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International «Die Politik Israels ist unhaltbar»

Nicht alle Juden sehen in den aktuellen Demonstrationen gegen Israel antisemitische Motive. Einer, der die Politik Israels kritisiert und anti-israelische Demos befürwortet, ist Rolf Verleger, ehemals aktiv im Zentralrat der Juden in Deutschland.

Israelische Kämpfer und ein Panzer im Gazastreifen.
Legende: Verleger: «Der Hass gegen Israel ist die logische Folge dessen, was Israel über Jahre der arabischen Welt angetan hat.» Reuters

«Ich engagiere mich gegen Judenhass, indem ich die Position der israelischen Regierung unhaltbar finde und öffentlich kritisiere», sagt Rolf Verleger.

Damit nimmt das ehemalige Direktionsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland eine etwas andere Position ein als die meisten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Diese würden beim geringsten Anflug von Kritik an den militanten Massnahmen der israelischen Politik ‹Antisemitismus!› rufen, stellt Verleger fest.

Keine gemeinsame Haltung

Dabei seien die Juden in Deutschland überhaupt nicht repräsentativ für die Haltung der jüdischen Diaspora auf der Welt. Er verweist auf die jüdische Gemeinschaft in den USA. Dort leben sechs bis sieben Millionen Juden. Von ihnen würde nur rund ein Drittel die harte Linie der pro-israelischen Lobby in den USA, Aipac, unterstützen. Ein weiteres Drittel stehe der israelischen Politik sehr kritisch gegenüber, während der Rest eine quasi neutrale Haltung einnehme.

Von der These, der Antisemitismus habe in Europa nur geschlummert und breche nun hervor, hält Verleger nichts. «Ich denke, dass der Hass gegen Israel die logische Folge dessen ist, was Israel über Jahrzehnte der arabischen Welt angetan hat.» Israel habe nie den wirklichen Kompromiss gesucht. «Das kann nicht so weitergehen», betont er.

Schliesslich falle dieses Verhalten auch auf das Judentum zurück. Israel müsse gegenüber den Palästinensern dringend einen weicheren Kurs fahren. Und da es einen solchen nicht von alleine einschlage, müsse Europa Druck auf das Land ausüben.

Vorwürfe an die deutsche Regierung

Auch deshalb unterstützt Verleger die Demonstrationen gegen Israel: «Wenn wir gegen das Gaza-Massaker demonstrieren, dann demonstrieren wir nur in zweiter Linie gegen Israel.» In erster Linie gelte der Protest der eigenen – der deutschen – Regierung. «Unsere Regierung ist durch die Duldung und die Beschönigung der israelischen Aggressionspolitik gegen Gaza mitverantwortlich, was dort passiert.»

Die deutsche Regierung spreche von einem ‹legitimen Verteidigungsakt Israels›. Das finde die Bevölkerungsmehrheit in Deutschland absurd, so Verleger. Deshalb müsse man auf die Strasse gehen. «Würde unsere Regierung eine vernünftige Position einnehmen, so müsste man gar nicht dagegen demonstrieren.»

Zur Person

Rolf Verleger ist Psychologie-Professor. Bis 2006 war er Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden Deutschlands. Wegen seiner israelkritischen Haltung wurde ihm das Mandat entzogen.

43 Kommentare

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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    Man darf den Islamisten nicht weiter so halbherzig begegnen.Man verurteilt die Taten,aber man rührt keinen Finger,um etwas zu unternehmen.Von Verurteilungen hat sich noch kein Islamist davon abschrecken lassen seinen Krieg durchzuführen.Europa muss klar machen,dass man ablehnend gegenüber Unterdrückung und Verfolgung von Andersdenkenden steht.Das Gerede von "freiheitlich demokratischen Werten" und gleichzeitiger Tatenlosigkeit gegenüber extremen Kräften im In- und Ausland will niemand mehr hören
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    1. Antwort von H. Frühling, Bern / Zürich
      @Kerze: Und weil man gegen Unterdrückung sein muss, muss man Muslime - sprich Palästinenser - unterdrücken. Genau, diese extremen Kräfte in der Schweiz will niemand mehr hören.
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    2. Antwort von M. Bolder, Muhen
      B. Kerzenmacher und H. Frühling, Sie liefern gerade einen schönen Anschauungsunterricht, wie man in einem Konflikt keinen Schritt weiterkommt. Weshalb kann man nicht Israel und den "Islamisten" mit einer klaren Haltung entgegentreten? Wer sagt, dass man sich hier für die eine oder die andere Partei entscheiden muss? Unterdrückung lässt sich vermutlich nie rechtfertigen, ganz egal, von wem sie ausgeht.
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  • Kommentar von M. Bolder, Muhen
    Mir scheint sehr wichtig, was Verleger sagt: Man ist nicht automatisch ein Antisemit, weil man das Handeln Israels sachlich kritisiert. Man darf und muss sich kritisch äussern dürfen. Ich halte die Politik Israels seit der Ermordung Rabins im November 1995 für recht unglücklich. Trotzdem möchte ich mir aber nicht anmassen, Israel einen Lösungsvorschlag zu machen.
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    1. Antwort von M. Bolder, Muhen
      Israel hat die fast doppelt so hohe Bevölkerungsdichte wie die Schweiz, dazu ein wesentlich höheres Bevölkerungswachstum, was grosse innere Spannungen mit sich bringt. Das Land, das an der schmalsten Stelle gerade mal 15km breit ist, ist umgeben von lange Zeit feindlich gesinnten arabischen Staaten, die sich zurzeit allesamt mehr oder weniger stark im Umbruch befinden. Es ist für Israel schwierig abzuschätzen, wie es aussenpolitisch weitergehen wird.
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    2. Antwort von M. Bolder, Muhen
      Es bleibt zu hoffen, dass sich in Israel eine Mehrheit findet, die die Situation adäquat einzuschätzen weiss und dem Friedensprozess wieder eine echte, ehrliche und faire Chance gibt. Umgekehrt bleibt zu hoffen, dass im Westjordanland und im Gazastreifen die radikalen Kräfte an Einfluss verlieren und die Gebiete sich dem Aufbau einer tragenden Staatsgemeinschaft zuwenden (können). Nur wenn auf beiden Seiten Veränderungen passieren, kann es eine friedliche Lösung geben.
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  • Kommentar von Manuel Gasser, Schaffhausen
    Mit dem (Medien-) Strom schwimmt es sich einfacher als gegen den Strom. Wenn man die Geschichte Israels kennt und sich als Israelktitiker einen Namen macht ist man ein absoluter Ignorant. Wo sind die Hamas Kritiker, das sind die Verbrecher, die Zivilisten nicht erlauben aus den Häusern zu gehen und Frauen und Kinder als Schutzschilder nehmen?
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