«Die Lage der Jesiden ist prekär»

Vor einem Jahr sorgten die Jesiden weltweit für Schlagzeilen. Tausende Angehörige dieser religiösen Minderheit wurden damals von der Terrormiliz IS im Sindschar-Gebirge eingekesselt und als Geiseln genommen. Die Journalistin Inga Rogg sagt, wie es ihnen seither ergangen ist.

SRF News: Frau Rogg, was ist aus den vor einem Jahr im Nordirak eingekesselten Jesiden geworden?

Inga Rogg: Sie waren damals wochenlang eingekesselt ohne Wasser und ohne Essen. Es war eine katastrophale Lage. Dann griffen syrische PKK- Kämpfer ein. Auch die Amerikaner mit den Alliierten mischten sich ein. Sie haben einen Korridor freigekämpft, sodass die Vertriebenen nach Syrien fliehen konnten.

Nicht allen ist die Flucht gelungen. Organisationen der Jesiden sagen, viele seien von der Terrormiliz IS umgebracht, versklavt oder zwangsverheiratet worden. Gibt es Beweise dafür?

Ja. Es werden weiterhin 3000 Jesiden oder auch mehr vermisst. Der IS hat Frauen und Mädchen, aber auch Kinder versklavt. Dazu gibt es einen Bericht der UNO, mit Preislisten. Kinder unter neun Jahren zum Bespiel werden zu 120 Dollar gehandelt. Es gibt auch Angaben von IS-Kämpfern selbst. Kürzlich wurde in der Türkei ein Interview mit einem Rückkehrer veröffentlich. Er sagte, dass er als Kämpfer eine jesidische Frau bekommen hat. Auch die Überlebenden, die Frauen und Mädchen, denen die Flucht gelungen ist oder die freigekauft wurden, berichten über schreckliche Dinge.

Über 400'000 Jesiden sollen aus dem Nordirak vertrieben worden sein. Wie leben sie in den Flüchtlingscamps in den Kurdengebieten?

Nach dem Überfall des IS auf die Stadt Sindschar und die umliegenden Dörfer sind die Jesiden aus der ganzen Region geflohen, weil sie sich so bedroht fühlten. Heute leben tatsächlich Dreiviertel der Bevölkerung in Lagern oder in halbfertigen Bauten, in Ruinen. Am Anfang war es in diesen Camps katastrophal. Sie waren weit verstreut und es war schwierig, die Betroffenen zu erreichen. Das hat sich inzwischen gebessert und die Versorgung klappt einigermassen. Aber es ist heiss, es gibt keinen Strom. Zum Teil haben die Menschen keine Papiere und so können sie bestimmte Dinge nicht erledigen. Die Lage der Jesiden ist prekär.


3000 Jesiden werden noch vermisst

5:37 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.08.2015

Organisationen der Jesiden berichten, dass Vereinzelte versuchen in das Sindschar-Gebiet zurückzukehren. Wie erfolgreich kann eine solche Rückkehr sein?

Das sind sehr wenige. Die jesidischen Vertreter möchten das gerne, weil sie zu Recht um die Existenz und das Fortleben ihrer Gemeinde fürchten, aber die Stimmung unter der Mehrheit der Jesiden ist, dass sie fliehen wollen. Sie wollen nach Europa. Sie wollen nicht in das Gebiet zurück oder nur unter der Bedingung, dass ihnen internationaler Schutz gewährt wird.

Die Jesiden haben Zuflucht in den Kurdengebieten gefunden. Die Kurden selber werden aber von der türkischen Armee heftig angegriffen. Müssen sich die Jesiden erneut um ihre Sicherheit Sorgen machen?

Die Städte und die Camps sind weit von den Bergen entfernt. Da gibt es keine direkte Bedrohung. Doch dort, wo die PKK ihr Hauptquartier hat, in den Kandil-Bergen, leben auch Menschen. Einige Familien sind aus Angst bereits geflohen. Die Sorge der kurdischen Regionalregierung ist, dass sie weitere Flüchtlinge versorgen muss.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Inga Rogg

Inga Rogg

ZVG

Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.

Jesiden

Jesiden

Die Jesiden sind eine nicht-muslimische Minderheit im Irak, die vor allem im Gebiet um die Stadt Mossul ansässig war. Im Nordirak lebten bis zu 400'000 Jesiden, bis ein grosser Teil davon im August 2014 von der Terrormiliz IS vertrieben, umgebracht, versklavt oder zwangsverheiratet wurde. Der IS bezeichnet die Jesiden als Teufelsanbeter.