«Die Offensive ist ein Test für die irakische Armee»

Iraks Armee will die Terrormiliz IS aus der Stadt Tikrit vertreiben. Ob das gelingt, hängt auch von den sunnitischen Stämmen ab, die in der Region wohnen. Diese fürchten die Rache der schiitisch geprägten Armee möglicherweise mehr als die IS-Milizen, sagt eine Irak-Kennerin.

Drei Panzer der irakischen Armee stehen in einer Reihe, auf einem sind drei bewaffnete Männer zu sehen.

Bildlegende: Mehrheitlich schiitisch und deshalb von sunnitischen Stämmen gefürchtet: Truppen der irakischen Armee. Reuters

SRF News: Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kontrolliert Tikrit seit vergangenem Juni. Nun will die irakische Armee die Stadt 160 Kilometer nordwestlich von Bagdad zurückerobern. Was weiss man über den Stand der Offensive?

Inga Rogg: Die Iraker verlegten in den letzten Tagen Tausende Truppen in Richtung Tikrit. Heute Morgen nun begann die mehrfach angekündigte Offensive. Irakische Medien vermelden erste Erfolge: Die Armee habe einige Ortschaften rund um Tikrit eingenommen.

«  Es wird sich zeigen, ob die sunnitischen Stämme um Tikrit die mehrheitlich schiitische Armee unterstützen. »

Ist die Offensive auf Tikrit Teil der von den USA für April angekündigten Offensive auf die Grossstadt Mossul?

Nein, denn die USA haben ihre eigenen Aussagen bereits wieder abgeschwächt. Sie sagen nun, der Angriff auf Mossul werde wohl frühestens im Herbst stattfinden. Die Armeeeinheiten müssten erst entsprechend ausgebildet werden. Die Einnahme von Tikrit – sollte sie denn gelingen – ist aber sicher eine wichtige Voraussetzung, um einen Angriff auf Mossul überhaupt ins Auge fassen zu können.

Die Kämpfer der Terrormiliz IS haben sich in Tikrit verschanzt. Wie schätzen Sie deren militärische Stärke ein?

Das ist schwer abzuschätzen. Die Extremisten verminen jeweils ganze Gebiete, Brücken und Häuser. Das macht das Vorrücken der irakischen Armee schwierig. Die militärische Stärke des IS hängt aber auch vom Verhalten der sunnitischen Stämme ab, die im Umland der Stadt leben. Die ganze Region um Tikrit ist mehrheitlich sunnitisch. Es wird sich zeigen, ob sie die mehrheitlich schiitischen irakischen Truppen und Milizen unterstützen. Möglich ist auch, dass sie die Rache der Schiiten mehr fürchten als den IS. In der Stadt selber leben nur noch wenige Zivilisten: die Ärmsten, die nicht fliehen konnten.

«  Iraks Ministerpräsident Abadi hat den Sunniten eine Amnestie in Aussicht gestellt. »

Die irakische Armee greift nun also Tikrit an. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich die Machtverhältnisse in dem Land verändern?

Die Offensive ist ein Test für die irakische Armee. Sollte sie das Gebiet einnehmen können, muss sich zeigen, ob sie es auch langfristig halten kann. Auch die Regierung von Ministerpräsident Haider al-Abadi steht auf der Probe: Er muss beweisen, dass er die schiitischen Milizen im Griff hat und diese keine Massaker an sunnitischen Stammesangehörigen der Region verüben? Das hat er im Vorfeld der Offensive versprochen. Zudem stellte er den Sunniten eine Amnestie in Aussicht.

Das Gespräch führte Daniel Hofer.

Inga Rogg

Inga Rogg

ZVG

Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.