Attentat auf Richter Die Mafia lebt – auch 25 Jahre nach Falcones Tod

Vor 25 Jahren wurde in Italien Richter Giovanni Falcone ermordet – ein Wendepunkt im Kampf gegen die Mafia. Doch besiegt ist der «Ehrenwerte Gesellschaft» noch lange nicht.

Zerstörte Autos, Polizisten stehen darum herum.

Bildlegende: Der Ort des Anschlag sah nach der Explosion der 500-Kilo-Bombe aus wie ein Kriegsgebiet. Keystone Archiv

Es gibt ein Datum, das wie kein anderes einen Wendepunkt im Kampf gegen die Mafia darstellt: Am 23. Mai 1992 wurde das Auto des berühmtesten Mafia-Jägers Italiens, Giovanni Falcone, mit einer 500-Kilo-Bombe in die Luft gejagt. Der Mord löste einen Sturm der Entrüstung aus, der Staat geht seitdem entschiedener gegen die kriminellen Gruppen vor.

«  Es gibt eine Neigung, die Mafia zu unterschätzen, solange sie nicht tötet. »

Laura Garavini
PD-Abgeordnete

25 Jahre später ist die sizilianische Mafia auf dem Rückzug. Doch andere Gruppierungen haben an Einfluss gewonnen. Mittlerweile macht die Mafia weniger mit spektakulären Morden von sich reden. Auch verdient sie nun Geld jenseits des Drogenhandels.

Schwarz-weiss-Aufnahme eines Mannes mit Schnauz, die Hand am Kinn.

Bildlegende: Giovanni Falcone bezahlte seinen Kampf gegen die Mafia mit dem Leben (Foto von ca. 1980). Imago

«Es gibt eine Neigung, die Mafia zu unterschätzen, solange sie nicht tötet», sagt Laura Garavini, Abgeordnete der sozialdemokratischen Regierungspartei PD und Mitglied in der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments. «In Norditalien ist die Mafia aus diesem Grund ebenfalls lange unterschätzt worden. Mit dem Ergebnis, dass sie sich einschleicht.» Garavini definiert die Mafia als international agierende Firma, die immer dahin geht, wo Geld zu verdienen ist.

1992 – das Jahr der Morde an Falcone und Borsellino

Giovanni Falcone wurde am 23. Mai 1992 durch eine Bombe getötet, als er auf dem Weg zu seinem Wochenendhaus bei Palermo war. Mit ihm starb seine Frau, der Fahrer überlebte schwer verletzt. Die Attentäter hatten unter der Autobahn bei Capaci in einem Drainagerohr 500 kg TNT deponiert und ferngesteuert gezündet. Für den Anschlag musste sich ein Anführer der Cosa Nostra, Giovanni Brusca, vor Gericht verantworten. Laut einem Kronzeugen wurde das Attentat vom damaligen «Boss der Bosse» Salvatore «Totò» Riina in Auftrag gegeben. Nur wenige Wochen später, am 19. Juli 1992, wurde der Mafia-Richter Paolo Borsellino in Palermo ermordet. Ein Fiat 127 wurde neben ihm zur Explosion gebracht. Mit ihm starben fünf Leibwächter.

Korruption im Flüchtlingszentrum

Das jüngste Beispiel aus Italien zeigt, wie die Mafia heute ihr Geld verdient: An den Mittelmeerküsten im Süden kommen derzeit die meisten Flüchtlinge in Europa an. Die EU stattet das Land mit Millionen aus, um die Migrationskrise zu schultern. Nun wurde bekannt, dass die kalabrische 'Ndrangheta bei der Flüchtlingsunterbringung kräftig mitverdient.

Seit mehr als zehn Jahren soll der einflussreiche Mafia-Clan Arena in die Geschäfte eines Aufnahmezentrums in der südlichen Provinz Crotone verwickelt sein und dabei rund 32 Millionen Euro öffentliches Geld abgezweigt haben. Das Zentrum sei zu einer «Gelddruckerei für den Mafia-Clan» geworden, sagt Rosy Bindi, die Vorsitzende der Anti-Mafia-Kommission.

Autowrack in einem Glaskäfig, daneben steht ein Polizist.

Bildlegende: Das Autowrack Falcones wird aus Anlass seines 25. Todestags in Neapel ausgestellt. Streng bewacht. Imago

Die Mafia im Fussball

Auch vom sprudelnden Millionen-Geschäft im Fussball schöpft die Mafia offenbar etwas ab. Sie soll bereits bis zu Italiens Rekordmeister Juventus Turin vorgedrungen sein. Die Führungsspitze des Vereins muss sich seit einiger Zeit gegen den Vorwurf wehren, Kontakte zwischen Fangruppen und der 'Ndrangheta nicht verhindert und damit den Mafiosi im Geschäft mit den begehrten Tickets in die Hände gespielt zu haben.

Bau und Immobilien, Obst und Gemüse, Müll, Drogen. Die Liste der Branchen, in denen die Mafiosi mitmischen, ist lang. Dass die Mafia nicht nachhaltig bekämpft werden kann, dafür machen italienische Politiker wie Garavini auch die Gesetzgebung anderer Länder verantwortlich.

Junge Frau mit schwarzen Haaren.

Bildlegende: Die PD-Abgeordnete Laura Garavini engagiert sich gegen die Mafia. Imago

In Italien ist schon die Mitgliedschaft in einer Mafia-Gruppierung eine Straftat, doch in den meisten anderen Ländern gibt es keine derart strenge Anti-Mafia-Gesetze. Mit der Folge, dass Vermögen aus Mafia-Besitz nicht einfach abgeschöpft oder Immobilien konfisziert werden können. «Die Mafia nutzt dies, um besonders dort aktiv zu werden. Weil die Mafiosi die Gewissheit haben, dass sie dort ihre Geschäfte vorantreiben können und mutmasslich straffrei bleiben» sagt Garavini.

«  Die Mafia ist ein menschliches Phänomen. Und wie alle menschlichen Phänomene hat es einen Anfang und wird es auch ein Ende haben. »

Giovanni Falcone
1992 ermordeter Antimafia-Untersuchungsrichter

Die Mafia ist unsichtbarer geworden. Doch wer sich ernsthaft mit ihr anlegt, riskiert sein Leben – wie Falcone vor 25 Jahren. Der Untersuchungsrichter ist in Italien heute noch ein Nationalheld. Er wusste, wie die «Krake» funktionierte, ihm gelang es, Mafiosi zum Reden zu bringen und damit das oberste Gesetz der «ehrenwerten Gesellschaft» zu brechen.

Für einige Italiener ist der 23. Mai 1992 der 11. September ihres Landes. Doch eines von Falcones berühmtesten Zitaten vor seinem gewaltsamen Tod macht Hoffnung: Die Mafia sei keineswegs unbesiegbar. «Es ist ein menschliches Phänomen. Und wie alle menschlichen Phänomene hat es einen Anfang und wird es auch ein Ende haben.»

Das sagt SRF-Korrespondent Franco Battel in Rom:

Die Köpfe, welche die Justiz der Mafia abschlägt, wachsen schnell wieder nach. Einer der Gründe – vor allem im Süden des Landes – liegt darin, dass sich die Region in den letzten Jahrzehnten kaum entwickelt hat. Die Mafia ist vielerorts der einzige Arbeitgeber und er bezahlt sowieso die besten Löhne. Alternativen gibt es in Kalabrien, auf Sizilien und um Neapel nur sehr wenige. Deshalb hat die Mafia dort so leichtes Spiel bei den Jungen. Deshalb sollte vor allem die mancherorts exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent und mehr effektiv bekämpft werden.
Ausserdem ist es im Süden vielerorts Gang und Gäbe, dass Geschäfte den «Pizzo», ein Schutzgeld, bezahlen müssen. Das schwächt die Unternehmer und verunmöglicht es ihnen, Gewinne zu erwirtschaften, Leute anzustellen und ihre Geschäftstätigkeit auszubauen. Das mafiöse System saugt sich in einer Region also quasi selber aus, was eine Entwicklung verhindert und viele junge Menschen dazu bringt, nach Norditalien zu gehen. Die Mafia ist diesen Leuten zum Teil in den Norden gefolgt und hat sich inzwischen auch in Norditalien, der Schweiz und Deutschland niedergelassen.

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