der Politikprofessor und EU-Russland-Experte, Eberhard Schneider, ist skeptisch, ob dies zum Ziel führt. Putin könnte nun auch Blut geleckt haben.

Putin lauscht der Schlusszeremonie der Paralympics in Sotschi.
Legende: Putin: Wie weit wird er gehen? Reuters

SRF: Wieso hat der Westen Sanktionen verhängt, die kaum wirken werden? Spielt er auf Zeit?

Eberhard Schneider: Der Westen hat offensichtlich keine anderen Möglichkeiten mehr. Theoretisch gäbe es die Möglichkeit, diese Aggression einfach hinzunehmen, also zu sagen: ‹Wenn Putin die Möglichkeiten hat, in Europa die Grenzen zu verschieben, dann macht er das eben.› Die andere extreme Reaktion wäre es, Militär einzusetzen, was aber zu einer Eskalation führen würde. Sanktionen sind deshalb der Ausweg, um irgendetwas zu machen, auch wenn man weiss, dass es die andere Seite nicht sehr beeindrucken wird.

Der Westen könnte schon am Donnerstag, beim EU-Gipfel, schärfere Sanktionen beschliessen. Wie müssten solche denn aussehen, damit sie Putin beeindrucken?

Sie müssten Wirtschaftszweige betreffen, in denen Russland abhängig ist von westlichen Importen. Hier gäbe es viele Möglichkeiten. Doch solche Sanktionen würden auch jene treffen, die sie verhängen – und das ist, worauf Putin spekuliert. Er hofft, dass der Westen genau davor zurückschreckt.

Sie sagten vor dem Krim-Referendum, Putin werde vor der Abstimmung keinen Dialog wollen. Wie sieht es denn jetzt aus? Jetzt hat er ja erreicht, was er will...

Es ist die Frage, ob er tatsächlich erreicht hat, was er will. Auf der Krim sind 20'000 russische Soldaten stationiert. Sie sind auch mit Raketen ausgerüstet. Die Krim könnte nur die ‹Sakuska› sein – die Vorspeise. Von der Krim aus könnten sich die russischen Soldaten in Richtung Nordwest bewegen, könnten Odessa einnehmen und wenn sie noch etwas weiterlaufen, kommen sie nach Transnistrien. Es ist auch durchaus möglich, dass sich die Lage in der Ostukraine zuspitzt. Der Sicherheitsrat Russlands hat die Aktion «Russischer Frühling» beschlossen. Da könnte es durchaus sein, dass es in den acht russischen Gebieten in der Ostukraine zu Unruhen kommt und unter diesem Vorwand russische Truppen einmarschieren, um die russische Bevölkerung vor Ort zu schützen. Ich bin überhaupt nicht sicher, ob die Krim die letzte Station in Putins Machtspiel ist. Die jetzigen Sanktionen sind absichtlich vorsichtig abgehalten, um Putin noch die Möglichkeit zu geben, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Es wird sich zeigen, ob das aufgeht.

Sehen Sie eine Möglichkeit für einen Dialog, bei dem ein «beleidigter Putin» sein Gesicht wahren könnte?

Man könnte eine Kontaktgruppe bilden, wie das von deutscher Seite vorgeschlagen wurde. Dort könnte eine neue, föderative Verfassung für die Ukraine ausgearbeitet werden. Die Ukraine kann derzeit auch nicht der Nato beitreten, dies verhindert ein bestehendes Gesetz, das eine militärpolitsch neutrale Ukraine vorschreibt. Auch würde die Nato nie ein Mitglied aufnehmen, auf dessen Territorium fremde Truppen stationiert sind. Doch: Putins früherer Wirtschaftsberater, Andrej Illarionow, sagt, der Präsident sei nicht ansprechbar, er befinde sich auf einer historischen Mission. Wie im russischen Sprichwort dargelegt: er sammelt die russische Erde ein. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte einmal, Putin lebe in einer anderen Welt. Ich bin skeptisch, ob Putin im Moment überhaupt dialogfähig ist.

Die Krim-Bewohner hoffen nun auf eine bessere wirtschaftliche Stellung. Doch: Wasser und Strom erhält die Krim aus der Ukraine, auch einen erheblichen Teil des Budgets. Der Anschluss der Krim kommt Russland womöglich teuer zu stehen...

Das ist richtig, man schätzt die Summe auf etwa fünf Milliarden Dollar. Meine These ist: Die restliche Ukraine, die Putin nicht vereinnahmen will, wird sich rasch und eng an die EU anschliessen. Das Assoziierungsabkommen wird schon am Wochenende unterzeichnet. Es könnte sein, dass diejenigen in der Süd- und Ostukraine, denen es nicht rasch genug gehen konnte, nach Russland zu kommen, dies in fünf oder zehn Jahren bereuen könnten.

Das Interview führte Simone Fatzer

Zur Person

Zur Person

Eberhard Schneider ist Politologieprofessor im deutschen Siegen und Europa-Russland-Spezialist. Er ist auch Berater beim EU-Russland-Center in Brüssel.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

19 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bruno Vogt, Zürich
    Herr Schneider mag Politologe sein, ist aber alles andere als neutral. Klar wird die Übernahme der Krim Russland teuer zu stehen kommen. Aber wird die wirtschaftliche Unterstützung der Ukraine den Westen nicht auch teuer zu stehen kommen? Und hier sprechen wir von mehr als 5 Milliarden Dollar. Die Ukraine ist komplett bankrott und wird es noch mehr sein, nachdem Russland die Gassubventionen streicht. Als deutscher sollte er wissen das man solche Kosten in Kauf nimmt bei einer Wiedervereinigung!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von K. Räschter, Schweiz
    Jetzt wo die Olympischen Spiele in Sotschi fertig sind, kann Putin wieder sein wahres kriminelles Gesicht der Welt offenbaren. Und was macht die Welt; sie schaut ohnmächtig zu. Am besten ist es, VISA- und Reisebeschränkungen für alle Russen zu verschärfen. Damit trifft man vorallem die reichen Russen, welche quasi zu Hause bleiben müssen. Ich denke, dass die dann dem Putin schon Beine machen werden. Das allerwichtigste ist, unabhängig von russischen Rohstoffen zu werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von kari huber, surin
    In 3 Jahren sind wir nicht mehr von russischem Erdgas abhängig. Und niemand mehr von russischem Erdöl. Denn dann sind die USA bezüglich dieser beiden Stoffe autark, und die Marktnachfrage wird markant zurück gehen. Neue Pipelines werden überflüssig. Die Preise werden auf die Hälfte oder weniger sinken. Und Putins Eroberungspolitik wird zu hohen Kosten führen. 2010 wird Russland da stehen, wo die UdSSR vor 30 Jahren stand.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @Kari Huber: Gem. Ihren Aussagen wäre Europa dann der 51. Staat im Sternenbanner. Nicht eben erfreuliche Aussichten. Es ist auch der Weg des geringsten Widerstandes und eine Bankrotterklärung der EU. Das würde auch meine These erhärten, dass wirtschaftliche Macht aus einer Staatsverschuldung erwachsen implodiert früher oder später im System. USA wird autark d.h. aber noch längst nicht, dass dies in Europa ebenfalls der Fall sein wird. Ich stimme Ihnen somit Ihrer Einschätzung nicht zu.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      kari huber, surin - Sie träumen wohl, oder machen sich Illusionen. Russland wird sein Erdöl immer an den Mann bringen können. Wenn nicht nach Europa, dann nach Asien (China) oder Afrika oder gar nach Südamerika, Australien oder gar auch Neuseeland. Einer kauft immer, einer verkauft immer, einer handelt immer damit, daran führt kein Weg vorbei. Langfristig (ev. sogar Mittelfristig) sind solche Sanktionen für die EU aber auch für die USA ein Boomerang !
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von A.Käser, Zürich
      K.Huber/Und das bei ständig wachsender Bevölkerungsdichte? Bei ständig wachsenden Ansprüche an den Lebensstandard? Geht diese Rechnung auf?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen