Die #kunstjagd – Was bisher geschah und wie es weiter geht

Das Projekt #Kunstjagd, in dem das Rechercheteam von «Follow the Money» (FtM) versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die fünfte Woche. Hier berichten wir von den Stationen und Fortschritten der Recherche in der vorletzten Woche.

Edward Engelberg, aufgenommen vor dem «Schwestergemälde» des verschollenes Bildes in seinem Wohnzimmer in Portland.

Bildlegende: Edward Engelberg, aufgenommen vor dem «Schwestergemälde» des verschollenes Bildes in seinem Wohnzimmer in Portland. «Follow the Money»

Wir sind jetzt seit fünf Wochen unterwegs. Sind in München Paulas Weg abgelaufen, haben die Datenbanken gecheckt und in Galerien und Kunsthandlungen nachgeforscht – ohne Ergebnis, aber mit wertvollen Hinweisen auf den Künstler Otto Th. W. Stein, der das Bild gemalt hat, das wir suchen. Und dessen Schwestergemälde, das immer noch bei Edward Engelberg in Portland hängt.

Weiter auf der Suche

Von München aus sind wir nach Tschechien, nach Chemnitz und zum Stein-Experten Olaf Thormann in Leipzig gereist. Wir wissen jetzt mehr über Stein, über das jüdische Leben im «sächsischen Manchester» Chemnitz. Dabei haben wir herausgefunden, dass Steins Atelier um die Ecke der Engelbergschen Wohnung lag, und dass Stein in den Kreisen der Chemnitzer Kaufleute verkehrte –

Kreise, zu denen Edward Engelbergs Vater Jakob als «kaufmännischer Textilwarengrosshändler» und über seinen Schwiegervater, einen Fabrikanten, sehr wahrscheinlich gehörte.

Aber belegen, wie und wo sich der Künstler und die Eltern von Edward Engelberg vor inzwischen rund 90 Jahren begegnet sind, können wir nicht. Wir wissen nur, dass das passiert sein muss, denn Edward Engelberg besitzt ja immer noch eine Stein-Zeichnung mit einer Widmung in Steins Handschrift: «Herrn Engelberg».

Olaf Thormann, der Stein-Experte, hat uns geholfen, eine Liste mit 14 Gemälden zu erstellen, die aufgrund ihrer Provenienz und ihres Motivs Kandidaten für das verlorene Schwestergemälde sein könnten. Daraus bauen wir ein «Fahndungsplakat» und hoffen auf Hilfe von aussen. Mit nur wenig Erfolg, nur ein Hinweis von einem Wiener Kunsthändler erreicht uns über Whatsapp: Er besitze eines davon. Als wir wenig später mit Edward Engelberg skypen können, erkaltet diese Spur aber schon wieder. Das Wiener Bild kommt nicht in seine engere Auswahl.

Wer kennt eines dieser Gemälde?

Während wir weiter im Heute nach Edwards Kandidaten fahnden, fahren wir in die Schweiz, um dem zu folgen, was wir inzwischen «die Visumsspur» nennen. Wir wollen ins Schweizer Bundesarchiv, dort liegen stapelweise Akten, die uns Einsicht verschaffen in die Zustände und die Stimmung dort im Jahr 1938. Als erstes gleichen wir die Namen mit der Unterschrift auf dem Visum ab: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hat ein Wolfgang Gribi das Papier unterzeichnet, das den Engelbergs zur Freiheit verhalf. Er war erst kurz zuvor von Stuttgart nach München versetzt worden, als rechte Hand und Unterstützung für den Kanzleichef Paul Frei, der sich in seinen Eingaben an die Vorgesetzten sehr eloquent über zu geringe Bezahlung und zu wenig Urlaub beschwert.

Gribi war damals 34 – er sollte später noch Karriere machen und zum Vizekonsul in Köln aufsteigen, wo er 1958, gerade mal 53-jährig, an einem Magen-Darm-Geschwulst starb. Wir finden Hinweise auf seine Ehefrau, und wir finden eine Nachlassliste – zwei Gemälde sind verzeichnet. Eine Sonnenblume, eine Kirchenansicht – kein Frauenporträt.

Die Suche nach überlebenden Verwandten und Bekannten – in Zeitungsarchiven, alten und neuen Telefonbüchern und Stammbäumen – läuft ins Leere. Zwar machen wir sogar die letzte Adresse von Gribis Witwe ausfindig, sie wäre heute 106 Jahre alt. Aber wir sind zu spät: Dabei hat sie laut Auskunft des Berner Seniorenheims «vor wenigen Jahren» noch gelebt.

Eine weitere Mitarbeiterin des Schweizer Generalkonsulats in München, die «selbstständig mit Visaangelegenheiten» betraut war, ist in den 1950er Jahren von einem anonym bleibenden Deutschen denunziert worden, ob ihres luxuriösen Lebenswandels und Kontakten zu «schlecht beleumdeten» Kreisen. Aber die Vorwürfe sind wohl niemals erhärtet worden, und auch bei ihr findet sich niemanden mehr, der sich an sie erinnern würde – nicht mal ihr heute 95-jähriger Nachbar aus Münchner Zeiten, den wir tatsächlich übers Telefon in seinem Haus am Kochelsee erreichen, weiss irgendetwas. Die Kinder des damaligen Generalkonsuls Paul Ritter – Lia Spielmann und Alfons Ritter – sind ebenfalls nicht ausfindig zu machen.

Da stossen wir auf eine jüdische Mitarbeiterin, eine kleine Angestellte, die damals schon über 60 Jahre alt war. Vielleicht hatte sie ja Verständnis für die Engelbergs? Wir werden es nicht herausfinden, auch ihre Spur verläuft sich in der Zeit.

Schliesslich gab es noch den unzufriedenen Kanzleichef Paul Frei – und er hat eine Tochter, sie hat eine Meldeadresse, aber keine Telefonnummer, und sie ist auch schon 78 Jahre alt. Dennoch: Wir werden versuchen, mit ihr zu sprechen, wenn wir wieder in Deutschland sind.

Wenigstens sind uns jetzt die Zustände in München etwas klarer. Über 600 Visa wurden hier im Jahr 1938 verteilt, nach 182 im Jahr davor, und der Grossteil davon im Herbst, nach Einführung des Judenstempels und nach den Schrecken der Reichspogromnacht. Vor dem Generalkonsulat bildeten sich Schlangen, die Schweizer führten ein Wartenummern-System ein – und schafften es wieder ab: weil kriminelle Elemente ein Geschäft draus machten, die Nummern zu verkaufen. Viel Anlass zu Spekulation, nichts Handfestes. Trotzdem hält es der Schweizer Experte Andrea Raschèr für realistisch, dass das Bild von München in die Schweiz kam - und dort in den Schweizer Kunsthandeln eingeschleust wurde. «Es gab einige Galeristen, die dafür bekannt waren, Raub- und Fluchtkunst zu verkaufen.»

Eine Schicksalsgeschichte von vielen

Die Geschichte, an die sich Paula Engelbergs Kinder erinnern – dass ihre Mutter sagte, sie habe für das Bild ein Visum bekommen – liegt nun über siebzig Jahre zurück. Lebende Zeitzeugen, die sich an diese Zeit, an Paula, Jakob, Edward und Melly erinnern, haben wir bisher nicht finden können. Nicht mal der Sohn der Zuckers, bei denen die Engelbergs damals in Zürich auf ihrer Flucht Unterschlupf fanden, kann sich an mehr als den Nachnamen erinnern, den seine Grossmutter manchmal erwähnt habe. Wir müssen immer wieder feststellen, dass die vor den Nazis geflohenen Engelbergs eben «ganz normale Menschen» waren. Nur ein Schicksal unter so vielen anderen. Was ihnen widerfuhr, wurde kaum dokumentiert, und von den Menschen, die mit ihnen in Berührung kamen, nicht an ihre eigenen Kinder überliefert. Wenn es diese Erinnerungen irgendwo gibt, so haben wir sie bisher nicht ausfindig machen können. Wir laufen immer wieder ins Leere.

Doch wieder gibt es einen Strohhalm, an den wir uns klammern können: Während wir in der Schweiz die Akten durchwühlt haben, haben uns weitere Hinweise auf die Spur der Bilder erreicht, die Edward Engelberg auf unserem Fahndungsplakat ausgewählt hat. Wir müssen zurück nach Deutschland.

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp,Facebook, Twitter, Instagram, Soundcloud, und Vimeo.

Die #kunstjagd

Die #kunstjagd

Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

«Follow the Money»

«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.