Sonderfall Serbien «Die Leute helfen uns, obwohl sie arm sind»

Die Balkanroute ist seit über einem Jahr offiziell geschlossen. Zäune hindern die Menschen an den Grenzen Ungarns, Sloweniens, Mazedoniens und Bulgariens am Weiterkommen. Aus fast allen Ländern kommen Berichte, wonach das Asylrecht geritzt wird, indem Flüchtlinge illegal und zum Teil mit Gewalt abgeschoben werden.

Anders in Serbien. Hier gibt man sich betont human und flüchtlingsfreundlich. Aber auch Serbien ist kein Paradies für Flüchtlinge. Eine Viertelstunde von der Hauptstadt Belgrad entfernt, ein wenig abseits der Schnellstrasse, stehen rund 30 grosse, flache Baracken; auf der Erde dazwischen spielen Kinder und Jugendliche Fussball.

«  Die Leute hier in Serbien sind nett. Sie verhalten sich uns gegenüber viel besser als in anderen Ländern. »

Ashraf
Flüchtling aus Afghanistan

Das Camp Krnjaca ist eines der grössten Flüchtlingslager Serbiens. «Im Moment sind hier etwas mehr als 1000 Leute untergebracht. Die meisten von ihnen sind schon seit letztem August hier», sagt Vladimir Lukic von der Lagerleitung.

Stabile Zahl an Flüchtlingen im Land

Insgesamt halten sich in Serbien geschätzte 7000 bis 10'000 Flüchtlinge auf. Die Zahl scheint ziemlich stabil zu sein. Es kommen jeden Monat etwa gleich viele neue Flüchtlinge ins Land, wie es anderen gelingt, mit Hilfe von Schleppern Richtung Deutschland weiterzukommen.

Serbien ist ein Ort, wo sich die Flüchtlinge von den Strapazen ausruhen können, wo die Polizei sie in Ruhe lässt und die Zivilisten sie nicht anfeinden. «Die Leute hier in Serbien sind nett. Sie verhalten sich uns gegenüber so viel besser als in anderen Ländern», sagt Ashraf, ein junger Afghane. «Sie geben sich Mühe, uns zu helfen. Und sie helfen, obwohl sie arm sind.»

Blick in eine dunkle Lagerhalle, vorne links brennt ein Feuer. Männer sitzen darum herum.

Bildlegende: In den Lagerhallen am Bahnhof hat sich ein wildes Flüchtlingscamp gebildet. Männer ohne Chance auf Asyl kommen da unter. SRF/George Popescu

Serbiens Regierung gibt sich tatsächlich sehr flüchtlingsfreundlich. Regierungschef Aleksandar Vucic hat immer wieder klar gemacht, dass Serbien keine Zäune aufstellen werde und dass es die Würde der Flüchtlinge achten wolle. Als es in der europäischen Politik schon lange üblich war, die Flüchtlingspolitik Angela Merkels scharf zu kritisieren, stellte er sich immer noch demonstrativ auf ihre Seite.

Vucic hat EU-Beitritt im Hinterkopf

Dafür hat er politische Gründe, die nicht ganz uneigennützig sind: Vucic will sein Land mit Hilfe Deutschlands in die EU bringen. Aber die flüchtlingsfreundliche Politik wird auch von der Bevölkerung Serbiens getragen. Viele Leute im Land haben in den 90er-Jahren selber vor dem Krieg fliehen müssen. Doch trotz der Sympathie gegenüber den Hilfesuchenden: Serbien bietet den Flüchtlingen keine Perspektive.

«Nein, wird werden sicher nicht hier bleiben, wir können hier keine Ausbildung machen und es gibt hier keine Arbeit», sagt Jemeela, die auch schon seit sechs Monaten im Lager ist. Serbien habe nicht die Mittel, um mehr als ein paar 1000 Flüchtlinge auf Dauer aufzunehmen. Das sagte die Regierung schon immer.

«  Die Zustände in den Flüchtlingslagern sind ziemlich schlecht. In einigen gibt es kein warmes Wasser. »

Jovana Vincic
Beratungszentrum für Asylbewerber

Sie verzichtet zwar auf direkte Abschreckung, aber sie ermutigt sicher niemanden zum Bleiben. «Die Zustände in den Flüchtlingslagern sind ziemlich schlecht. In einigen gibt es kein warmes Wasser, es hat nicht genügend Waschpulver, und manchmal fehlt es an Bettzeug», erzählt Jovana Vincic. Sie arbeitet im Beratungszentrum für Asylbewerber im Zentrum Belgrads.

Junge Männer fallen durchs Asylnetz

Damit die Aufnahmezentren nicht ständig vergrössert werden müssen, greifen die Behörden offenbar auch zu bürokratischen Tricks. Sie sagen, es gebe frei Plätze in den Zentren und rufen die Flüchtlinge auf, sich zu registrieren. «Aber in Wirklichkeit ist es schwierig, von den Behörden eine Bescheinigung zu erhalten, dass man Asyl beantragen will.» Ohne diese gibt es laut Vinci keinen Platz im Flüchtlingszentrum.

Ein Junge beugt sich in eine Abfalltonne, unter der ein Feuer brennt. Er trägt nur eine Hose und es liegt Schnee.

Bildlegende: Die Lebensumstände sind mehr als prekär für die gestrandeten Flüchtlinge. Es fehlt an Warmwasser, Bettzeug und Heizung. SRF/George Popescu

So würden viele Flüchtlinge, vor allem junge Männer ohne Familie, aus dem Hilfssystem ausgeschlossen. Das sei der Grund, wieso seit Herbst rund 1000 junge Flüchtlinge in leeren Lagerhallen beim Belgrader Bahnhof illegal hausen – unter prekärsten hygienischen Umständen und im Winter in bitterer Kälte.

Nach wie vor gibt es in Serbien kaum einen namhaften Politiker, der gegen Flüchtlinge hetzt. In den Medien werden keine Vorurteile geschürt. Aber das Land ist zu arm, um den Flüchtlingen eine Zukunft zu bieten. Ihnen allen ist klar, dass sie weiter müssen.