Die Nerven in Ferguson liegen blank

Mit grosser Anspannung erwarten die Bewohner der US-Kleinstadt Ferguson die Entscheidung über eine Anklage gegen den weissen Polizisten, der im August einen schwarzen Teenager erschossen hat. Der Vater des Opfers Michael Brown rief ebenso zur Ruhe auf wie US-Präsident Barack Obama.

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Vorbereitung auf unsichere Tage

1:28 min, aus Tagesschau am Mittag vom 22.11.2014

Die Stimmung in Ferguson ist wieder geladen. Wird der Polizist, der den Teenager Michael Brown erschossen hat, angeklagt oder nicht?

Browns Vater Michael Brown Senior veröffentlichte ein kurzes Video, in dem er vor neuen gewaltsamen Protesten warnte. «Danke, dass Ihr Eure Stimme erhebt, damit 'Racial Profiling' (Polizeimassnahmen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe eines Menschen) und Einschüchterung durch die Polizei aufhören», sagte er darin.

«Andere zu verletzen oder jemandes Eigentum zu zerstören, ist nicht die Lösung», warnte der Vater. «Egal was die Grand Jury entscheidet, ich will nicht, dass der Tod meines Sohnes umsonst war», fügte er hinzu.

Die Tötung des 18-jährigen Michael Brown Anfang August hatte in Ferguson wochenlange zum Teil gewalttätige Unruhen ausgelöst. Es wird erwartet, dass eine Grand Jury aus zwölf Geschworenen bald darüber entscheidet, ob der Polizist Darren Wilson als Todesschütze angeklagt wird.

Ausnahmezustand verhängt

Aus Angst vor Unruhen verhängte der Gouverneur des Bundesstaats Missouri bereits am Montag den Ausnahmezustand über Ferguson. Er aktivierte auch die Nationalgarde, um einen möglichen Polizeieinsatz zu unterstützen. Über der Stadt kreisten Polizeihelikopter.

Am Freitag rief auch US-Präsident Barack Obama zur Ruhe auf. «In diesem Land darf jeder seine Meinung sagen», versicherte er. Auch dürfe gegen Entwicklungen, die als ungerecht empfunden würden, friedlich protestiert werden. «Es widerspricht aber unseren Rechtsgrundätzen, Ereignisse als Rechtfertigung für Gewalt heranzuziehen», warnte Obama.

Justizminister Eric Holder rief die Einwohner von Ferguson und die Sicherheitskräfte zur Besonnenheit auf. Die Proteste der vergangenen Monate hätten die Aufmerksamkeit auf bestimmte Polizeipraktiken gelenkt, sagte er in einer Videobotschaft. Um den Frieden zu wahren, sei bereits die Wahl der angemessenen Uniform wichtig.

Notwehr oder nicht?

Wilson hatte Brown tagsüber auf offener Strasse erschossen. Der Polizist hatte Brown angehalten, weil dieser mit einem Freund mitten auf der Strasse lief. Der Beamte sagte aus, den Teenager nach einem Handgemenge in Notwehr erschossen zu haben. Zeugen wollen aber beobachtet haben, dass der unbewaffnete Brown vor seinem Tod die Hände erhob.

Brown wurde von mindestens sechs Kugeln getroffen. Anschliessend lag seine Leiche stundenlang auf der Strasse, ehe sie weggebracht wurde. Bei den Protesten nach der Tötung Browns rückte die Polizei mit schwerer Ausrüstung an. Kritikern zufolge wandten die Beamten zudem Gewalt gegen friedliche Demonstranten an.

Hinweise auf baldige Entscheidung

Die Grand Jury berät seit Monaten darüber, ob die Beweislage für eine Anklage gegen Wilson ausreicht. In den vergangenen Tagen mehrten sich die Hinweise auf eine baldige Entscheidung. Am Freitag erklärte die Staatsanwaltschaft, es werde bereits die Pressekonferenz für die Verkündung der Entscheidung vorbereitet.

In Ferguson forderte am Freitag eine kleine Gruppe von Demonstranten, Brown anzuklagen. «Ich bin hier, weil ich Gerechtigkeit will», sagte die 22-jährige Ebony. Sie und ihre Mitstreiter wollten ihren Protest nicht beenden, «bis wir wissen, dass das Richtige geschieht». «Ich will Wilson im Gefängnis sehen», sagte Ebony.