Zum Inhalt springen

International «Die Syrer kommen sowieso»

Für den UNO-Sondergesandten François Crépeau geht die Diskussion über Migranten in Europa in die völlig falsche Richtung. Der Völkerrechtler plädiert längerfristig für eine Öffnung der europäischen Grenzen. Und kurzfristig für die Aufnahme von einer Million syrischen und eritreischen Flüchtlingen.

Eine Frau mit Kind auf dem Arm, im Hintergrund weitere Menschen, dazu eine Fähre.
Legende: Ihnen ist die Flucht geglückt: Flüchtlinge aus Syrien kommen in Griechenland an. Reuters

SRF News: Herr Crépeau, wie wollen Sie die europäischen Politiker dafür gewinnen, kurzfristig eine Million syrische Flüchtlinge aufzunehmen?

François Crépeau: Die Syrer kommen sowieso. Fragt sich, ob wir es den Schleppern überlassen, diesen Fluss von Menschen zu kontrollieren, oder ob wir das selbst in die Hand nehmen. Ich schlage vor, dass der «globale Norden» eine Million Syrer und Eritreer in den nächsten fünf Jahren aufnimmt. Für die Schweiz würde das etwa 3000 Personen pro Jahr bedeuten. Das wäre absolut machbar.

Die Schweiz macht das ja schon.

Eben. Eine Million klingt nach viel. Wenn man die Zahl aber in Beziehung setzt zu 500 Millionen Europäern, wird sie rasch klein.

Die Mehrheit der Migranten sind ja nicht politische Flüchtlinge, sondern Menschen, die vor der Misere im Nahen Osten und Afrika flüchten. Wie wollen sie diese Ströme steuern?

Wir müssen uns vor Augen führen, dass es für viele sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge ebenfalls ums Überleben geht; genauso wie für die politischen Flüchtlinge. Das sind Menschen, die in ihren Herkunftsländern nichts haben und nur überleben wollen. Auch sie brauchen einen gewissen Schutz – wenn auch nicht den gleichen wie politische Flüchtlinge. Wenn wir diese Menschen bei ihrer Migration nicht unterstützen, tun es die Schlepperbanden.

Auch für die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge geht es ums Überleben.

Wie soll der Norden das machen, ohne dass er von Migranten überrannt wird?

Die Idee ist, den Leuten die Einreise massiv zu erleichtern. Zum Beispiel indem man ihnen Visa gibt und sie über offizielle Grenzübergänge einreisen lässt. Wir erteilen ihnen zum Beispiel eine Aufenthaltsbewilligung, um hier Arbeit zu suchen. Finden sie eine, bekommen sie eine Aufenthaltsbewilligung. Ansonsten müssen sie ausreisen, dürfen aber wieder kommen. Das schafft den Anreiz, dass sie in der Legalität bleiben. Eine solche Regelung würde nicht nur den Schlepperbanden das Geschäft verderben, sondern auch Arbeitgebern, die Migranten schwarz anstellen und sie ausbeuten. Die Behörden hätten mehr Kontrolle. Und der Staat wüsste wieder, wer kommt, wer arbeitet und wer Steuern bezahlen muss.

Das würde aber nichts daran ändern, dass gewisse Länder in Europa attraktiver sind als andere. Die Schweiz zum Beispiel würde überrannt.

Meine Vorschläge müssen nicht am 1. Januar 2016 umgesetzt werden. Ich präsentiere Ideen für die nächsten 15, 20 Jahre. Bevor wir sie umsetzen können, müssen wir die Asyl- und die Sozialpolitik harmonisieren, das ist klar. Wenn es überall ähnliche Standards gibt, wird sich die Migration in Europa besser verteilen. Die Migranten werden dorthin gehen, wo sie Arbeit finden. Und zwar legale Arbeit und nicht Schwarzarbeit wie beispielsweise heute in der italienischen Landwirtschaft. Das ist für alle von Vorteil. Aber dafür müssen wir die Migranten in die Legalität bringen und weg von den Schleppern.

Sehen Sie Politiker in Europa, die ihre ehrgeizigen Reformen umsetzen wollen?

Sehr wenige. Unsere Demokratien dienen nur jenen Menschen, die repräsentiert werden. Die Politiker müssen die Migranten nicht berücksichtigen. Darum müssen wir die Stimmen der Migranten in die Öffentlichkeit holen und so den Mitteparteien Argumente liefern. Wenn Sie die Menschen fragen: «Hat es zu viele Muslime bei uns?» Dann sagen alle ja. Wenn Sie sagen: «Mohammed aus der Wohnung unter ihnen muss ausreisen», dann heisst es: «Nein, der doch nicht, den kennen wir.» Wir müssen dafür sorgen, dass Migranten nicht mehr als bedrohliche Masse, sondern als Individuen wahrgenommen werden. Und ich finde: Wir sollten unsere Wahlgesetze anpassen. Wer hier lebt und Steuern bezahlt sollte auf lokaler Ebene auch wählen dürfen – nicht nur die Bürger, die hier oder um Ausland leben.

Sie kritisieren Europa, weil es die Schlepperei fördere. Aber die Migranten fliehen zunächst einmal vor der Misere in ihren Ländern. Müssten Sie als UNO-Sonderberichterstatter nicht vor allem die Situation in diesen Ländern kritisieren?

Keine Frage: Länder, die von Konflikten betroffen sind, brauchen Demokratie und Entwicklung. Daran arbeitet die UNO und dabei gibt es ja auch gewisse Erfolge. Aber: Migration gab es immer und wird es immer geben. Wenn wir Migranten besser schützen, ihnen mehr legale Einreisemöglichkeiten geben, ist das auch zu unserem Vorteil. Wir drängen die Schlepper-Mafia zurück. Wir würden wieder wissen, wer kommt, wer geht. Wir würden unsere Grenzen wieder wirklich kontrollieren.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

François Crépeau

François Crépeau

Der Kanadier François Crépeau ist Professor für Völkerrecht an der McGill University in Montréal. Seit 2011 amtet er zudem als Sonderberichterstatter der UNO für die Menschenrechte von Migranten.

EU-Staaten gegen Quoten

EU-Staaten gegen Quoten

Die Flüchtlingsfrage spaltet Europa. Die Mehrheit der EU-Staaten will sich nicht dazu verpflichten, Flüchtlinge aus Italien und Griechenland aufzunehmen. Hier erfahren Sie mehr.

80 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Loesungsvorschlag! Lieber Wladimir Putin, Dein Land ist riesengross, beinahe leer und trotzdem hungert Dich nach mehr... also, anstatt teure Atomraketen zu bauen verwende doch den Kluetter fuer die Migranten.. Du koenntest ohne Weiteres so 10 - 20 Mio verkraften.. und waere immer noch billiger als die Aufruestung.. man wuerde den Boikott aufheben und Dich WELTWEIT loben, der Vatikan wuerde Dich sogar event heilg sprechen.. also was zoegerst Du... gehe voran, werde zum beliebtesten Weltbewohner!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von C. Szabo, Thal
      Sie haben recht, Herr Nanni. Putin hat Assad verteufelt und die ganze Fluchtbewegung ausgelöst. Ach nein, das war die USA und einige europäische Pudel und der IS, ebenfalls eine neue Kreation von SA und US-Agenten. Die USA wollte den Einfluss von RU im Mittelmeer verkleinern. Assad ist ja ein wirklicher Unmensch. Ganz anders sind die Herrscher in Saudi Arabien und anderen Emiraten. Die Demokratie ist vorbildlich, da sie ja die USA als Vorbild haben. Schon komisch.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Klaus Markus, Zürich
      An dieser Stelle sollte man vielleicht anmerken dass die Russen ziemlich eindeutig vor einem Einmarsch in den Irak gewarnt hatten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit SA
      C.Szabo.. SIE haben mich sehr gut verstanden.. Sie wissen WAS und WIE ich es meine.. soo Dumm wie Sie sich darstellen sind Sie nicht..aber ich verstehe auch SIE was und wie Sie es meinen.. Nur, die Interessenkonflikte die uns die Migranten bescheren sind per se nicht Hausgemacht sondern wie von Ihnen angetoent von den Grossen, und da hat JEDER Dreck am Stecken!!!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von C. Szabo, Thal
      @F. Nanni: Da sich Europa von RU abwendet, wird sich die russ. Wirtschaft Hilfe aus den BRICS-Staaten, vor allem aus CN & IN holen. Die Ausbeutung der russ. Ressourcen, auch in der Arktis, wird enormem Bedarf an Personal & Material brauchen. Ich denke, die Verträge mit CN schliessen auch Personal & Ausrüstung mit ein. Aber auch in RU wird/muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen. Ohne eigene Anstrengung wird man immer Abhängig vom Ausland bleiben. Das kann nicht im Interesse des Staates liegen
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Die Syrer kommen (ob wir wollen oder nicht... genau so toent es!) Die sollen vor ORT grosszuegig gestuetzt werden.. wir schicken unsere Hilfe in die umliegenden Laender.. sie brauchen wirklich nicht den beschwerlichen Weg in die Schweiz zu unternehmen.. und Frau Somaruga darf sie dort unten im Libanon, Turkey etc besuchen, der Bund bezahlt die Spesen.. ist besser ist BILLIGER und dient ALLEN! Die CH wird nicht verfremdet und die Syrer bleiben in ihrem geliebten Umfeld, ihrer Kultur!!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von W. Balmer, Busswil
    Die UNO hat auf der ganzen Linie Versagt. Sie ist nur noch ein Schatten von sich selbst, welche das meiste Geld für ihre Berater und Funktionäre einsetzt. Die einzige Organisation die für den Weltfrieden verantwortlich ist, bringt es nicht zustande, diesen zu wahren. Dies bestätigen die weltweit immer häufiger werdenden Konflikte. Es ist Zeit, der FIFA des Weltfriedens die rote Karte zu zeigen. Die UNO muss sich dringenst neu überdenken.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit
      Die UNO sollte neu erfunden werden OHNE Vetorecht fuer Einzelne.. ohne Vetorecht fuer alle!!! OHNE.!!!!. dann entscheidet die Mehrheit. Dann muesste man allerdings der UNO MACHT abtreten..sich auch durchzusetzen!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen