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Rohingya-Flüchtlinge «Die Menschen sind ausgehungert – es droht Panik auszubrechen»

Die Rohingya flohen vor der Gewalt in Burma. Jetzt kämpfen sie im Nachbarland um ihr Leben. Eine Augenzeugin berichtet.

Legende: Video Flüchtlingskrise der Rohingya in Burma abspielen. Laufzeit 2:26 Minuten.
Aus 10vor10 vom 18.09.2017.

SRF News: Wie leben die aus Burma geflohenen Rohingya in Bangladesch?

Porträtbild von Diettrich.
Legende: ARD-Korrespondentin Silke Diettrich ist sonst in Indien stationiert. In den letzten Tagen war sie in Bangladesch. ARD

Silke Diettrich: Leben ist ein zu gutes Wort. Im Moment ist dort noch alles völlig unkoordiniert und es herrscht Chaos. Die Menschen leben zum Teil am Strassenrand, sie sitzen da und warten auf Hilfe. Viele haben noch keine Zelte bekommen und sind dem Monsun-Regen wie auch der Hitze ausgesetzt. Ein Bild hat sich bei mir eingebrannt: Menschen, die nur damit beschäftigt sind, irgendetwas zum Essen, neue Kleidung und sauberes Wasser zu ergattern. Es ist sehr schwierig.

Hat die Bangladescher Regierung Schritte eingeleitet, um das Problem zu lösen?

Sie versucht alles Menschenmögliche, aber weil innert dreier Wochen mehr als 400'000 Menschen in Bangladesch angekommen sind, ist das sehr schwierig. Und es kommen immer noch mehr Menschen an. Ich war am Wochenende in Bangladesch und sah Menschen über die Flüsse und durch die Wälder kommen. Jetzt versuchen die Behörden von Bangladesch, das Ganze erst einmal mit Polizisten zu koordinieren. Auch Militär steht im Einsatz, um die Flüchtlinge zu registrieren und zu beruhigen.

Die Behörden haben Angst, dass Panik ausbrechen könnte, denn die Menschen sind ausgehungert.
Eine Menschenmenge drängt sich um einen Konvoi mit Lebensmitteln.
Legende: Die Flüchtlinge sind ausgehungert und kämpfen ums Überleben. Jederzeit könnte Panik ausbrechen. Reuters

Die Behörden haben natürlich auch Angst, dass Panik ausbrechen könnte, denn die Menschen sind ausgehungert. Sobald ein Konvoi mit Essen ankommt, schmeissen sie sich drauf – es sieht furchtbar aus. Sie heben die Hände hoch und wollen auf die Lastwagen klettern. Jeder versucht, irgendetwas zu ergattern. Inzwischen haben die Behörden zwei Hektar Land roden lassen, um provisorische Flüchtlingszelte aufzubauen. Aber das geht natürlich alles nicht von heute auf morgen.

Was erzählen die Rohingya von ihrer Flucht?

Sie hätten versucht, sich nachts zu verstecken und tagsüber weiter zu fliehen, sagen sie. Viel schlimmer sind aber ihre Berichte von den Erlebnissen in ihren eigenen Dörfern in Burma. Und die meisten gleichen sich. Die Geflohenen erzählen davon, dass Soldaten gekommen seien, das Dorf umzingelt und einfach drauflos geschossen hätten. Ich selbst habe Kinder mit Schusswunden gesehen: Die Nase zerschossen, die Augen.

Ich selbst habe Kinder mit Schusswunden gesehen: Die Nase zerschossen, die Augen.

Ich habe auch Menschen gesehen, die auf Landminen traten und keine Füsse und Arme mehr haben, die erblindet sind. Sie erzählen, die Soldaten hätten ihre Häuser angezündet. Die Frauen sagen ganz vorsichtig, sie seien belästigt worden – eine Vergewaltigung würden sie nie direkt aussprechen. Es sind sehr erschreckende Geschichten, die jeder da zu erzählen hat.

Wurden die Fluchtwege der Rohingya denn vermint?

Ich habe drei Minenopfer gesehen. Zwei von ihnen erzählten mir, dass es direkt an der Grenze Bomben im Boden hatte – also Landminen. Ein anderer sagte, er sei am Tag, nachdem Soldaten sein Dorf heimgesucht hätten, am Dorfrand auf etwas getreten, das dann explodierte.

Man muss wahrscheinlich davon ausgehen, dass in Burma Landminen oder Ähnliches eingesetzt werden.

Die drei Minenopfer wurden an unterschiedlichen Orten verletzt und liegen in verschiedenen Spitälern. Sie machten ihre Aussagen also unabhängig voneinander. Daher muss man wahrscheinlich davon ausgehen, dass in Burma Landminen oder Ähnliches eingesetzt werden.

Boote mit Frauen im Tschador und Kindern auf einem Fluss.
Legende: 400'000 Rohingya sind seit Ende August aus Burma nach Bangladesch geflohen. Und es kommen immer noch Menschen an. Reuters

Wie ist die Stimmung der Bangladescher gegenüber den Rohingya?

Es gibt unglaublich viele Private, die am Strassenrand stehen und den Flüchtlingen entweder Geld zustecken oder ihnen Wasser geben. Einige haben auch Rohingya zu Hause aufgenommen und sie für ein paar Tage versorgt.

Einig sind sich in Bangladesch alle: Die Rohingya müssten wieder zurück nach Burma.

Es gibt aber auch Bangladescher, die eine Überbevölkerung befürchten. Sie seien selbst nicht so viele, und jetzt kämen vielleicht eine Million Flüchtlinge, sagen sie. Einig sind sich aber alle, dass die Rohingya wieder zurück nach Burma müssten.

Legende: Die Rohingya leben im Gebiet um die nordburmesischen Städte Buthidaung und Maungdaw. SRF

Burma schottet das Rohingya-Gebiet ab. Hat irgendjemand Zugang zu den zurückgebliebenen Rohingya?

Ich habe von einem Journalisten gehört, der es geschafft hat. Allerdings wurde er von der burmesischen Regierung begleitet. Es gibt auch Satelliten-Aufnahmen von brennenden Dörfern. Aber ich konnte den dichten Qualm und Rauch auch von Bangladesch aus sehen. Das war kein normales Feuer. Man hat gesehen, dass da vermutlich Dörfer brennen. Aber es gibt niemanden, der uns direkt von dort berichten könnte.

Es gibt niemanden, der uns direkt von den Rohingya-Gebieten in Burma berichten könnte.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

MSF verlangt sofortigen Zugang

Angesichts der humanitären Krise der Rohingya hat Ärzte ohne Grenzen (MSF) einen sofortigen uneingeschränkten Zugang für Hilfsorganisationen zum Bundesstaat Rakhine in Burma gefordert. Hunderttausende seien ohne ausreichende Hilfe, teilte die Organisation mit. Die Regierung will aktuell allein für humanitäre Hilfe in Rakhine sorgen.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Die Monsunzeit hat bereits Tausende von Menschenleben verlangt. Eine objektive Berichterstattung würde dies betonen und markieren, dass es die Flucht in einem denkbar schwierigen Zeitpunkt erfolgt. Zelte und Verpflegung erreicht wahrscheinlich andere Betroffenen auch nicht.
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Und warum helfen westliche Länder nicht wenigstens mit Lebensmitteln und Wasser? Wo sind Hilfsorganisationen? Bei Erdbeben auf dieser Welt, kann man ja auch sofortige Hilfe starten. Und MSF verwehrt man die Einreise in Myanmar.
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    1. Antwort von Mark Stalden (Mark)
      Der Westen Kümmert sich Wenig um Asien und Erst Recht nicht um Rohingya. Zu Heikel das Thema auch in denn Nachbarländern. Was wieder in Burma passiert ist eine Tragödie , und ist noch Lange nicht Vorbei. Aus dem 2. Weltkrieg stammen die Minen nicht , Burma hat noch eine Langen Weg vor sich um zu eine Touristen Destination zu werden.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Burma war im zweiten Weltkrieg Kriegsgebiet, von den Japanern besetzt und gegen die vordringenden Allierten verteidigt. Wenn die Rohingas jetzt auf Schlechwegen statt Strassen Fersengeld geben, ist es durchaus moeglich, dass 3 davon auf noch nicht gereumte Souvenirs des zweiten Weltkrieges getreten sind. Jedenfalls ist Burma daran interessiert, die Fluchtwege offenzuhalten, statt gar mit Minen zu sperren....
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Ntürlich lassen sie die Fluchtwege offen, sie wollen sie ja loswerden. Und das die Rohingias jetzt Fersengeld geben, finde ich recht zynisch. Sie würden auch um Ihr Leben laufen, wenn Sie verfolgt und sogar ermordet würden. Ich habe selbst gesehen unter welchen unmenschlichen Zuständen sie in ihren Hütten leben müssen. Jetzt nennt man es Dörfer.
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