Zollfreilager – Schweizer Depots für verschwundene Kunst?

In Schweizer Zollfreilagern liegt Kunst im Wert von vielen Milliarden Franken. Darunter befindet sich laut Experten auch Raub- und Fluchtkunst. Sie gehört oft privaten Sammlern – und wird kaum kontrolliert. Können dort Bilder spurlos verschwinden?

Eine Türe im Zollfreilager Genf, die gesichert ist

Bildlegende: Gesicherte Türe im Zollfreilager Genf Keystone

Mit Beginn der Art Basel letzte Woche öffnete auch einer der grössten Kunstmärkte der Welt. Bereits in den ersten Stunden sollen dieses Jahr gemäss Medienberichten Gemälde und Skulpturen im Wert von über 30 Millionen Franken verkauft worden sein. Der Kunstmarkt boomt. Und weil der Wert einzelner Kunstwerke in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen ist, hat sich in der Schweiz eine neue Art von Geschäft etabliert: die Lagerung der Kunst in Zollfreilagern.

Ursprünglich waren Zollfreilager zeitlich beschränkte Lagerräume für Waren. Sie sollten den Handel sowie Import und Export erleichtern. Doch inzwischen zeigt sich: Viele der Räumlichkeiten werden als klimatisierte, von Bunkertüren gesicherte Depots für Kunstschätze verwendet. Steuerfrei und oft unkontrolliert.

Ein Teil der Kunst, die an der Art Basel ausgestellt wurde, landet nach deren Verkauf im Dunkel solcher Lager. Und im Dunkeln tappen auch die Behörden. Welche Kunstwerke werden dort gelagert – und von welchem Wert? Genau weiss das niemand.

Das «grösste Museum der Welt»

Zehn Zollfreilager gibt es in der Schweiz, plus rund 200 sogenannte offene Zolllager. Gemäss verschiedener Schätzungen sollen sich darin Güter im Wert von mehr als 100 Milliarden Franken befinden. Viel davon ist Kunst. Das Zollfreilager in Genf wurde deswegen schon als grösstes Museum der Welt bezeichnet. Unter anderem beherbergt es die weltweit zweitgrösste Sammlung an Werken Picassos – geschätzte 300 Stück. Statt die Bilder zuhause an die Wand zu hängen, verlagern Sammler ihre Kollektionen in Zollfreilager. Inzwischen stehen eigene Ausstellungshallen zur Miete zur Verfügung, Händler organisieren Apéros oder Besichtigungen, verkaufen ganze Sammlungen – ohne dass die Werke je ans Tageslicht kommen.

Ist es möglich, dass verschollene Gemälde in den Zolllagern einen Unterschlupf finden? «Das kann gut sein» erklärt Andrea Raschèr. Er baute beim Bund die Fachstelle Kulturgütertransfer und die Anlaufstelle Raubkunst auf und ist heute beratend tätig. «Es gibt Kunstwerke, die sich seit 50 Jahren in Zollfreilagern befinden – zumeist undeklariert und anonym. Da könnte noch alles Mögliche versteckt sein.»

Missbrauchspotenzial für Geldwäsche und Raubkunst

Weil der Wert von Kunst nur schwierig zu beziffern ist, hat sie inzwischen auch die Aufmerksamkeit von zwielichtigen Gestalten auf sich gezogen. Gemäss der Juristin Monika Roth begünstigt dies Geldwäsche, wie sie in ihrem Buch «Wir betreten den Kunstmarkt» schreibt.

Auch Raubkunst der Nazis oder von Juden eingetauschte Werke, Fluchtkunst, die in der Schweiz landeten, kann hier noch verborgen sein. Ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) au dem Jahr 2014 mit Schwerpunkt auf Zollfreilager konstatiert, dass es eine Reihe von Zollager gibt, bei denen nur «sehr wenige Warenbewegungen stattfinden» würden. Das deute auf Waren hin, die langfristig, manchmal gar für mehrere Jahrzehnte eingelagert werden.

Erst seit dem Jahr 2007 gibt es eine Selbstdeklarationspflicht. Aber wie vollständig diese vorgenommen wird, können die Behörden nicht sagen. Gemäss dem EFK-Bericht werden Zollfreilager kaum kontrolliert: «Weder die Qualität der Bestandesaufzeichnungen für sensible Waren noch die Mietverträge werden vorgängig geprüft.»

Trotzdem erhöht sich mit den Jahren die Chance, dass verschollene Gemälde wieder auftauchen. Zum einen gibt es immer wieder Zufallsfunde bei den Stichprobe-Kontrollen der Behörden. In den letzten zwanzig Jahren gab es Untersuchungen und Beschlagnahmungen in Zollfreilagern, zum Teil in Millionenhöhe. Zum anderen spielt die Familiendynamik eine Rolle: Wenn Sammler sterben, versuchen deren Nachfahren zuweilen, die geerbte Sammlung loszuwerden – und verkaufen sie auf dem Markt.

Dass Raubkunst oder Fluchtgut für Jahrzehnte spurlos verschwinden kann, das ist spätestens seit dem Fall Gurlitt allen bekannt. Könnte also auch das gesuchte Stein-Gemälde der #kunstjagd in der Schweiz zollfrei gelagert sein? «Als Teil einer grösseren Sammlung kann das durchaus sein» meint Andrea Raschèr. In diesem Fall könnte es noch Jahrzehnte dauern, bis das gesuchte Stein-Bild wieder auftaucht – wenn überhaupt.

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp,Facebook, Twitter, Instagram, Soundcloud, und Vimeo.

Die #kunstjagd

Die #kunstjagd

Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

«Follow the Money»

«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.