Die Ölpreise fallen, Norwegen leidet

Tausend Milliarden Franken: Soviel war der grösste Staatsfonds der Welt, der norwegische Ölfonds, zum Jahresende wert. Das ist viel Geld. Und trotzdem steckt Norwegen in einer tiefen Krise. Denn der Ölpreissturz beendet einen jahrzehntelangen Boom. Und nach der Party kommt der Kater.

Blick auf den Hafen von Stavanger

Bildlegende: Stavanger: Neue Zeiten für die norwegische Ölindustrie Das Öl aus der Nordsee machte Norwegen reich. 2015 kam die Wende. Reuters

Der jahrzehntelange Öl-Boom ist vorbei. Das bekommen Besucher von Norwegens
viertgrösster Stadt Stavanger schnell zu spüren: In vielen Glaspalästen und Einkaufszentren stehen Verkaufsokale leer. Im modernen Hafen liegen zahlreiche
Versorgungsschiffe fest vertäut vor Anker.

«Wir haben die Hälfte unserer Flotte eingemottet und über 70 Angestellte entlassen müssen», sagt der Sprecher der Rederei Simon Moekster und spricht von sehr schwierigen Zeiten: «Es gibt kaum Silberstreifen am Horizont, auch die nächsten Jahre versprechen keine Erholung.»

Und die konservative Bürgermeisterin von Stavanger, Christine Sagen Helgø, spricht davon, dass nicht nur ihre Stadt nachhaltig von der aktuellen Entwicklung betroffen sei: «Wir müssen uns nun alle auf neue Zeiten einstellen.» Sie rechnet damit, dass in den kommenden Jahren noch viele Stellen in der Öl- und Gasindustrie verloren gehen.

Der Boom mit dem schwarzen Gold

Fast vierzig Jahre lang erlebte Norwegen einen unglaublichen Boom. Das schwarze Gold aus der Nordsee machte aus dem ärmlichen Agrarstaat eines der
reichsten Länder der Welt. 2015 aber kam die Wende zum Schlechteren: Die Halbierung der Ölpreise hat das nordische Land gleich doppelt geschockt; der jährliche Überschuss blieb aus und die Öl- und Gasindustrie hörte praktisch auf, in den weiteren Ausbau und die Forschung der Technologie zu investieren.

Als eine konkrete Folge davon hat der staatliche norwegische Ölgigant Statoil zu Weihnachten seine Angestellten in einem Brief aufgefordert, ihren Job an den Nagel zu hängen – ansonsten drohten Massenentlassungen.

Gewerkschaften protestieren

Diese Aufforderung stiess bei den Gewerkschaften auf wenig Gegenliebe. «Dieses Vorgehen ist alles andere als okay, viele unserer Mitglieder und ihre Familien erlebten schlimme Festtage in diesem Jahr», sagt der Vorsitzende der Ölarbeitergewerkschaft, Jan Olov Brekke.

Statoil selbst sieht die Situation weniger dramatisch. Informationchef Erlend Jordal betrachtet die Entwicklung als eine Art Abkühlung: «Ich würde nicht von einer Krise sprechen wollen, sondern von einer natürlichen Konjunktur. Es kann nicht immer nur Boomjahre geben.»

Die Kehrseiten des Booms

Der Statoil-Sprecher spricht damit an, was viele in Norwegen, zumindest ausserhalb von Stavanger und der Ölbranche, schon lange erwartet haben.
Tatsächlich war der Milliardenregen aus der Öl- und Gaswirtschaft für Norwegen nicht nur ein Segen. Die überhöhten Löhne der Branche haben in vielen anderen zu einem Arbeitskräftemangel geführt und die Immobilienpreise in die Höhe getrieben. Ein grosser Teil der gut fünf Millionen Norwegerinnen und Norweger hat nur sehr beschränkt vom Ölboom profitiert.

Nun zeichnet sich eine gewisse Normalisierung ab. Die norwegische Krone hat zum
Jahresende den tiefsten Wechselkurs der letzten 20 Jahre erreicht; Zehntausende Gastarbeiter aus dem benachbarten Schweden haben Norwegen wieder verlassen. Die bürgerliche norwegische Regierung hat damit aufgehört, den staatlichen Ölfonds zu äufnen, sondern hat diesen nun zur Deckung laufender Ausgaben angezapft. Statt einseitig auf Öl und Gas will Norwegen wieder vermehrt auf die Fischwirtschaft setzen, die andere grosse Ressource des Landes.