Die #kunstjagd: Spuren aus dem Schweizer Konsulat

Ein Gemälde gegen ein lebensrettendes Visum – das könnte der Deal zwischen Paula Engelberg und einem Beamten am Schweizer Generalkonsulat in München im Jahr 1938 gewesen sein. Sicher ist: Paula Engelberg verliess mit dem Gemälde das Haus. Und kam mit einem Schweizer Visum für die Familie zurück.

München im Sommer 1938: Juden versuchen verzweifelt ihre Flucht zu organisieren. Der Schweizer Konsulatsbeamte Paul Frei versucht seinen Urlaub zu planen. Vor einem Jahr durfte er «wegen Personalmangel», wie es im Geschäftsbericht des Konsulats heisst, nicht verreisen. Vor zwei Jahren vermieste ihm das schlechte Wetter die Italien-Ferien im Hotel Nettuno in Sestri Levante. Und «nun wird mir zugemutet meine Ferien auf den Spätherbst zu verschieben!», schreibt er am 16. August 1938 an den Chef des Konsulardiensts in Bern.

Aus dem Geschäftsbericht des Generalkonsulats in München: Im Jahr 1938 wurden 619 Visa vergeben.

Bildlegende: Aus dem Geschäftsbericht des Generalkonsulats in München: Im Jahr 1938 wurden 619 Visa vergeben. Schweizerisches Bundesarchiv

Diesen Briefwechsel und zahlreiche weitere Unterlagen zu Kanzleichef Dr. Paul Frei und dem Schweizer Generalkonsulat in München in den Dreissiger und Vierziger Jahren hat das SRF im Bundesarchiv recherchiert. Sie geben ein Bild über die Umstände auf dem Schweizer Konsulat – und über die einzelnen Persönlichkeiten, die dort arbeiteten. Über einige der Mitarbeiter lässt sich nur wenig herausfinden. Ihre Akten sind unvollständig oder vollständig verschwunden. Über andere – wie etwa Paul Frei – geben die Dokumente viel Preis. Finden sich in den Akten Hinweise auf eine Person, die Paula Engelberg mit dem Gemälde bestochen haben könnte?

«Massenansturm» auf das Konsulat

Als Paula Engelberg wenige Wochen nach den November-Pogromen für ihre Familie ein Visum am Schweizer Konsulat besorgen will, stellt das Stück Papier eine der letzten Flucht-Möglichkeiten dar. Die Folge: Ein «Massenansturm der Juden», «eine Invasion» auf das Schweizer Generalkonsulat, wie es im Geschäftsbericht aus dem Jahr 1938 heisst. Das verursache Überstunden und zehre an den «Nerven aller Mitarbeiter», heisst es zudem.

Der Ansturm der Verzweifelten trifft auch Paul Frei, Ende Oktober frisch aus dem vierwöchigen Kroatien-Urlaub zurück. Als 1,80 Meter gross mit blonden Haare und blaue Augen wird er in seiner Akte des Eidgenössischen Departments für auswärtige Angelegenheiten (EDA) beschrieben. Der Schweizer aus Herdern im Kanton Thurgau ist seit dem Jahr 1935 am Generalkonsulat in München beschäftigt. Ein «tüchtiger und äussert zuverlässiger Beamter», schreibt sein Vorgesetzter, der Generalkonsul, im Frühling 1938 an das EDA in Bern. Mit dem Lob will er Paul Freis Beförderung zum Vize-Konsul vorantreiben.

Über niemanden finden sich so viele Informationen wie über Frei. Die Details zu seiner Person geben einen Einblick in die Situation, in der die Konsulats-Mitarbeiter waren.

Paul Frei will mehr

Der ehrgeizige Konsulatsbeamte Paul Frei wartet schon seit Jahren auf eine Beförderung oder zumindest eine Gehaltserhöhung. Im Dezember 1936 schreibt er an die Zentrale in Bern: «Es wirkt für mich erdrückend genug, trotz aller erdenklichen Anstrengungen vorwärts zu kommen – ich darf die Verwendung einer Freizeit für mein Universitätsstudium erwähnen – im Alter von 31 Jahren noch nicht in der Lage zu sein, aus eigenen Kräften meine Familie erhalten zu können.»

Der Kanzleichef lebt aus Geldmangel zusammen mit Ehefrau und der kleinen Tochter bei seiner Schwiegermutter in München. Dabei handele es sich um «einen Zustand, den meine Schwiegermutter nicht gewillt ist als normal anzuerkennen», schreibt Paul Frei. Angesichts dieser Lage, so der junge Mann, «kann ich nicht verhindern, dass manchmal eine gewisse Bitternis in mir hochkommt, zumal wenn ich bedenke, was sich von den Aufstiegsmöglichkeiten, die man mir beim Eintritt in den Konsulardienst aufzeigte, während der acht Jahre meiner Dienstzeit verwirklicht hat.»

Geldsorgen und enttäuschte Karrierepläne

Das Umzugsgut von Dr. Paul Frei. Ein Bild listet dieser nicht auf.

Bildlegende: Das Umzugsgut von Dr. Paul Frei. Ein Bild listet dieser nicht auf. Schweizerisches Bundesarchiv

Die Gehaltserhöhung von 500 Franken wenige Monate später, zur Geburt seiner zweiten Tochter, kann ihn nicht über die ausbleibende Beförderung hinwegtrösten. Nüchtern stellt er in einem Schreiben nach Bern im April 1937 fest: «Der Betrag stellt sich so ziemlich auf gleiche Höhe wie die Arzt- und Klinikkosten, die mir durch die Entbindung meiner Frau entstanden sind.» Um endlich Vize-Konsul zu werden, ist ihm selbst der Aufstieg des Nazi-Regimes willkommen. Im Jahr 1938 argumentiert er in einem Brief an den Generalkonsul: «Bei der unverkennbaren Bedeutung, die München als den Zentralsitz der NSDAP zukommt (…) lässt sich die Zuteilung gewiss rechtfertigen.»

Dennoch: Eine Beförderung bleibt weiter aus. Erst im Jahr 1942 wird er zum Vize-Konsul aufsteigen. Im Jahr 1938, als Paula Engelberg im Konsulat auftaucht, ist Frei ein ehrgeiziger Karrierist mit wenig Urlaub, Geldproblemen und einem Minderwertigkeitskomplex. Macht ihn das besonders anfällig für Korruption?

Korruption am Konsulat?

Dass es angesichts des verzweifelten Wunsch nach einem Pass Korruptionsfälle im Umfeld des Konsulats gegeben hat, zeigt der Geschäftsbericht von 1938. Dort heisst es: «Um Szenen bei den Wartenden zu vermeiden, wurde zeitweilig ein Nummernsystem eingeführt, das aber wieder abgeschafft werden musste, weil geschäftstüchtige Elemente mit den Wartenummern Handel trieben.» In einer anderen Akte findet sich eine Notiz zu einer Sekretärin namens Carmen Tobler. Darin schwärzt eine unbekannte Person Tobler beim Botschafter an und bezichtigt sie, in der Botschaft krumme Geschäfte gemacht und sich bereichert zu haben. Dafür spreche ihr «luxuriöser Lebenswandel» und ihr Umgang mit dubiosen Leuten. Doch auch hier lassen sich keine Beweise finden, die diese Anschuldigen erhärten.

Davon, dass Paul Frei oder einer seiner Mitarbeiter Menschen in Not wie Paula Engelberg geholfen haben, findet sich in den Unterlagen nichts. Sie kämpften mit anderen Problemen, die im Verhältnis fast schon bizarr anmuten: die Beantragung von Jugoslawien-Visa für einen Urlaub im Jahr 1939 von Paul Frei zum Beispiel. Oder um Kuriersendungen von «drei Büchsen Ovomaltine und eine Flanellhose» in die Ferienwohnung in St. Gallen, wo Frei im Juni 1942 einen vierwöchigen Urlaub mit der Familie verbringt. Im Dezember 1944 bittet er bei der Zentrale in Bern um «zwei Tafeln Michschokolade» und «zwei Schachteln Frigor-Schokolade» aus der Heimat «für den Eigenbedarf».

Nach dem Krieg, 1946, wird Paul Frei – inzwischen Vize-Konsul – zurück nach Bern beordert. Mit nach Hause nimmt er fünfzehn Umzugskisten, die er ins Zollfreilager in St. Gallen bringen lässt. Versichert mit 3000 Franken. «Mit grösster Vorsicht zu transportieren», heisst es im Schreiben an die Umzugsfirma. Es handele sich vor allem um Glaswaren und Porzellan. Ein Bild findet sich nicht auf der Inventarliste.

Was wusste Paul Frei? Waren andere Konsulatsmitarbeiter am Verschwinden des Bildes beteiligt? Oder hat das Bild die Schweizer Botschaft nie erreicht? Antworten auf diese Fragen finden sich nicht in den Akten des Bundearchivs. Die Suche geht weiter.

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp, Facebook, Twitter, Instagram, Soundcloud, und Vimeo.

Die #kunstjagd

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Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

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«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.