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International «Die Kurden sind sehr wütend»

Vordergründig geht die Türkei seit drei Tagen gegen den IS in Nordsyrien vor. Doch offenbar geht es Präsident Erdogan bei seinem militärischen Eingreifen in den Syrien-Konflikt vor allem darum, die aufstrebenden Kurden-Gruppen zurückzubinden. Der Türkei droht ein Aufbrechen des Kurden-Konflikts.

Legende: Video Türkei nimmt Kurden ins Visier abspielen. Laufzeit 1:04 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 27.07.2015.

SRF News: Wie ist die Stimmung in der türkischen Bevölkerung angesichts der Eskalation der letzten Tage?

Louise Sammann: Am Wochenende hat es in Ankara und anderen türkischen Städten Demonstrationen gegeben. Das zeigt, dass es in der Türkei viele Menschen gibt, die nicht zufrieden sind mit dem, was passiert. Allen voran die Kurden sind sehr wütend. Viele von ihnen sehen die Angriffe der Türkei gegen den IS als Vorwand oder sogar eine Art Ablenkungsmanöver der türkischen Regierung. Eigentlich gehe es dieser aber um Angriffe auf die Kurden der PKK.

Der Friedensprozess mit den Kurden ist ja unter der jetzigen AKP-Regierung in Gang gekommen. Wieso gibt es jetzt diesen Strategiewechsel?

Der Fairness halber muss man sagen: Es gibt einen Strategiewechsel bei der türkischen Regierung, aber auch auf der kurdischen Seite. Auch die PKK hat ja den Waffenstillstand aufgekündigt. Trotzdem ist die Frage berechtigt, welche Gründe die türkische Regierung für ihren plötzlichen Strategiewechsel hat. Einer ist: Die Kurden sind in den letzten Monaten in Nordsyrien und Nordirak sehr stark geworden. Sie wurden international als Partner im Kampf gegen den IS akzeptiert. Das hat sie aufgewertet. Ankara hat sich von Anfang daran gestört, und jetzt will man sich dies offenbar nicht mehr länger mit ansehen. Denn die Angst, dass nach den irakischen und syrischen Kurden auch jene in der Türkei erstarken und eine Autonomie fordern könnten, ist sehr gross.

Ein anderer wichtiger Grund für den türkischen Strategiewechsel ist ein innenpolitischer: Die regierende AKP hat bei den Wahlen im Juni ihre Regierungsmehrheit verloren und bis heute keinen Regierungspartner gefunden. Nun gab es in den vergangenen Wochen immer wieder Gerüchte, insbesondere Präsident Erdogan wolle gar keinen Koalitionspartner für seine AKP. Er setze auf Neuwahlen. In diesem Fall wäre ein hartes Vorgehen gegen die Kurden der beste Weg für Erdogan, die Neuwahlen zu gewinnen. Denn damit erreicht man in der Türkei nationalistische Wählerstimmen, welche die AKP nun braucht. Es werde also bewusst ein Konflikt mit den Kurden herbeigeführt – so munkelt man – aus dem dann eine starke AKP-Regierung herauskommen soll.

In drei Tagen ist viel Vertrauen zerstört worden.

Heisst das, dass es nun zu einem neuen Konflikt mit den Kurden kommt oder gar zu einem Krieg?

Die wenigsten Menschen, mit denen ich gesprochen haben, glauben, dass es wirklich zu einem Krieg kommt. Das kann sich keiner richtig vorstellen. Doch es steht fest, dass in nur gerade drei Tagen sehr viel Vertrauen zerstört worden ist und dass die Türkei in alte Fahrwasser zurückkehrt, die man eigentlich überwunden geglaubt hatte. Nach dem Wahlerfolg der pro-kurdischen HDP im Juni hatte es vermehrt einen Dialog zwischen Kurden und Türken gegeben, den man sich jahrelang gar nicht hatte vorstellen können. Das war alles auf gutem Wege, und die Kurden sind ja jetzt erstmals seit Jahren in Ankara politisch vertreten. Aber mit diesem Dialog scheint es nun erst einmal vorbei zu sein. Das schockiert sehr viele Menschen hier – längst nicht nur Kurden.

Luise Sammann

Luise Sammann

Die Journalistin Luise Sammann lebt und arbeitet seit 2009 in der Türkei und berichtet von dort für deutsche Medien über das Land sowie den Nahen Osten. Auch bei Radio SRF ist sie immer wieder zu hören.

15 Kommentare

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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Verschiedene US-Regierungen haben einen EU-Beitritt der Türkei forciert. Zum Glück konnte das politisch nicht realisiert werden. Es gab Zeiten, da war die TR europakompatibel. Mit der jetzige Regierungsform sind sie von diesem Weg wieder weit entfernt. Dass die NATO in den Nahostkonflikt verwickelt wird, könnte viel böses Blut erzeugen zwischen Moslems und Christen. Europa wird davon kaum profitieren, Länder, die stets weit weg von Konflikten sind, hingegen enorm. Neue Weltordnung?
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  • Kommentar von O. Sauber, Berneck
    Man müsste sich mal fragen was die PKK sich alles geleistet hat während dem Friedensprozess, Entführungen, Angriffe auf Militärposten usw. Irgendwann ist dann halt eben die Geduld am Ende etwas nach 2 Jahren Provokation.
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    1. Antwort von Christa Wüstner, Reinach
      Und fragen Sie sich bitte auch, wie lange die Kurden schon leiden müssen.Ein Volk, welches noch nie in Ruhe leben konnte. Sie haben verzweifelt gegen den IS gekämpft, da hat Erdogan nur zugesehen. Je mehr Kurden ihr Leben verloren haben, es hat ihn nicht im geringsten erschüttert. Im Gegenteil. Schon vor Jahren, ich war 3 Wochen in Kurdistan und war entsetzt über diese Unterdrückung.
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    2. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @O. Sauber: Ich glaube kaum, dass die TK heute noch der PKK viel anhaben kann. Vergessen Sie nicht die YPG und auch die Peschmerga sind sehr gut ausgebildet und kampferprobt. Die türkischen Mütter sollen sich schon einmal auf viele Trauerfeiern einstellen, welche Sie Herrn Erdogan zu verdanken haben.
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  • Kommentar von Kurt Wirz, Wilchingen
    Eine solche Chance wird sich Erdogan nicht entgehen lassen. Möglicherweise deckt die Nato diesen Genozid auch noch. Schliesslich ist die Türkei ein guter Kunde der US-Waffenindustrie. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Militärschädel zuerst besinnen, bevor sie den Türken grünes Licht geben. Erdogan ist ein eiskalter islamistischer Stratege, der Schritt für Schritt seinen Weg geht. Da wird einem schwarz vor Augen.
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