«Die Öleinnahmen sind nur eine von vielen Ressourcen des IS»

Die Angriffe der USA gegen den IS gehen weiter. Mit der Bombardierung von Ölfeldern zielt Washington auf die Einnahmequellen der Terrorgruppe. Dies reiche jedoch nicht aus, um dem IS den Geldhahn zuzudrehen, sagt ein Experte.

Flugzeug der amerikanischen Luftwaffe

Bildlegende: Am zweiten Tag der Luftangriffe haben amerikanische Flugzeuge Ölfelder in Syrien bombardiert (Aufnahme vom 23. 9. 2014) Reuters

Die USA und ihre Koalitionspartner haben am zweiten Tag in Folge Ölanlagen in Syrien bombardiert. Damit gehen die Angriffe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) weiter. Mit den Angriffen soll die wichtigste Einnahmequelle der Extremisten zerstört werden.


Die Gelder der Terrormiliz IS

5:43 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.09.2014

Laut der oppositionellen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurde eines der wichtigsten Ölfelder bombardiert, das Feld al Tanak im Osten des Landes. Die Extremisten kontrollieren in Syrien und im Irak mehrere Ölfelder. Die Einnahmen aus dem illegalen Verkauf von Öl sind die Hauptfinanzierungsquelle der Dschihadisten. Laut dem Pentagon fliessen so täglich umgerechnet fast zwei Millionen Franken in die Kassen des IS.

Erpresser und Bankräuber

Stephan Rosiny, Islamwissenschaftler und IS-Beobachter, hält die Zerstörung der Ölanlagen für ein «taugliches Mittel».

Doch reiche das alleine nicht aus: «Die Öleinnahmen sind nur eine der Ressourcen», welche die IS-Kämpfer haben. «Sie finanzieren sich auch über Lösegelderpressungen und über Beuteökonomie – sie haben Banken ausgeraubt, sie haben den Besitz von religiösen Minderheiten konfisziert, sie handeln mit Antiquitäten aus Ausgrabungen.»

Wichtig ist deshalb, dass die Terrorgruppe keine neuen Eroberungen machen können. «In eroberten Gebieten hat der Islamische Staat angefangen zu plündern und sich dadurch neue Ressourcen geschaffen.»

Netzwerk von Saddam Hussein

Ein weiterer Teil der Strategie der IS-Gegner könnte laut Rosiny sein, bei den Abnehmern des Öls anzusetzen. «Im Moment wird sehr viel Öl in die Türkei geschmuggelt.» Dabei profitiere der Islamische Staat von den Verbindungen, die noch der irakische Diktator Saddam Hussein angelegt hatte. Auch dieser unterlag damals einem Wirtschaftsboykott und schmuggelte Öl.

Dass dieses Netzwerk reaktiviert wird, verweist laut Rosiny darauf, dass unter den IS-Kämpfern auch Baathisten sind: Mitglieder des ehemaligen Regimes von Saddam Hussein.

«IS hat von der Expansion gelebt»

Rosiny glaubt, dass ein Stopp der Expansion nicht nur wichtig ist, um dem IS den Geldhahn zuzudrehen. «Der IS hat von der Expansion gelebt; davon, dass die Gläubigen zu ihm kommen weil er sich als Erfolgsprodukt vermarkten konnte.» Wenn das Geld nun ausbleibt, kann er einerseits seine Anhänger nicht mehr so fürstlich entlöhnen. Andererseits würden laut Rosiny wohl zumindest mittelfristig auch die Anhänger ausbleiben, wenn die Terrormiliz an Strahlkraft verliert.

Der Islamwissenschaftler geht davon aus, dass der IS als Staatsgebilde ohnehin recht schnell zerfallen wird. Die Organisation hat sich nach Ansicht von Rosiny viele Feinde geschaffen, so dass es fast keine Verbündeten mehr gibt.

«Er hat sich die Staaten in der Region zu Feinden gemacht, er hat sich Konkurrenten innerhalb des dschihadistischen Lagers zu Feinden gemacht, er hat sich einen wichtigen Teil der Lokalbevölkerung zu Feinden macht.» Gerade letztere würden wohl mit immer höheren Steuern ausgebeutet, wenn es an finanziellen Mitteln mangelt.

Flucht in den Untergrund?

Der Kollaps des IS-Staatsgebildes bedeutet aber nicht das Ende aller Probleme, sagt Rosiny. Vielmehr würde dieser dann aller Wahrscheinlichkeit nach in den Untergrund gehen und als Terrororganisation fortleben. «Dann wird die eigentliche Aufarbeitung stattfinden müssen und die strukturellen Probleme, die in der Region bestehen, angegangen werden.»

Dänemark schliesst sich an

Dänemark will sich militärisch am Kampf gegen den IS im Irak beteiligen. Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt sagte, Dänemark werde sieben F16-Kampflugzeuge zur Verfügung stellen. Ausserdem sollen dänische Soldaten im Irak helfen, Iraker und Kurden zu beraten und für den Kampf auszubilden. Der Einsatz sei zunächst auf ein Jahr begrenzt.

Kritik an Luftangriffen

Die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten in Syrien stossen auch unter gemässigteren Regimegegnern im Land auf Widerstand. Die Aktivisten im Land fordern, dass die ausländische Koalition vor allem die Armee von Syriens Präsident Baschar al-Assad angreift.