Ein Jahr nach den Anschlägen «Die Menschen in Brüssel sind wachsamer geworden»

Heute vor einem Jahr töteten Terroristen in Brüssel 35 Menschen. Die Folgen sind bis heute spürbar, sagt der belgische Journalist Alain Kniebs.

Attentat im Herzen Europas

SRF News: Sind die Erinnerungen noch präsent?

Alain Kniebs: Das ganze Jahr über war das Thema immer wieder aktuell: neue Ermittlungsergebnisse, Opfer, die sich zu Wort gemeldet haben, oder auch Sanierungen am Flughafen und der U-Bahn. Das Trauma und der erste Schock sind zwar mittlerweile überwunden. Der Schmerz und die Angst, dass es nochmal zu einem Anschlag kommen könnte, sind aber noch da.

Darum geht es

  • Heute vor einem Jahr war Brüssel Schauplatz eines Terroranschlags.
  • 2 Selbstmordattentäter sprengten sich am Flughafen und in der U-Bahn in die Luft.
  • 35 Menschen starben, über 300 Menschen wurden verletzt.

Wie hat das Attentat den Alltag der Menschen verändert?

Das Leben geht weiter, das Unbeschwerte ist aber weg. Die Menschen sind wachsamer geworden. Sie sehen sich in der U-Bahn um und fragen sich, ob jemand verdächtig aussieht. Bei Grossveranstaltungen haben sie neue Reflexe entwickelt: Schon bei ihrer Ankunft sehen sie sich um und suchen den besten Fluchtweg für Notfälle. Vor wenigen Jahren hat man das hier noch nicht gemacht. Eine weitere Veränderung ist es, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Belgien jetzt häufiger schief angesehen werden. Der politische Diskurs ist grundsätzlich härter geworden, hält sich aber im Vergleich zu einigen Nachbarländern noch in Grenzen.

Sie haben gesagt, der erste Schock sei überwunden. Woran erkennen Sie das

Bis zum Sommer war hier in der Innenstadt gähnende Leere, dann kehrten die Geschäftsreisenden langsam nach Brüssel zurück. Im Herbst kamen die Touristen wieder und der Weihnachtsmarkt im Dezember hatte mit 2,5 Millionen Menschen schon wieder so viele Besucher wie noch nie. Brüssel lebt wieder, die Leute lachen wieder und der Alltag ist zurück. Man muss aber sagen: Es ist ein bisschen anders als vor den Anschlägen.

Er herrscht noch immer die zweithöchste Terrorwarnstufe. Spüren Sie das im Alltag?

Es gibt eine grosse Präsenz von Polizei und Militär. All das erinnert die Belgier täglich daran, dass wir uns noch immer in der zweithöchsten Terrorwarnstufe befinden.

Welche Massnahmen hat die belgische Regierung nach dem Anschlag umgesetzt?

Es gab dreissig grosse Massnahmen, dazu gehörte etwa mehr Geld für die Sicherheitsdienste. Das Parlament hat auch eine Regelung geändert, die Hausdurchsuchungen in der Nacht verbot. Zudem kann man in Belgien jetzt keine anonymen Prepaid-Simkarten mehr kaufen. In Zukunft werden Passagierdaten nicht nur von Flugreisenden erhoben, sondern auch von Leuten, die mit Fernbussen oder internationalen Zügen unterwegs sind.

Gibt es auch Massnahmen, die die Regierung nicht umsetzen konnte?

Die belgische Regierung wollte noch viel weitergehen. Eine geplante Massnahme war, Syrien-Rückkehrer und andere Gefährder – beispielsweise radikalisierte Jugendliche aus Problemvierteln – zu überwachen, indem man ihnen eine elektronische Fussfessel anlegt. Menschenrechtler haben aber vor dem Staatsrat dagegen geklagt, weil diese Regelung die Bürgerrechte zu sehr einschränken würde. Die Regierung hat den Plan zurückgezogen.

Die Politik hat also reagiert, aber nicht überreagiert?

Das könnte man so sagen. Die Politik musste etwas tun, um die Bürger zu beruhigen. Es gab Massnahmen, die versprochen und umgesetzt wurden. Sie sind aber nicht so weit gegangen wie beispielsweise in Frankreich. Es wurden keine Notstandsgesetze erlassen. Bürgerliche Freiheiten wurden eingeschränkt aber nicht in einem zu grossen Mass. Man muss aber auch sagen, die Angst ist noch da, dass es einen weiteren Anschlag geben könnte.

Das Gespräch führte Hanna Jordi

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Belgien gedenkt des Terrors

1:34 min, aus Tagesschau vom 22.3.2017

Alain Kniebs

Alain Kniebs ist Journalist, arbeitet für den belgischen Rundfunk und lebt in Brüssel.