«Die Panzerrohre sind auf Syrien gerichtet»

Noch ist unklar, ob und wann die türkische Armee in Syrien eingreift. Wird Erdogan den Kurden zu Hilfe eilen oder abwarten, bis sie vom IS überrannt und ihre Autonomiebestrebungen zunichte gemacht sind? Einschätzungen von Thomas Seibert an der türkisch-syrischen Grenze.

Panzer stehen im Gelände, alle Rohre in die gleiche Richtung gerichtet.

Bildlegende: Türkische Panzer sind an der Grenze zu Syrien aufgefahren. Reuters

SRF: Sie befinden sich zurzeit an der türkisch-syrischen Grenze. Dort stehen die türkischen Panzer offenbar bereit?

Thomas Seibert: Das ist richtig. Im Grenzdorf Mürsitpinar – auf der syrischen Seite gegenüber liegt in unmittelbarer Nähe die umkämpfte Stadt Kobani (Arabisch: Ain al-Arab) – sind auf einem Hügel mindestens 30 Panzer aufgefahren, Panzerhaubitzen stehen in frisch ausgehobenen Stellungen, die Rohre sind auf Syrien gerichtet. Es gibt sehr viel Armee und Polizei auf den Strassen an der Grenze. Man hört auch den Gefechtslärm aus Syrien. Die IS-Terroristen sollen unmittelbar vor der Einnahme Kobanis stehen.

Gemäss türkischen Politikern ist dennoch völlig offen, wann Ankara allenfalls in die Kämpfe eingreift. Wovon hängt dies ab?

Davon, wieviel internationale Unterstützung die Türkei für ihre eigenen Ziele erhält. Präsident Erdogan hat mehrmals erklärt, er wolle auf der syrischen Seite der Grenze sogenannte Pufferzonen einrichten. Dort sollen syrische Flüchtlinge versorgt werden können. Der Plan stösst international auf Skepsis und ich glaube nicht, dass die Türkei ihre Armee alleine losschicken wird. Allerdings sind ab sofort kleinere, gezielte Interventionen in Syrien möglich. Im Mittelpunkt steht derzeit das osmanische Mausoleum von Schah Sulaiman. Es steht auf syrischem Boden, etwa 35 Kilometer von der Grenze entfernt am Assad-Stausee. Es wird von rund 30 türkischen Soldaten bewacht und soll seit Wochen von IS-Kämpfern umzingelt sein. Ankara ist besorgt, dass die Terroristen das Mausoleum nun angreifen und die Soldaten als Geiseln nehmen könnten. Im Notfall sollen türkische Spezialeinheiten per Hubschrauber dorthin geflogen werden, um gegen den IS zu kämpfen.

«  Ankara ist besorgt, dass die IS-Terroristen das Mausoleum angreifen könnten. »

Zurück zu den erwähnten Pufferzonen: Wo und wofür ist die Errichtung solcher Zonen konkret gedacht?

Offiziell gibt es dazu keine Angaben. Laut Presseberichten denkt Ankara an die Einrichtung von drei oder vier solcher Zonen entlang der 900 Kilometer langen Grenze zu Syrien. Offiziell sollen dort syrische Flüchtlinge versorgt werden können. Doch mit solchen Zonen könnte die Türkei möglicherweise auch gegen kurdische Autonomiebestrebungen in Nordsyrien vorgehen wollen. Denn die autonomen kurdischen Zonen, die sich seit Beginn des Bürgerkriegs in Nordsyrien gebildet haben, könnten auch ein Vorbild für die Kurden in der Türkei sein – das macht Ankara Sorgen. Ausserdem könnten die Pufferzonen der türkischen Armee als Sprungbrett für Erdogans eigentliches Hauptziel dienen: Die Entmachtung von Baschar al-Assad in Damaskus.

Wie berechtigt ist die Angst der Kurden, die Kontrolle in dem Gebiet an die Türkei zu verlieren?

Erdogan spricht immer in einem Atemzug vom Islamischen Staat und der kurdischen Rebellengruppe PKK. Nun hat ja der syrische Ableger der PKK die kurdischen Autonomiegebiete in Nordsyrien geschaffen. Insofern hat man schon das Gefühl, dass es bei diesen Pufferzonen auch um die Kurden gehen könnte. Die Kurden hier an der Grenze sind jedenfalls sicher, dass dem so ist. Aus allen Landesteilen der Türkei sind Kurden hierher gereist, um ihre Solidarität mit den syrischen Kurden zu demonstrieren.

Steht damit auch der Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und den Kurden auf der Kippe?

Wenn Ankara nicht aufpasst, kann das durchaus passieren. Bereits hat die PKK mit der Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes gegen die Türkei gedroht, sollten die Pufferzonen in kurdischem Gebiet eingerichtet werden. Zwar spricht die türkische Regierung nach wie vor mit dem inhaftierten PKK-Führer Öcalan über eine Friedenslösung. Doch wenn die Kurden das Gefühl haben sollten, dass Ankara militärisch gegen die syrischen Kurdengebiete vorgehen will, dann ist dieser Friedensprozess in Gefahr.

Wie ist die Stimmung in der türkischen Bevölkerung? Ist sie dafür, dass man den Kampf gegen den IS militärisch führt?

Gemäss Umfragen gibt es Zustimmung für Massnahmen gegen den IS, 90 Prozent der Bevölkerung sehen ihn als Terrororganisation. Allerdings wird auch befürchtet, dass durch ein militärisches Eingreifen in Syrien Vergeltungsaktionen des Islamischen Staates in der Türkei provoziert werden könnten. Zudem gibt es in der Türkei starke anti-amerikanische Tendenzen. So wird der Parlamentsentscheid von gestern damit kommentiert, dass sich die Türkei zum Büttel der USA mache. Diese wollten in Syrien nun richtig losschlagen und bräuchten dazu die türkischen Luftwaffenstützpunkte, wird kolportiert.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die Befürchtungen der Kurden

    Aus 10vor10 vom 2.10.2014

    Das türkische Parlament hat heute beschlossen, dass ab sofort Soldaten zur Bekämpfung des IS nach Irak und Syrien entsendet werden dürfen. Auch wenn die kurdische Stadt Kobane unter starkem Beschuss steht, kommt die Nachricht bei den Kurden in der Schweiz nicht gut an. Sie befürchten, dass die türkische Armee nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen kurdische Unabhängigkeitskämpfer vorgeht.

  • Das türkische Palrament berät über einen Kampfeinsatz der türkischen Armee in Syrien.

    Die Türkei will gegen den «Islamischen Staat» kämpfen

    Aus Echo der Zeit vom 2.10.2014

    Seit zwei Wochen stehen die Extremisten der Terrormiliz IS vor Ain al-Arab oder Kobane, einer bislang von Kurden kontrollierten Stadt an der syrisch-türkischen Grenze.

    Unter dem Eindruck dieses Vormarschs will sich die türkische Regierung vom Parlament die Erlaubnis für einen Militäreinsatz geben lassen.

    Iren Meier