Die schwierige Vergangenheit zweier Nachbarn

Irlands Präsident Michael Higgins weilt zu Besuch bei Queen Elizabeth II. in London. Keine Selbstverständlichkeit. Die Beziehungen zu Grossbritannien waren lange Zeit angespannt.

Grossbritannien und Irland befinden sich auf Versöhnungskurs. Das war lange Zeit anders.

  • Im Jahr 1916 kommt es zum Osteraufstand. Militante Republikaner versuchen, die Unabhängigkeit von Grosspritannien gewaltsam zu erzwingen. Die verschiedenen Widerstandsgruppen vereinigen sich zur «Irish Republican Army» (IRA). Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Trotzdem: Er gilt als Wendepunkt in der irischen Geschichte. Der blutige Bürgerkrieg endet in der Unabhängigkeit Irlands.
Schwarzweiss Aufnahme, Menschen im Vordergrund, im Hintergrund zerstörte Gebäude

Bildlegende: Die Zerstörung, welche die «Irisch Republican Army» (IRA) anrichtete war gross. Keystone

Die Folge des Bürgerkriegs: Im Süden der Insel entsteht 1922 der irische Freistaat. Das bereits 1920 im «Government of Ireland Act» aus sechs der neun Countys von Ulster gebildete Nordirland macht sogleich von seinem Recht Gebrauch, aus dem Freistaat auszutreten und beim Vereinigten Königreich zu verbleiben. In der Hoffnung, seinen Einfluss auf den neuen Staat Irland sicherzustellen, bestand England allerdings darauf, dass Irland Mitglied des Commonwealth blieb. Nordirland bildet eine separate politische Einheit mit eigener Verfassung, eigenem Parlament und eigener Lokalverwaltung.

Eine Republik und ein «Blutiger Sonntag»

  • Aus dem Freistaat Irland wird die Republik Irland. Sie tritt gegen den Willen Englands aus dem Commonwealth aus, erhebt aber nach wie vor Anspruch auf die sechs Countys in Nordirland.
  • Die Entstehung einer katholischen Bürgerrechtsbewegung führt 1968 und schliesslich zu Unruhen zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland. 1969 kommt es zum massiven Eingreifen der englischen Armee. Der Konflikt um Nordirland eskaliert.
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«Bloody Sunday»: David Cameron entschuldigt sich

1:48 min, aus Tagesschau vom 15.6.2010

Während des «blutigen Sonntags» am 30. Januars 1972 erschiessen britische Fallschirmjäger unbewaffnete Demonstranten. Die IRA verübt in der Folge immer wieder Bombenanschläge – auch in London. Dem Konflikt in Nordirland fallen zwischen 3'300 bis 3'700 Menschen zum Opfer, rund 42'000 werden verletzt – je nach Schätzung.

Allerdings die Mehrheit der nordirischen Katholiken lehnt die IRA ab. Auf der anderen Seite stehen protestantische Unionisten. Sie terrorisieren die katholische Zivilbevölkerung.

Das «Karfreitagsabkommen» und Entspannung

  • Am 10. April 1998 kommt es zu einem Abkommen zwischen der Regierung der Republik Irland, der Regierung Grossbritanniens und den Parteien in Nordirland. Darin verzichtet Irland auf die Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland. Allerdings werden der Republik Irland Mitspracherechte in nordirischen Angelegenheiten eingeräumt. Das Abkommen sieht zudem die Selbstverwaltung Nordirlands unter gleichberechtigter Beteiligung von Protestanten und Katholiken vor.
  • Im Mai 2011 besucht die britische Königin Elizabeth II. als erste britische Monarchin die Republik Irland. Beim letzten Besuch eines britischen Staatsoberhaupts 1911 war Irland noch Teil des Vereinigten Königreichs. Der Besuch der Queen wird von einer Mehrheit der Iren begrüsst. Er gilt als wichtiges Symbol der Versöhnung Irlands mit der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien.
Video «Bei der Ankunft der Queen in Dublin kam es auch zu Protesten. («Tagesschau», 17.05.2011)» abspielen

Bei der Ankunft der Queen kam es auch zu Protesten

3:33 min, aus Tagesschau vom 17.5.2011

  • Im April 2014 trifft wird erstmals ein irisches Staatsoberhaupt offiziell im Vereinigten Königreich empfangen. Damit scheinen sich die angespannten Beziehungen beider Länder wieder zu normalisieren.
Michael Higgins aus Flugzeug steigend, Soldaten im Vordergrund.

Bildlegende: Am 8. April 2014, Ankunft von Irlands Präsidenten Michael Higgins. Dort wird er Queen Elizabeth treffen. Reuters

Anders sieht dies der linksliberale britische «Guardian»: «Der viertägige Besuch von Präsident Michael Higgins in London bedeutet eine Chance, den Prozess der Normalisierung zwischen Irland und Grossbritannien fortzusetzen.» Doch man dürfe sich nicht täuschen lassen. Die Spannungen der Vergangenheit seien nicht allesamt beruhigt, besonders nicht im Zusammenhang mit Nordirland.

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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die britische Königin Elisabeth, ihr Gast, der irische Präsident Michael Higgins und Prinz Charles, vor dem Schloss Windsor.

    Ein Ire in London

    Aus Echo der Zeit vom 8.4.2014

    Noch nie seit der Abspaltung der Republik Irland vom Vereinigten Königreich 1921 hat ein irisches Staatsoberhaupt die Nachbarinseln offiziell besucht. Der irische Präsident Michael Higgins holt dies nun nach.

    Martin Alioth

  • Roter Teppich in London Heathrow für den irischen Präsidenten Higgins und seine Frau (vorne rechts).

    Roter Teppich für Irland

    Aus Rendez-vous vom 8.4.2014

    Seit rund 850 Jahren pflegen die Bewohner der britischen und der irischen Insel ihre gespannten Beziehungen. Verbunden durch Kultur und Sprache, entzweit durch Politik und Wirtschaft.

    Vor drei Jahren besuchte die britische Königin erstmals die Republik Irland, nun ist der irische Präsident, Michael Higgins, auf Staatsbesuch bei der Nachbarin.

    Martin Alioth