Die Nato hat ein gravierendes Dreifachproblem

Aus Sicht der Nato war die Welt bis vor ein paar Tagen einigermassen übersichtlich: Ihre einzige grosse Herausforderung waren mögliche russische Übergriffe in Osteuropa. Doch fast über Nacht sieht sich das Verteidigungsbündnis mit zusätzlichen Problemen konfrontiert – in Afghanistan und in Syrien.

Stoltenberg redet und gestikuliert vor einem grossen Nato-Schild.

Bildlegende: Jens Stoltenberg: Die Nato muss Afghanistan vor den Taliban schützen sowie die Gefahr eines Kriegs in Syrien bannen. Keystone

Die Nato demonstriert Entschlossenheit. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte am Verteidigungsministertreffen dezidiert seine Botschaft an alle Bürger: «Die Nato ist da und wird euch schützen.» Besonders mit ihrer neuen «Schnellen Eingreiftruppe». «Sie wird von 20'000 auf 40'000 Mann aufgestockt», sagt er.

Erst sechs und später acht kleine Hauptquartiere sollen künftige Einsätze in Osteuropa leiten. In den grössten Manövern seit über einem Jahrzehnt wird die Truppe jetzt getestet. Was dabei neu ist: Man habe die Soldaten und die Infrastruktur, um die Schnelle Eingreiftruppe auch in den Süden zu verlegen – und dort über lange Zeit zu stationieren.

Damit soll das Nato-Mitglied Türkei beruhigt werden, in dessen Luftraum auf einmal russische Kampfjets eindringen. Das westliche Bündnis signalisiert damit zugleich: Man fürchtet einen langen, grossen, internationalen Krieg in und um Syrien. Umso unverständlicher ist aber, dass man sich nicht darauf verständigte, die Nato-Patriot-Abwehrraketen in der Türkei zu belassen. Wann wären diese dort nützlich, wenn nicht jetzt?

Abzug aus Afghanistan verschoben

Auch bei der zweiten neuen, beziehungsweise alten Herausforderung ist sich die Allianz bloss teilweise einig. Klar ist: Der bisherige Beschluss, praktisch alle Nato-Truppen nächstes Jahr aus Afghanistan abzuziehen, ist Makulatur. Nach den jüngsten militärischen Erfolgen der Taliban und der offensichtlichen Schwäche der afghanischen Armee muss die Nato über die Bücher.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen fordert in Brüssel, «dass wir den Rückzug aus Afghanistan nicht nach einen starren Kalender vornehmen, sondern die Situation vor Ort analysieren und uns danach richten».

Ohne die USA sind Partner chancenlos

Ob die Nato nun ihre verbliebenen Kontingente in Afghanistan belässt oder sogar die Operation wieder hochfährt, wird in ein paar Wochen entschieden, sagt Stoltenberg. Entscheidend ist, ob sich die Nato von einer Verlängerung des Engagements verspricht, in Afghanistan doch noch für Stabilität zu sorgen. Und ob die USA bereit sind, weiterhin tausende von Soldaten am Hindukusch zu belassen.

Die Amerikaner sind das Nato-Rückgrat in Afghanistan; ziehen sie ab, können die übrigen Nato-Länder dort wenig ausrichten. Statt sich in Ruhe auf eine einzige Herausforderung, jene aus dem Osten, zu konzentrieren, ist die Allianz plötzlich zwar nicht gleich mit einem Dreifrontenkrieg konfrontiert, aber mit einem gravierenden Dreifachproblem: im Osten, im Süden und in Afghanistan.