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International Die neueste «Charlie Hebdo» ist ausverkauft

Die erste Ausgabe von «Charlie Hebdo» seit dem Attentat ist auf dem Markt – und in Frankreich schon vergriffen. Vor Verkaufsstellen in Paris bildeten sich lange Schlangen. Auf der Titelseite prangt erneut eine Mohammed-Karikatur. Kritik und Drohungen bleiben nicht aus.

Legende: Video Die neue Ausgabe des «Charlie Hebdo» abspielen. Laufzeit 01:03 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 13.01.2015.

Auf die Verkaufsstellen des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo» hat es heute Mittwoch einen riesigen Ansturm gegeben. An etlichen Zeitungskiosken in Paris und anderen Städten des Landes war die erste Ausgabe des Blattes seit dem Attentat auf die Redaktion innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Viele Stammkunden hätten sich schon im Vorfeld Exemplare reserviert, berichteten Verkäufer nach dem Verkaufsstart in den frühen Morgenstunden.

Die neuste Ausgabe: «Charlie Hebdo» bleibt sich treu

  • Das Titelbild zeigt den Propheten Mohammed mit einem Schild in den Händen, auf dem steht: «Je suis Charlie.» Der Prophet verdrückt eine Träne. Überraschender ist die Überschrift der Karikatur: «Tout est pardonné», zu deutsch: «Alles ist vergeben.»
  • In einer Zeichnung wird darauf angespielt, dass einer der Attentäter bei einem Entsorgungsbetrieb arbeitete. In der Karikatur steht der Abfallsortierer ratlos vor zwei Mülltonnen, von denen eine die Aufschrift «Gut» und die andere die Aufschrift «Böse» trägt. «Das ist zu kompliziert», steht dazu in der Sprechblase.
  • In einer anderen Karikatur fragen die von der Polizei getöteten Attentäter im Himmel nach Jungfrauen, die sie von Gott als Belohnung für ihren Terrorangriff erwarten. Die seien alle beim Team von Charlie, wird ihnen aus einer Wolke zugerufen, in der eine wilde Party steigt.
  • «Welche Zukunft für Dschihadisten?», heisst eine andere Karikatur. Sie zeigt drei bewaffnete junge Männer mit Zottelbärten bei der Arbeitsagentur. «Supermarkt-Wächter?», fragt die Beamtin.
  • Auch das jüngste Boko-Haram-Massaker in Nigeria wird thematisiert: Zwei Dschihadisten kommentieren: «2000 potenzielle Charlie-Abonnenten weniger».

Die Redaktion bleibt ihrem Stil also treu, spottet, krittelt und trotzt weiter – und trifft damit mitten ins Mark. Die 1178. Ausgabe der Satirezeitschrift erscheint in einer Grossauflage von drei Millionen Exemplaren.

Diese soll nun auf fünf Millionen erhöht werden, gab der Vertrieb bekannt. Heute Mittwoch wurden eine Million Exemplare verteilt. Der Inhalt soll in 16 Sprachen übersetzt werden, unter anderem ins Englische, Deutsche, Spanische, aber auch ins Türkische und Arabische.

Scharfe Kritik aus Nordafrika

Ägyptische Islamgelehrte übten derweil scharfe Kritik an den neuen Mohammed-Karikaturen. Diese «ungerechtfertigte Provokation von 1,5 Milliarden Muslimen weltweit» werde eine neue Welle des Hasses auslösen.

Das erklärte die wichtige religiöse Einrichtung Dar al-Ifta in Kairo. Die Terrorgruppe Al-Kaida im Islamischen Maghreb ihrerseits drohte im Internet mit weiteren Angriffen auf Frankreich.

Zwei Attentäter hatten vergangenen Mittwoch die Redaktion des Magazins gestürmt und zwölf Menschen erschossen. Der Anschlag war der Auftakt einer fast dreitägigen Terrorwelle im Grossraum Paris, bei der fünf weitere Menschen starben.

«Dok» zu «Charlie Hebdo»

Eine Dokumentation erläutert die Arbeit auf der Redaktion des Satire-Magazins «Charlie Hebdo». Der Film aus dem Jahr 2006 ist ein historisches Dokument: Viele der gezeigten Zeichner, wie Cabu, Georges Wolinsky oder Tignous, sind beim Terroranschlag vom 7. Januar ermordet worden.

Reich werden mit Charlie?

Im Internet tauchen die ersten Exemplare von «Charlie Hebdo – Tout est pardonné» auf. Findige Geschäftsleute verkaufen auf Ebay und Ricardo die erste Ausgabe nach dem Attentat für 200 Euro oder mehr. Noch höhere Verkaufserlöse erzielen die Exemplare der Nummer 1177. Diese Ausgabe ist am gleichen Tag erschienen als der Anschlag stattfand.

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80 Kommentare

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  • Kommentar von J.Baltensperger, Zürich
    Reden wir doch mal Klartext, jetzt wo der Anschlag ein paar Tage her ist: Charlie Hebdo hat versucht, durch primitive und beleidigende Provokation Berühmtheit zu erlangen und Geld zu verdienen. Rechtlich legal aber ethisch höchst fragwürdig. Ich verstehe nicht, warum das jetzt Helden sein sollen. Jedes Kind, welches ein anderes hänselt und verspottet wird, zu Recht, zurechtgewiesen. Auch die Presse sollte moralische Werte haben. Selbstverständlich verurteile ich Gewalt aufs Schärfste.
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      @J.Baltensperger. Es gibt Kulturen, in denen Kinder, die hänseln, spotten und ander Kinder zum weinen bringen gelobt werden. Weinende Kinder hingegen werden ermahnt, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich zu wehren. Es sind ganz kleine Dinge, welche grosse Unterschiede in Kulturen und Wertvorstellungen hervorbringen. Unsere jüdisch-christliche Kultur ist nicht weltweit vorherrschend - ebensowenig wie unser Demokratieverständnis. Wir sollten den Dialog suchen mit freiheitsliebenden Muslimen
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  • Kommentar von O. Toneatti, Bern
    Wenn Satire Alles darf, wie viele Menschen, auch hier im Forum glauben, könnte jetzt eine andere Satirezeitschrift schreiben: Wenigstens hat sich dieser Ueberfall finanziell doch gelohnt, konnte Charlie Hebdo die Auflage ihres Blattes von 60'000 auf 5'000'000 Exemplare steigern. Wäre das denn auch noch Satire, die Alles darf?
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    1. Antwort von J.Baltensperger, Zürich
      Es ist absurd und zeugt von Unwissen zu behaupten, die Meinungsfreiheit habe - im Gegensatz zu allen anderen Grundrechten - keine Grenzen. Jede Freiheit endet da, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Selbstverständlich gibt es auch bei uns, zu Recht, Zensur. Es sollte meines Erachtens machbar sein, die religiösen Gefühle anderer zu respektieren. Auf der anderen Seite ist Gewaltanwendung strikte zu verurteilen und mit aller Härte zu verfolgen.
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    2. Antwort von m.mitulla, wil
      @J.Baltensperger. Ich finde auch viele Karrikaturen absurd, geschmacklos und verletzend. Beispielsweise ein Jesus am Kreuz mit einem errigierten Glied... Trotzdem bin ich der Meinung, dass nicht die mühsam erkämpften Freiheiten unserer Vorfahren wegen Befindlichkeiten entsorgt werden sollen. Schliesslich hat jeder seine eigene Einstellung oder Grenze für Beleidigungen. Jeder muss lernen mit Frust umzugehen - das gehört zu unserer Kultur. Abgesehen davon gibt es andere Wege sich zu wehren.
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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    Leute die Redaktionen und Karrikaturisten bedrohen, müssten eigentlich längst hinter Schloss und Riegel sitzen. Warum braucht es Jahre, um festzustellen, wer hier droht? Demokratie lebt durch und durch von der freien Presse, es ist ein sehr hohes Gut. Wer das nicht aushält oder akzeptiert, der hat keinen Platz in einer offenen Gesellschaft und darf/muss gehen.
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    1. Antwort von J.Baltensperger, Zürich
      Sie unterschlagen, dass selbstverständlich auch in der Schweiz vieles, zu Recht, zensuriert ist. Die Preesefreiheit, wie bei jedem Grundrecht, endet wo die Freiheit anderer beginnt. Einer Zeitung ist es verboten, rassistische Meinungen zu vertreten, zu Gewalt aufzurufen, den Holocaust zu leugnen, Menschen zu beleidigen, falsche Anschuldigungen zu machen, gewisse Pronografie zu verbreiten und vieles mehr. Warum? Weil dies die Freiheiten anderer verletzt. Weshalb diese Ausnahme bei Karikaturen?
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    2. Antwort von m.mitulla, wil
      @J.Baltensperger. Es ist das Wesen der Satire überspitzt zu formulieren. Es trifft Tabus genauso wie Mächtige oder solche, die es sein wollen. Der Satire gehört die Narrenfreiheit. Wenn diese Freiheit bei uns verschwindet, dann hat unsere Gesellschaft einen grossen Rückschritt gemacht. Unsere westliche-jüdisch-christliche Kultur darf sich nicht einfach einschränken, sondern sie soll in den Dialog treten mit freiheitlichen Muslimen, die hoffentlich bald einen Platz in unserer Wahrnehmung bekommen
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