Zum Inhalt springen

Die Rose ist am Welken Der Abstieg der Sozialdemokraten in Europa

Ein Zeitalter geht zu Ende. Die Sozialdemokraten in Europa verlieren immer mehr Wähler. Eine Übersicht.

Logo der Sozia
Legende: Die Rose ist traditionell das Symbol der Sozialdemokraten. Zahlreiche Parteien verwenden sie deshalb im Logo. Imago

Im Jahr 2000 waren Sozialdemokraten an der Mehrzahl der Regierungen in der EU beteiligt oder führten diese sogar an. Nach der Wahlschlappe in Deutschland letzte Woche sind gerade mal in sieben von 28 Staaten Sozialdemokraten an der Macht. Sollten sich die Wahlprognosen in Österreich und in Italien bewahrheiten, werden es bald nur noch deren fünf sein und dies erst noch in kleineren Ländern: Malta, Portugal, Rumänien, Schweden und die Slowakei.

In Deutschland kassierte die SPD mit 20,5 Prozent der Stimmen sogar das schlechteste Wahlergebnis seit ihrer Gründung. Nachdem die Sozialdemokraten in den letzten Jahren in einer rot-schwarzen Koalition mit CDU/CSU regiert haben, wollen sie nun in die Opposition gehen.

Legende:
Sozialdemokratische Partei Deutschlands Wähleranteile der SPD in Prozent Bundeswahlleiter

Auch bei den Wahlen in Österreich am kommenden 15. Oktober sieht es für die Sozialdemokraten nicht gut aus. Der SPÖ droht ein historischer Tiefstwert, weniger als 26,8 Prozent sollen es werden. Damit würde die Partei auf den dritten Platz hinter ÖVP und FPÖ zurückfallen und wohl nicht mehr regieren. Die rot-schwarze Koalition mit der ÖVP war von Streitigkeiten und gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt.

In Frankreich erlitt die Parti socialiste (PS) in diesem Jahr ebenfalls eine herbe Niederlage. In der Nationalversammlung verfügt die PS in der Parlamentsfraktion Nouvelle Gauche nur noch über 31 Abgeordnete, darunter drei Mitglieder anderer Parteien. Nach den Wahlen 2012 stellten die Sozialisten noch 280 von 577 Abgeordneten.

Legende:
Parti socialiste (Frankreich) Wähleranteile der PS in Prozent. Die Angaben beziehen sich jeweils auf das Abschneiden im ersten Wahlgang für die Nationalversammlung. Französisches Innenministerium

Auch in den Niederlanden traf es die PvdA (Partei der Arbeit) im März besonders heftig. Von 24,8 auf 5,7 Prozent – das schlechteste Ergebnis der Parteigeschichte. Und noch nie hat eine Partei in den Niederlanden so hoch verloren. Behalten konnte sie von ursprünglich 38 Sitzen gerade mal deren neun. Die PvdA hatte zuvor mit der konservativ-liberalen VVD eine Regierungskoalition gebildet.

In Griechenland stürzte die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) auf kümmerliche 6,3 Prozent ab, auch wegen der Finanzkrise. 2009 wählten noch 43,9 Prozent der Griechen die langjährige Regierungspartei.

Legende:
Pasok (Griechenland) Wähleranteile in Prozent der Pasok bei den Parlamentswahlen Griechisches Innenministeriumg

In Irland fiel 2016 die Zahl der Abgeordneten der Irish Labour Partei um spektakuläre 81 Prozent auf sieben Sitze.

Spaniens Sozialisten erzielten im gleichen Jahr – mit immerhin 22 Prozent – trotzdem das schlechteste Ergebnis in der 140-jährigen Geschichte der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE).

In Italien erzielte die Partito Democratico von Matteo Renzi bei den Parlamentswahlen 2013 25,4 Prozent. Fünf Jahre zuvor kam sie noch auf 33,2 Prozent. Die Wiederwahl von Matteo Renzi als Ministerpräsident gilt als eher unwahrscheinlich.

Auch in Polen konnten sich die Sozialdemokraten, die sich mit insgesamt sechs Parteien der politischen Linken, des Liberalismus und der Grünen Bewegung zur Vereinigten Linken zusammenschlossen, nicht behaupten. Sie kamen 2015 auf gerade mal 7,6 Prozent der Stimmen, weit abgeschlagen hinter der rechtsnationalistischen PiS mit 37,6 Prozent. Nicht zuletzt, weil sich das Sozialprogramm der PiS sich nicht gross von demjenigen der Vereinigten Linken unterschied.

Eine Ausnahme bildet Grossbritannien: Bei den Wahlen im Juni konnte die Labour-Partei Wähler hinzugewinnen und erreichte 40 Prozent. Um die Regierung zu stellen, reichte es nicht, trotzdem eine Sensation. Hatten doch alle prophezeit, dass die Partei das schlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte einfahren werde. Grund für den Erfolg ist ihr Parteivorsitzende und Sozialist Jeremy Corbyn. Dessen linke Agenda lehnte zwar die Mehrheit der Labour-Abgeordneten ab, den Wählern gefiel sie aber offenbar: Bahn, Post und Elektrizitätswerke wieder verstaatlichen, Steuern für Reiche erhöhen und Studiengebühren streichen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Die Sozialdemokraten haben gegen die neoliberale Wirtschaftsordnung schlicht die falschen Rezepte. Ihre ökonomischen Vorstellungen können nicht aufgehen. Auch sie setzen z.B. auf exponentielles Wachstum. Sozialdemokratische Regierungen in Europa konnten die Umverteilung nach oben nicht aufhalten. Die sozialistischen und sozialdemokratischen Ideen sind im Grunde so angelegt, dass sie dem Kapitalismus niemals gefährlich werden können -> untaugliche Alternativen als "Support" für den Kapitalismus.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Die SPD in D. wollte ja unbedingt Regierungspartei sein. Und man weiss ja, dass Parteien, welche zusammen mit der CDU & Merkel regieren dann Wählerstimmen verlieren. Der FDP in D. ist es ja ebenso ergangen. Ein soziales Anliegen damals von Westerwelle eingebracht, wurde von Scheuble, dem Finanzminister von Merkel ja abgeschmettert. Bedeutete dann das "Aus" für die Partei über viele Jahre.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Dani Queren (Queren)
    Der einfache Bürger wird von den Sozialdemokraten nicht mehr vertreten, auch bei uns nicht. Die Grünen sind für ihn keine Alternative. Das Wort Sozialindustrie ist heute aber zu einer sichtbaren Realität geworden. Die Profiteure von dieser "neuen Industrie" sind aber nicht die Arbeitenden. SPD und SP fühlen sich dieser Sozialindustrie mehr verpflichtet als dem Büezer. Der Niedergang dieser politischen Gruppe wird somit in Stein gemeisselt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen