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Osten der Ukraine «Die Menschen haben das Gefühl, Russland allein werde sie retten»

Die ukrainischen kontrollierten Gebiete bekommen keine finanzielle Hilfe aus Kiew. Russland nützt dies geschickt aus.

Legende: Audio Ostukraine – alleingelassen in zerstörtem Land abspielen. Laufzeit 07:01 Minuten.
07:01 min, aus Echo der Zeit vom 22.02.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der deutsche Journalist Christian Neef reiste vor kurzem nach Slawjansk. Sein Befund: Die Ostukrainer haben das Gefühl, von der Zentralregierung im Stich gelassen zu werden.
  • In Slawjansk, einer Stadt im ukrainisch kontrollierten Teil der Ostukraine, hatte im April 2014 der Krieg der Separatisten gegen die Regierung in Kiew begonnen.
  • Häufig empfangen auch die von der Ukraine kontrollierten Gebiete staatliches russisches Fernsehen. Die russische Propaganda habe einen sehr starken Einfluss auf die Menschen.

SRF News: Wie äussert sich die Enttäuschung der ostukrainischen Bevölkerung?

Christian Neef: Wir vergessen oft, dass nicht die ganze Ostukraine und nicht die gesamten Gebiete Donetsk und Lugansk von den Separatisten eingenommen worden sind. Die restlichen Teile kontrolliert die ukrainische Armee. Die Leute sind dort jedoch ähnlich eingestellt wie in Donetsk und Lugansk. Sie waren auch in früheren Jahren, vor dem Aufstand auf dem Maidan, von der Regierung in Kiew enttäuscht. Die Regierung in Kiew hat sich nie um sie gekümmert. Es ist eine Gegend, die man bis heute so vorfindet, wie sie 2014 zerstört wurde. Die Leute bekommen keine finanzielle Hilfe aus Kiew.

Der ukrainisch kontrollierte Teil der Region böte der Regierung die Chance, den Leuten zu zeigen, dass es besser ist, unter ukrainischer Herrschaft zu leben. Warum tut die Regierung nichts?

Man müsste sich um die Leute kümmern. Doch das passiert nach wie vor nicht, was aus psychologischer Sicht völlig unverständlich ist. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Hass der radikaleren Kräfte sowohl in der Kiewer Führung als auch in der Bevölkerung in Kiew gegen die Menschen in der Ostukraine so gross ist.

Wenn man die Propaganda im russischen Staatsfernsehen kennt, weiss man, was für ein Gift das ist.

Füllt Russland die Leere, die die ukrainische Regierung hinterlässt?

In den Separatistengebieten sowieso. Dort gilt nun der Rubel als Währung und die Waren kommen meist aus Russland. Inzwischen werden auch die Pässe der Separatisten von Russland anerkannt. Aber auch in den von der Ukraine kontrollieten Gebieten versucht Russland, Einfluss zu nehmen. Russland verfügt über die grössten Sendetürme in dieser Gegend. Die Menschen, die sowieso mehr Moskau zugewandt sind, empfangen oft nicht das ukrainische Fernsehen, sondern das russische. Wenn man die Propaganda im russischen Staatsfernsehen kennt, weiss man, was für ein Gift das ist. Und die Propaganda verstärkt die Oppositionshaltung in Kiew weiter.

Was bräuchte es, damit die Leute in der Ostukraine wieder an die Regierung in Kiew glauben?

Man müsste die Wirtschaftsblockade abschwächen oder ganz aufheben. Doch nun kommen die Waren aus Russland und die Leute haben das Gefühl, Russland alleine rette sie, während sich Kiew überhaupt nicht um sie kümmert. Der Zeitpunkt ist schon fast verpasst.

In einem günstigen Moment hat sich Russland nun doch auf die Seite der Separatisten gestellt.

Welche Dynamik bringt der Schritt Russlands, die von den Separatistebehörden ausgestellten Dokumente zu anerkennen?

Das ist ein Beispiel, wie geschickt Russland unter bestimmten Gegebenheiten agiert. Russland hat sich lange zurückgehalten, um sich nicht dem Vorwurf des Westens auszusetzen, es würde die Eigentstaatlichkeit dieser Separatistengebiete zementieren. In einem günstigen Moment hat sich Russland nun doch auf die Seite der Separatisten gestellt. Der Moment war günstig, weil die Radikalen aus Kiew seit mehrern Wochen die Schienenwege in die Region blockieren. Das verschärft die Wirtschaftslage. Die Kohle kann nicht mehr rausgefahren werden, dadurch verdienen die Leute viel weniger. Russland stellt es als eine Frage der Humanität dar, ihnen Unterstützung zu gewähren.

Christian Neef

Christian Neef
Legende: Twitter: @christian_neef

Christian Neef ist Journalist beim «Spiegel». Er lebt und arbeitet in Moskau.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Da braucht es keine Trolle um herauszufinden, dass die Ukraine den Donbass buchstäblich im Stich lässt. Dort gibt es weder Renten noch Versicherungen - die Telecom Mehrheit von Kyivstar war schon immer Russisch. Das kommt von Neef der promovierte mit -- "Erfordernisse und Möglichkeiten des aussenpolitischen Journalismus in der Bezirkspresse der SED und die Darstellung der Dialektik des internationalen Klassenkampfes* UNI Leipzig 1980. Ich denke damals stand der Malocher im Vordergrund
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  • Kommentar von Andreas Krummenacher (Andreas Krummenacher)
    Liebes SRF, können sich nicht den Blog abschaffen? Die Propaganda der Trolls und deren Unterstützer aus St. Petersburg, ist nur noch davonlaufen. Der Artikel zeigt übrigens sehr gut die Situation der Menschen in der Ostukraine auf, und ist von daher sehr differenziert. Er hätte auch andere Kommentare verdient - den Menschen zuliebe.
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    1. Antwort von
      SRF wünscht eine Diskussion zu den Themen. Je höher das Niveau, desto glücklicher sind wir. Gegen die Trolls ist im Moment noch kein wirkliches Rezept da.
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  • Kommentar von Georg Benad (kreanga)
    Herr Schmidel und Herr Chauvet, hier ein klein wenig Hilfe für Sie in Sachen Wirtschaft Russlands: Die russische Wirtschaft gewinnt bis 2050 zunehmend an Bedeutung in der Welt und wird die größte ökonomische Kraft in Europa, wie die Ökonomen des Wirtschaftsberaters PricewaterhouseCoopers (PwC) mitteilen. Da dies ja eine Prognose eines westlichen Wirtschaftsinstitutes ist kann man wohl kaum von Fake News sprechen......
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    1. Antwort von Jacqueline Zwahlen (Jacqueline Zwahlen)
      Richtig, Herr Benad. Und der IWF prognostiziert Russland für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von bis zu 1,5 %, womit dieses jenem der USA und dem europäischen Raum entspricht.
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