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International «Die Lage in Madaja ist wirklich dramatisch»

Nordwestlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, in der belagerten Stadt Madaja, leiden ungefähr 40'000 Menschen Hunger. Gesicherte Informationen über die Situation gibt es kaum. Nun keimt aber Hoffnung: Ein Lastwagen-Konvoi der UNO mit Lebensmitteln soll demnächst hineingelassen werden.

Legende: Video Hungertod in Syrien abspielen. Laufzeit 2:07 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.01.2016.

SRF News: Was wissen Sie als Sprecherin des UNO-Welternährungsprogramms über die Versorgungslage in der syrischen Stadt Madaja?

Bettina Lüscher: Die Lage dort ist wirklich dramatisch. Das Welternährungsprogramm der UNO hat Mitte Oktober zum letzten Mal Nahrungsmittel dorthin gebracht. Nahrungsmittel, die für 19'000 Menschen einen Monat ausreichen mussten. Seitdem ist kein Essen mehr in diese belagerte Stadt gegangen. Die Menschen sind verzweifelt. Da wir aber nicht hineinkönnen, wissen wir nicht genau, was dort passiert. Wir machen uns sehr grosse Sorgen und wir appellieren an alle Seiten, dass die humanitären Helfer Zugang bekommen. Die Stadt wird schon seit Monaten belagert, und wir machen uns natürlich am meisten Sorgen um Familien, um Frauen und Kinder, und hoffen, dass wir in den nächsten Tagen Lastwagen mit Lebensmitteln nach Madaja bringen können.

Laut neuesten Informationen erhält die UNO nun offenbar Zugang zu dem Gebiet. Was wissen Sie darüber?

Meine Kollegen – UNO-Leute, die in Syrien arbeiten – haben soeben bekanntgegeben, dass es anscheinend eine Zusage der syrischen Regierung gibt, dass Hilfe in diesen syrischen Ort hereingelassen werden soll. Wir vom Welternährungprogramm stehen natürlich schon seit längerer Zeit bereit. Wir haben Lastwagen mit Lebensmitteln und hoffen, dass sich das bewahrheitet und es dann wirklich funktioniert, so dass wir in den nächsten Tagen Nahrungsmittel und andere humanitäre Hilfe an die Menschen in Madaja liefern können.

Woran liegt es, dass Sie seit Mitte Oktober nicht mehr in das Gebiet hinein können?

Es sind immer sehr schwierige Verhandlungen. Es gab vor Ort ein Abkommen zwischen den diversen Fraktionen, wobei gesagt wurde, dass humanitäre Hilfe hineinkommen könne, aber das hat nicht geklappt. Es sind halt Geschichten, die Kriegsparteien untereinander aushandeln. Und wenn weiter gekämpft wird, können neutrale humanitäre Helfer wie wir von der UNO auch nicht dorthin. Das Problem ist, dass wir immer mit allen Seiten verhandeln, um in eine Ortschaft hineinzukommen. Uns geht es darum, Zivilisten, Familien, Frauen und Kindern zu helfen. Aber wenn natürlich die Parteien vor Ort, die sich bekämpfen, keine humanitäre Hilfe hereinlassen wollen, können wir auch nicht viel machen. Wir hoffen nun, dass in den nächsten Tagen der Zugang auch wirklich möglich wird.

Wer sträubt sich denn da aktuell gegen den Zugang der UNO zu der Stadt?

Wir verhandeln mit allen Seiten, um Zugang zu bekommen. Das ist uns am wichtigsten. Auf politischer Ebene der UNO werden natürlich auch Verhandlungen geführt. Aber wir humanitären Helfer halten uns da raus. Wir werden respektiert in der ganzen Welt als Unparteiische, und das müssen wir auch weiter so machen.

Die Bilder, die uns seit ein paar Tagen erreichen, wurden via Soziale Medien veröffentlicht. Wieso kam der Appell nicht vom World-Food-Programm?

Wir sind ja nicht in Madaja gewesen. Wir helfen über vier Millionen Menschen in Syrien. Und in vielen Orten, die oft auch monatelang belagert sind, ist die Not gross. Wir versuchen immer, mit allen Seiten zu verhandeln, um Hilfe bis in die hintersten Stellen zu bringen. Aber in so einem gewaltsamen Konflikt wird natürlich mit allen Mitteln gearbeitet. Deswegen kommt es auch immer wieder vor, dass Helfer aussen vor und nicht hereingelassen werden. Wir hoffen, dass sich das jetzt ändert.

Die Menschen aushungern ist ja eine bekannte Kriegsstrategie. Wenn man Bomben abwerfen kann – wieso kann man nicht auch Nahrungsmittel abwerfen?

Das kann man in manchen Gegenden machen. Da gehört aber sehr viel Vorbereitung dazu. Man kann nicht Sachen einfach aus einem Flugzeug werfen, sondern man muss das Gebiet genau abzirkeln, Leute müssen schon vorher vor Ort sein, man muss mit der Bevölkerung in den Dörfern sprechen. Es werden fussballfeldgrosse Flächen abgesichert, damit man dort etwas abwerfen kann – wir machen das zum Beispiel im Südsudan. Aber das ist in einem Kriegsgebiet in Syrien einfach keine praktikable Lösung. Wir können es nur mit Lastwagen machen.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Bettina Lüscher

Bettina Lüscher

Die ehemalige Journalistin ist seit über zehn Jahren als Mediensprecherin für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen WFP in Genf tätig.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Und wieder sollen die Regierungstruppen Schuld sein. Es ist aber Brauch von allen (und da gibt es viele) Kampfguppen, die Bevölkerung aushungern zu lassen. Und trotzdem scheint Assad der einzige zu sein, der versucht den Menschen zu helfen. Wir sollten aber nicht so leichtgläubig sein, dass hier vielen Menschen geholfen wird. Der Westen und dessen Presse ist bereits versiert, Assad als Prügelknaben hinzustellen. Man darf nicht vergessen, dass Assad ursprünglich von der Opposition bedroht wurde.
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    1. Antwort von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
      Sie haben völlig recht, die OPWC hat nun bestätigt, dass der Sarineinsatz 2013 in Ost - Goutha, welcher tausende toter Zivilsten zur Folge hatte, zweifelsfrei den Rebellen zugeschrieben werden kann, die westliche Allianz und unsere Medien wollten ein militärisches Eingreifen zu Lasten der syrischen Bevölkerung erzwingen, auf eine Entschuldigung, zum Beispiel von Kurt Pelda, kann man wohl ewig warten.
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  • Kommentar von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
    In Madaya befinden sich etwa 600 islamistische Kämpfer ( Ahrar al-Sham / Jabhat al - Nusra ), welche jede Hilfslieferung beschlagnahmen und an die Meistbietenden verkaufen, Hunger ist unter den ärmeren Bewohnern Madayas weit verbreitet, Zivilisten wollen die Stadt verlassen, werden jedoch von den Rebellen daran gehindert; vor etwa einem Monat haben tausende Einwohner Madayas gegen die Anwesenheit der Islamisten demonstriert. Allgemein zum Thema von Global Research: The Dirty War On Syria.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Es gibt viele begründete Zweifel an dieser Agenturmeldung - beispielseise ein Foto eines 16-jährigen, ausgemergelten, arabisch aussehenden Jungen. Dieses Foto soll bereits zwei Jahre alt sein und aus einem anderen Ort als angegeben stammen. Des weiteren lebt diese Nachricht vom "Hörensagen". Ich finde, alle Nachrichten, die uns die Welt vermehrt in "böse-und-gut- Denkmuster einteilen wollen, sollten wir hinterfragen. Die Hetze und Propaganda zu Hass und Krieg ist unerträglich - von allen Seiten!
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    1. Antwort von robert mathis (veritas)
      Wenn ich solche Bilder sehe kommen bei mir Emotionen hoch,wie können unsere selbsternannten Gutmenschen unsere gut eingerichteten Asylunterkünfte z.B.Glaubenberg,mit 3 warmen Mahlzeiten am Tag,tägliche medizinische Betreuung usw kritisieren,wenn die die Zurückgebliebenen kein Dach über dem Kopf nicht einmal genug zu essen haben ? Etwas bescheidenere Ansprüche hier und mit dem Rest des Geldes Hilfe vor Ort,was möglich wäre laut UNHCR,es fehle dort nur das Geld.
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