«Die Menschen im Irak suchen Garantien zum Überleben»

Mit dem Vormarsch der Isis-Terroristen im Irak nehmen die Spannungen zwischen den Konfessionen zu. Islamwissenschaftler Reinhard Schulze macht Premier Maliki für die Situation verantwortlich. Die Iraker selber wollen vor allem eins: Sicherheit.

Dutzende Männer stehen um das Grab und trauern um die Opfer.

Bildlegende: Beerdigung von Isis-Opfern in Kirkuk: Die Iraker dürstet vor allem nach Sicherheit. Reuters

SRF: Ist im Irak ein Konfessionskrieg im Gange?

Reinhard Schulze: Der Konflikt wird immer mehr zum Konfessionskrieg, weil sich immer grössere Teile der Bevölkerung mit den Konfessionen identifizieren. Diese sind danach bestrebt, Gebiete so zu gestalten, dass sie nur noch von einer bestimmten Konfession bevölkert sind. Damit werden auch neue geographische Grenzen im Land gezogen.

Die Menschen im Norden des Landes fühlen sich also mehrheitlich als Sunniten – und nicht als Iraker?

Die irakische Identität spielt nur noch politisch eine Rolle, nicht aber in der sozialen Praxis der Menschen. Viel wichtiger sind den Menschen Bündnisse, die sie mit lokalen Stammesvereinen, Städten oder Gemeinden eingehen. Diese sollen die soziale Versorgung sicherstellen – die Menschen suchen Garantien fürs Überleben.

Ist die Identifikation mit einer bestimmten Konfession ein neues Phänomen oder spielt dies schon länger eine Rolle?

Unter der Herrschaft von Saddam Hussein ist diese Konfessionspolitik viel stärker geworden. Saddam hat eine Privilegierung der sunnitischen Identität vorgenommen. Allerdings reicht die konfessionelle Differenz zwischen Sunniten und Schiiten bis ins 18. Jahrhundert zurück. In jener Zeit gab es eine Immigration von Schiiten aus dem damals sunnitischen Iran, die ins Nachbarland kamen. Sie suchten Schutz im Irak, der vor dem 1. Weltkrieg zum Osmanischen Reich gehörte.

Die Grenzen des heutigen Iraks wurden von Briten und Franzosen nach dem 1. Weltkrieg gezogen. Haben die Konfessionen dabei eine Rolle gespielt?

Nein. Der Irak wurde aus den drei früheren osmanischen Provinzen Bagdad, Mossul und Basra gebildet, die konfessionellen Grenzen spielten dabei keine Rolle. Das hätte 1920 auch keinen Sinn gemacht, weil die Konfessionen damals keine politischen Kategorien waren, nach denen sich Herrschaft im Land organisiert hätte.

Wäre die heutige logische Lösung eine Aufspaltung des Iraks in die verschiedenen konfessionellen Teile?

Auch für die arabische Welt gilt, dass Konfessionen heute nicht die Grundlage einer modernen Staatlichkeit sein können. Der moderne Staat beruht gerade darauf, dass er gegenüber den Religionsgemeinschaften neutral ist. Das gilt auch für die irakische Situation. Und ob das irakische Land zwingend ein einheitlicher Staat bleiben muss, ist eine Frage welche die irakische Bevölkerung selber beantworten muss – nicht aussenstehende Mächte.

Was sind die religiösen Hintergründe dafür, dass sich die Menschen zunehmend mit ihrer Konfession identifizieren?

Wahrscheinlich spielen persönliche Glaubensüberzeugungen im Irak keine sehr grosse Rolle. Viel wichtiger ist die Frage, welche Lebensführung durch bestimmte Verbände, Gemeinden oder Stämme sichergestellt wird. Wenn sich herausstellt, dass es für ein sicheres Leben nützlich ist, sich mit einer Konfession zu identifizieren, tut man das.

Was müsste geschehen, dass die Iraker unter einem Dach, unter einer Regierung leben können?

Wichtig wäre eine Entpolitisierung der religiösen Zuordnung. Gerade dies wird von den politischen Parteien im Irak aber nicht gemacht. Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist jemand, der sich sehr explizit schiitisch geäussert hat und damit das ‹Schiiten-Sein› als politische Kategorie führt und aufgewertet hat. Doch eigentlich müsste auch für den Irak gelten, dass die politisch Verantwortlichen die Konfessionen nicht für ihren Machtanspruch missbrauchen.

Das Interview führte Marc Allemann

Islamwissenschaftler

Islamwissenschaftler

Reinhard Schulze ist Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern.

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